Ode an mein Land

Neulich schrieb ich bei Facebook diesen Eintrag:

Gude,

ganz kurz: ich bin stolz und glücklich in einem Land leben zu können und dürfen, wo ich sagen kann, das ich Frau Merkel meistens doof finde, ich keine Angst haben muss, wenn ich Herrn Höcke als Faschisten bezeichne, vor dem Regal mit den Marmeladen stehe und nicht weiß, welche Erdbeer ich nehmen sollte und dann ohne wieder gehe, in dem jeder “Hans und Franz” seinen Podcast mit sinnleerem Geschwätz machen kann.

Ich bin froh und stolz, das es noch so reale und geerdete Politiker wie Fred Toplak gibt, die sich für ihre Stadt einsetzen (auch wenn er nicht mein Kreuz bekommen hat, da anderer Wahlkreis), Menschen wie Lutz Balschuweit, die sich immens in der Integration von Flüchtlingen engagieren, Menschen die sich tagtäglich den Arsch aufreißen, sei es bei der Tafel, im Sozialdienst oder bei der Polizei. Und keiner dankt es ihnen!

Nebenbei: Ich bin vor geraumer Zeit von Twitter weg gegangen, weil mir dieses kleinbürgerliche Gutmensch Getue, im wahrsten Sinne an die Nieren ging. Ich habe mich anstecken lassen von den ständigen Niggeligkeiten die dann in aller Öffentlichkeit breit getreten werden.

Mir wurde jetzt von einem Shitstorm berichtet, weil Boris Becker die Schiedsrichterin beim Tennis attraktiv fand. Da kann ich nur sagen: Seid Ihr bescheuert? Vielleicht hat Boris daneben gegriffen, aber deswegen so eine Welle zu machen…Zum Glück habe ich es nur am Rande mitbekommen. Ja, es geht mir jetzt wieder gut.

Ich habe auch zeitweilig aufgehört meinen geliebten WDR 5 zu hören, weil ich die Sorgen der Welt mit in die Nacht nahm. Auch das habe ich reduziert. Trump hat einen an der Murmel, dafür benötige ich keine aktuelle Nachrichten.

Ich vermisse in diesem Land die gute Stimmung, die Dankbarkeit, dieses Gefühl in einem tollen Land zu leben. Ich war zuletzt im Südschwarzwald und am Niederrhein – was haben wir tolle Landschaften. Und ich will herausschreien: Leute das müsst Ihr erleben. Setzt euch mit Eurem Lieblingsgetränk an den Rhein und schaut Schiffe. Ihr benötigt keine 21 tägige mongolische Adventure Tour.

Das Leben findet einfach statt, gleich vor der Tür.

Feiert euch, feiert das Leben und dieses Land – es ist nicht alles doof hier. Dann haben wir halt noch ein Jahr eine Maske auf. Und? Wenn es uns und dem Land hilft? Wenn ich weiß, das ein Intensivkrankenplatz da ist, wenn es meine liebe alte Mama erwischen sollte mache ich das halt so weiter. Und wenn der Nachbar noch 100 Gartenzwerge aufstellt: so what…

Liebt euch, liebt den Nächsten, liebt dieses Land. Hier ist nicht alles schlecht. Und ich fände so toll, wenn das Tolle auch mal benannt wird!!!

Gute Zeit euch allen…

Ein Streak Tag…

Die Geschichte ist eigentlich kurz erzählt: ich wollte eine Peak Week machen und durch intensives Training auf irgend einen Lauf vorbereiten. Ich habe es also geschafft 7 Tage am Stück in Folge zu laufen. Vielleicht schaffe ich es ja auch noch eine zweite Woche… Und eine Dritte. Vielleicht sogar einen ganzen Monat…?! Vielleicht ja auch 173 Tage, die mein Laufbuddy Sven geschafft hat…?!

Alles war möglich, das merkte ich. Was ich nicht merkte, waren die kleinen Veränderungen, die sich sich langsam eingeschlichen haben. Ich gebe zu, als Streak Novize sucht man sich meist irgendwelche Helden aus, die man uU. sogar um Rat fragen kann. In meinen Fall war es Lutz. Lutz ist (m)eine Streak Ikone, macht er das doch schon über 8 Jahre, weiß also was er tut. Obwohl er mal schrieb: solange er nicht wüsste warum, würde er halt weiter laufen. Er hat für sich erkannt, das er immer zur gleichen Zeit aufsteht und immer die gleiche Strecke läuft. Ich kann das so nicht handhaben, will ich auch nicht. Fakt ist: die Meile muss gelaufen werden. Und so bimmelt mein Wecker für gewöhnlich um 05:39 Uhr. 39 weil 39 kein Unglück bringt. Niemals würde ich mich um 05:40 Uhr wecken lassen. Keiner macht das. Dann stehe ich auf, trinke zwei Gläser Wasser, checke das Wetter, schaue kurzdurch das Social Media Gedöns, mache mir einen Kaffee und ziehe mich passend an. Ich versuche um 06:00 Uhr aus der Tür zu treten. Mal schaffe ich es, mal nicht. Wenn ich es schaffe, freue ich mich über die Konstanz, wenn ich es nicht schaffe, ist es auch nicht schlimm. Die Uhr piept fröhlich, dass das GPS bereit ist und dann geht es los.

Eigentlich immer rechts herum, die Straße hoch. Ich könnte auch links herum laufen, aber rechts hat sich etabliert. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, wie lange ich heute laufen soll. Der Motor in Kopf, Herz und Bauch muss erstmal warm und auch wach werden.

Ich komme immer an einem Haus vorbei, wo ein älterer Herr morgens seine Zeitung ließt. Irgendwann werde ich ihn grüßen, noch schaut er kurz auf, ich schiele zu ihm rüber.

Am Reiterhof biege ich links ab, ich könnte auch rechts abbiegen, aber ich biege halt links ab.

Es geht weiter, mal auf dem Gehweg, mal auf der Straße. Manchmal taucht der blonde Azubi auf, der ins einem Blaumann auf dem Fahrrad zur Arbeit fährt.

Dann biege ich rechts in einen Schotterweg ab und komme an einer Parkbank vorbei. Diese ist vor geraumer Zeit mit einem Standortschild zur Notrufbenachrichtigung ausgestattet worden. irgendeine Nummer, die ich jeden morgen lese, aber immer noch nicht kenne.

Der Kinderspielplatz hat nach Corona Tagen wieder auf, morgens liegt er verlassen auf der rechten Seite. Wenn ich “pünktlich” bin kommt mir ein freundlicher Mann auf einem Fahrrad entgegen und wir grüßen uns zu. Er ist wahrscheinlich auf dem Weg zur Arbeit.

Am Ende des Weges kann ich mich entscheiden: links herum geht es dann auf die Runde größer 10km, rechts auf die Strecke kleiner 10km, wenn ich mal müde (faul) bin. Also links ab, Richtung Ortsausgang. Mich erwartet dann das Piepen des zweiten Kilometers. Eigentlich ist es mir vollkommen egal, aber beim zweiten Piep achte ich genau drauf und es piept immer an einer anderen Stelle…

Dann überquere ich eine Hauptstraße und komme an einem Wildgehege vorbei. Dort treffe ich ich auch ab un zu die Frau mit dem nicht zu bändigen Mops, der sich an der Leine fast stranguliert.

Oben links in dem Haus flackert derweil schon das Frühstücksfernsehen.

Ich laufe das erste Mal über die Autobahn. Mal ist richtig viel Verkehr, zu Corona Zeiten fast gar nicht.

Kurz dahinter hat sonst immer eine Frau geparkt und ist mit ihren Hunden unterwegs gewesen. Einen Morgen war es so nebelig (sagte sie), das sie beim Rückwarts ausparken gleich wieder in den gegenüber liegenden Graben gefahren ist. Sie bat mich, mit meinem Handy ihren Mann anzurufen. Seitdem Vorfall habe ich sie nie weider dort gesehen. Ihr Mann hat sicher gemeckert.

Meistens biege ich dann rechts ab, es folgt eine etwa 500 m lange Gerade. Neuerdings parkt ungefähr auf der Hälfte häufiger ein mann, der in Sport Klamotten die Straße hoch und runter läuft. Ich bilde mir ein, das er nach einem Krankenhaus Aufenthalt wieder auf die Beine kommen will.

Kurz dahinter kommt eine Firma, die im Agrar Bereich tätig ist. Jeden morgen denke ich, das ich unbedingt zu Hause googlen sollte, was die überhaupt machen. Zumindest ist unten rechts im Gebäude ein Büro, mit Bildschirm zum Fenster. Der Windows Bildschirmschoner leuchtet mir immer die korrekte Uhr zu, da der Mitarbeiter noch nicht da ist.

Jetzt geht es über Autobahnbrücke Nr. 2. Hier wuchs mir bis zuletzt eine Riesendistel entgegen. Fast so groß wie ich. Dann wurden die Grasnarben gemäht. da war sie wieder verschwunden.

Kurz hinter der Brücke, stand in einer Feldeinfahrt lange Zeit einen Herren oder Frauenlose Matratze. Was die Menschen alles entsorgen…?

Ich wechsle die Straßenseite auf einen Radweg. Lange ist mir eine Frau mit einem Lastenrad entgegen gekommen. Sie hatte sogar Beleuchtung im Helm integriert. Wo die aber steckt weiß ich nicht.

Ich biege links ab und laufe bis zur nächsten Querstraße. Hier ist noch nie etwas passiert. Doch!!! Einmal bin schön pomadig auf der Mitte des Feldwegs gelaufen, hatte gute Musik im Ohr und wie lang schon das Auto hinter mir in meinem Tempo herfuhr, kann ich nicht sagen. Ich habe mich aber entschuldigt.

Dann biege ich rechts ab, die Hunde bellen von weitem, laufe ich an ihrem Zwinger vorbei, sind sie still. Hier steht auch der rote ältere Polo. Er wurde schon lange nicht mehr bewegt. Vielleicht gehört er der Dame, die ich auch schon lange nicht mehr gesehen habe. Sie ist sonst morgens mit ihrem Rollator unterwegs gewesen. Im Winter hatte sie einen uralten fetten mit mindestens 10 Mono Batterien betriebenen Handstrahler dabei gehabt, der die Straße auch nicht ausleuchtete. Jedes Werbe LED Licht ist heutzutage heller. Wahrscheinlich macht ihre Gesundheit nicht mehr möglich.

Es geht weiter an einer Lindenallee. Auf der einen Seite stehen ca 15 Jahre alte Bäume, ich wollte sie immer schon mal gezählt haben, aber man kommt ja zu nichts. Vielleicht morgen…

Ich biege links ab, mich erwartet die einzige kleine Steigung. Links steht ein kleines Häuschen, es sind immer alle Fenster weit offen, hier wohnen offensichtlich Frischluftfanatiker. Am Ende der Steigung, dann zwei Häuser, hier kann man direkt an der Straße aus einem kleinen Kühlschrank in Häuschenform frische Eier kaufen. Jetzt neu mit Schotterparkplatz!

Weiter geht es durch Klein Britannien. So nenne ich die Stelle, bis zu den Bahngleisen, weil mich der Weg an den Urlaub in Frankreich erinnert. Kleine Hecken und Bäume säumen den Weg, dafür nicht ein Straßenschild.

Kurz vor der Bahn biegt das Taxi immer ab, irgendeine Terminfahrt. Sicher ein guter Job, wenn man seinen Stammkunden abholen kann. Das Taxi kommt mir immer an einer anderen Stelle entgegen, aber hier biegt es ab.

Weiter geht es an einem Haus mit altem Doppelachspferdeanhänger. Der hintere Reifen verlor immer mehr Luft, da stand er dann und vergammelte.

Ich laufe auf ein zweistöckiges altes Klinkerhaus zu. Weiße Fensterrahmen, einfach verglast, runtergekommen. Aber: wenn ich im Lotte gewinne, dann hole ich dieses alte Schmuckstück aus dem Dornröschenschlaf und mache es mir zu meinem Traumhaus.

Dann biege ich rechts ab und eine lange Gerade geht mit leichtem Gefälle herunter. Die Steigung, die ich eben an anderer Stelle hoch gelaufen bin, geht es wieder herunter.

Am Ende biege ich rechts ab, unter einer Eisenbahnunterführung vorbei. Dort steht immer ein blauer Passat mit Essener Kennzeichen, im Winter mit Standheizung. Was auch immer der Mensch dort tut, gesehen habe ich noch keinen.

An einem weiteren Bauernhof leuchtet immer die rote Beleuchtung der Fahrzeugwaage, ich komme leider dort nicht hin, ich könnte dort ein bisschen Schabernack treiben.

Ich kreuze die Hauptstraße und auf dem Weg nach Hause, komme ich an einer kleinen Kapelle vorbei, mit einer dicken alten Eiche davor. Zu Corona Zeiten haben Kinder dort ein Schild dran gehängt mit dem Titel “Mut Mach Baum”. Das finde ich toll und so heißt der Baum für immer so. Spätestens kommen mir hier auch immer die gleichen Hundebesitzer entgegen. Als Beispiel der ältere Herr mit dem noch älteren Golden Retriever. Ich weiß nicht, wer von den beiden noch langsamer geht. Oder der Mann mit den drei Huskys. Zwei an der Leine, einer frei. Die unfreundliche alte Lady mit ihrer “Trethupe” oder die Frau mit der “Pink” Frisur und dem großen Schwarzen.

Links von mir dass Neubaugebiet, die Straßen sind immer noch nicht fertig. Dafür verbarrikadieren sich die Leute immer mehr hinter scheußlichen Zäunen und Gabionen.

Parallel zu meinem Weg läuft ein Sandpfad für die Pferde und Reiter vom Reiterhof. Man kann dort prima laufen und um die Pferdeäpfel tanzen.

Dann geht es wieder am Reiterhof vorbei, an dem älteren Herr der jetzt mit seiner Frau Zeitung ließt und ab nach Hause.

Man sieht also, das auf einer Runde, die man häufig läuft einerseits gar nichts passiert, andererseits aber so viele Kleinigkeiten, die man vermutlich sonst gar nicht wahrgenommen hätte. Es ist nicht so, das einem die Tour langweilig wird, oder sie einem widerstrebt.

Für mich ist streaken nicht nur eine Form des Laufens, sondern ganz viel mehr. Es hat etwas meditatives und nachdenkliches. Manchmal muss ich mich zwingen, nicht alles zu zerdenken und zu zergrübeln.

Einfach an mich denken, dankbar sein, laufen zu dürfen und jeden Tag aufs Neue zu genießen. Es ist toll, auf Kleinigkeiten zu achten, Veränderungen in der Natur und an sich wahrzunehmen und einfach glücklich zu sein.

Bald habe ich 800 Tage voll, aber erstmal morgen. #StreakOn

Ein Hermann – Zwei Blickwinkel

Zwei Blickwinkel – ist ein vielleicht spannendes neues Format, bei dem zwei oder mehr Akteure von der gleichen Sache berichten- und es doch ganz anders erlebt haben. In diesem Fall erlebt ihr die Geschichte eines Ultralaufs in der Reihenfolge aus der Sicht des Supporters (ich) und der Akteurin (Marina) und dem Akteur Ole. Holt Euch was zu knabbern, es dauert ein wenig.

Mein Laufleben wird (zum Glück) nicht langweilig. Nein ich war nicht laufen. Ausnahmsweise habe ich mich fast nicht bewegt. Und doch war es mit das spannendste Laufabenteuer, was ich bisher erleben durfte.
Wie diese verrückte Idee entstanden ist, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Fakt ist, dass es die sogenannten Hermannshöhen gibt. Diese beschreiben einen 226 km langen Fernwanderweg über den Hermannsweg von Rheine bis zu den Externsteinen und von da aus auf dem Eggeweg nach Marsberg.
Einigen wird der Hermannslauf bekannt sein, der von Detmold am Hermannsdenkmal startet und ca. 32 km weiter in Bielefeld an der Sparrenburg endet.
Die Hermannshöhen nehmen diese Strecke mit auf, sind allerdings 157 km lang und somit ein quasi 100 Meiler, also ein Lauf über 160km – eine der klassischen Ultralauf Distanzen. Die weiteren 69 km verlaufen dann über den Eggeweg.
Marina und ich sponnen so herum. Sie wollte ursprünglich mit ihrem niederländischen Laufbuddy Elzo den Hermannsweg laufen, ich hatte mich bereit erklärt, die beiden am Ziel wieder zum Auto am Start zu shutteln.
Doch dann kam Corona. Und Elzo nicht. Denn der arme Kerl durfte nicht nach Deutschland.
Unter Freunden respektiert man sich und Marina fragte Elzo, ob sie diesen Lauf wirklich auch ohne ihn durchziehen könne. Und Elzo gab natürlich seinen Segen.
Nur allein schon wegen mangelnder Verpflegung unterwegs ist so ein Lauf allein schwer möglich. Und so heckten wir beide den Plan aus, das ich die Verpflegung mit dem Auto übernehme und ca. alle 10 km an der Strecke warte um sie zu versorgen.
Es musste ja so kommen, das Marina im Internet von den Hermannshöhen las und für die ganze Strecke brannte. Ich auch!
Ich machte mich an die Planung die 226 km in kleine Häppchen zu zerteilen, gut erreichbare Plätze zu finden und mich auf meinen ersten Ultra VP Service vorzubereiten.Genau das habe ich gerne gemacht: Karten studieren, Karten ausdrucken, Strecken zu checken, Wege zu ergründen und nach und nach hatte ich alle Informationen zusammen.
Marina derweil konnte in ihrer Lauf Community einen Mitstreiter gewinnen: Ole aus Göttingen wollte mit.

Es konnte losgehen!

Am Freitag den 1. Mai morgens um 07:45 Uhr erreichen wir den Startpunkt vor dem Bahnhof in Rheine, ich baue meine zwei rotweißen Pylone neben dem Taxistand auf und werde verwundert beäugt: was das denn geben würde, werde ich gefragt. Ich sage Ihnen, meine beiden Mitstreiter wollen nach Marsberg, hätten aber kein Geld für ein Taxi.
Zu Fuß? Ja – Stille. So still, wie es morgens an einem Feiertag sein kann. Wir drehen derweil die Musik im Auto auf und heizen uns ein. Punkt 8 soll es losgehen.
Der Countdown beginnt und um 08:00 Uhr setzen sich die beiden freudestrahlend in Bewegung.
Ich laufe einige Meter mit und übertrage das Szenario ins Internet.
Mein Job wird Verpfleger, Ansprechpartner und Moderator dieses Laufs sein. Warum auch nicht, es würden bestimmt noch Momente der Ruhe kommen, wo ich meinen Senf an deren beider Verfolger übertragen könne.

Ich lade meine Hütchen wieder ein und fahre zum Verpflegungspunkt 1

VP1 – Freitag 09:00 Uhr

Ich kann natürlich überhaupt nicht einschätzen, wie schnell oder langsam die beiden unterwegs sein würden, und so mache ich alles bereit, was man nach 10km so brauchen kann. Vielleicht doch noch eine Jacke mehr, ein Shirt weniger. Wasser und Riegel.
Und so stehe ich an einem Waldrand und warte. Ich merke schnell, dass die Zeit des Wartens viel länger wird, wenn man wartet.
Aber gegen 09:00 Uhr kommen die beiden laut tratschend an den Wagen, füllen nach und sind auch schon wieder verschwunden. So könnte es weitergehen. Wichtig ist den beiden nur die Information in wieviel Kilometern ich wieder warten werde. Ich lade meine Hütchen wieder ein und fahre zu

VP2 – Freitag 10:05 Uhr


Ich habe viele der Verpflegungspunkte an erreichbare Parkplätze oder Wanderhütten gelegt und so fahre ich meinen zweiten VP an. Der Parkplatz voll mit Autos – morgens um 09:30 Uhr. Mist, aber gut. Ich parke also ca 200m weiter mitten an der Strecke. Marina und Ole wissen ja nicht den genauen Punkt, nur die ungefähre Entfernung.
Und so baue ich mein Tischchen auf, stelle die Pylone, (ich merke später, das es viel wichtiger ausschaut wenn man den Klapptisch professionell absichert), das Wasser und die Riegel auf den Tisch und warte im Auto. Freizeitsportler aller Art kommen vorbei, schauen und staunen, was wohl passieren werden würde. Ein paar Tropfen Regen fallen auf die Scheibe des Autos, sonst passiert aber nichts.
Dann geht das Telefon: Marina fragt wo ich sei, sie wären schon mehr als die von mir angegebene Strecke gelaufen und ich wäre nicht da. Ich schildere den beiden meinen Standort und höre nur, da wären sie schon vorbei. Kann ja nicht sein, ich stehe nunmal auf dem Track und dementsprechend müssen sie gegen meinen Wagen laufen. Sind sie aber nicht.
Wir schicken uns per Handy die Standorte und ich gehe ihnen entgegen. Minuten später finden wir uns, alles ist gut.
Die Strecke verlässt die Felder und es beginnt der Pfad in den Wäldern des Teutoburger Waldes. Tisch und Hütchen lade ich wieder ein und fahre zu

VP3 – Freitag 11:40 Uhr


Der Teutoburger Wald hat wirklich malerische, schöne und einsame Ecken. So einsam, das mein Tracker, den ich an Ole befestigt und der per SIM Karte im Handynetz des magenta Riesen herum funkt nicht oder häufig kein Netz hat und ich nur ungefähr sagen kann, wann Ole und Marina bei mir auftauchen. Unterwegs erhalte ich eine Nachricht von Marina, das Kaffee total gut wäre.
Kurzerhand entferne ich mich von meinem Stützpunkt, fahre durchs schöne Brochterbeck und finde tatsächlich einen Bäcker, der am 1. Mai geöffnet hat. Ich besorge Ole und Marina zwei Milchkaffee, fahre zurück und warte wieder an der Strecke. Relativ spontan gesellt sich Sarah dazu, eine Freundin von Marina, die mit den beiden ein Teilstück laufen und ihnen einfach ein bisschen Ablenkung und Smalltalk bieten möchte. (Wieder einmal) eine tolle Geste dieser Lauf Community.
So rücken die beiden an, trinken kurz ihren Kaffee, wir machen ein paar Fotos, dann sind die drei wieder verschwunden. Tisch und Hütchen lade ich in mein etwas durcheinander geratenes Auto wieder ein und fahre zu

VP4 – Freitag – ????


Wieder einmal muss ich mir gratulieren: eine brandneue Sitzgelegenheit aus Bänken und Tisch und einladendem Häcksel herum gestreut wartet auf die beiden. Die Sonne kommt heraus, das satte Grün leuchtet und ich setze mich in die Sonne. So kann es weitergehen. Und ich warte und warte und warte. Vergebens. Marina und Ole kommen einfach nicht.
Wir verpassen uns.
Im Nachhinein sieht man auf dem Track zwei parallel führende Straßen und entweder stehe ich an der falschen, oder die beiden laufen auf der falschen Straße. Kein Problem, wir verabreden uns kurzerhand an VP5. Ich packe also Tisch und Hütchen wieder an und rausche zu

VP5 – Freitag ca 13:00 Uhr


und muss durch die Verzögerung an VP4 nur 20 Minuten auf Marina und Ole warten. Ich zitiere aus meinen Notizen: “Ein Wanderparkplatz mit vielen Autos, die beiden verpflegen sich kurz, wundern sich genauso darüber was passiert ist, aber ganz wichtig: keiner nimmt jemandem etwas übel.”
Tisch und Hütchen wieder eingepackt geht es weiter zu

VP6 – Freitag 15:00 Uhr


Mein Plan wieder einen Wanderparkplatz anzusteuern wird von einem Räucherforellen Mobil gekreuzt. Hier stehen die Leute mit Sicherheitsabstand Schlange über den ganzen Platz. Ich wende, fahre einige 100 m zurück auf einen Parkplatz eines dauerhaft geschlossenen Jugendtreffpunkts.
Marina und Ole traben heran, wechseln die Klamotten, stärken sich und sind wieder verschwunden. ich rausche zu

VP7 – Freitag 16:00 Uhr


Mittlerweile kann ich ungefähr einschätzen, wie lang die beiden unterwegs sind, bzw. wie lange ich mich beschäftigen muss. Ich mache erst einmal Haushalt. Der Wagen sieht ziemlich wild aus und räume ein wenig auf. Die durchgeschwitzten Shirts trockne ich mit einer Art Sturmwäscheklammern an der geöffneten Heckklappe und während ich mir meinen Platz für die Isomatte freimache um ein kleines Nickerchen zu machen, sprechen mich zwei Wanderer an. Ich erkläre ihnen unverblümt alles zu den Hermannshöhen und der eine berichtet stolz, das er auch schon mal einen Halbmarathon gemacht hat. Ja Halbmarathon 21km, nicht Hermannshöhen 226 km. Hört Ihr überhaupt zu???
Ich bin ein wenig genervt, vielleicht die Müdigkeit denke ich mir, bleibe aber ruhig.
Als die beiden endlich weg sind lege ich mich auf die Isomatte, mache die Augen zu und mache sie wieder auf. Ich kann hier jetzt nicht schlafen, was ist wenn sie jetzt kommen und mich brauchen…? Also bummel ich die Zeit tot, gehe meinem Reporter Job nach.
Und da kommen die beiden an, gut gelaunt und fröhlich. Vorbildlich.
Ich fahre weiter Richtung Luisenturm an

VP8 – Freitag 17:45 Uhr


Dunkle Wolken ziehen auf. Mittlerweile ist es später Nachmittag geworden, wir drei sind schon einige Stunden unterwegs.
Wieder positioniere ich mich mit dem Tisch und meinem Pylonen, die Sonne hat sich hinter dunklen Regenwolken verzogen, der Wind frischt auf ich hänge rum. Das erste Mal wird meine Geduld wirklich auf die Probe gestellt. Nicht zuletzt weil ich mit mir alleine sein wollte habe ich jetzt die Quittung. Alleine etwas schönes zu tun ist etwas anderes, als alleine nichts zu tun und zu warten. Auf lesen in einem mitgebrachten Buch habe ich keine Lust, Das Internet bietet nicht vernünftiges, so räume ich noch ein bisschen auf und installiere im Macgyver Stil eine Wäscheleine im Auto.
Ich höre Laufgeräusche und drehe mich instinktiv um: ein Läufer mit Weste schaut auf meinen Tisch. Ich frage ihn einfach, ob er etwas brauchen könne und dankbar fülle ich ihm Cola in seine Flaschen. So geht das bei uns!!! Er bedankt sich herzlich und zuckelt weiter.
Später kommen die beiden an. Wir sind alle gerade etwas angefressen. Ole und Marina dürfen das sein, ich versuche gut gelaunt zu bleiben. Was die beiden nicht brauchen können ist an ihrer VP Insel einen schlecht gelaunten Gastronom.
Auf meine Frage ob ich was machen könne sagt Marina: Pizza Margherita wäre cool. Somit ist die Aufgabenstellung am nächsten VP klar. Pizza muss her. Zum Glück ist

VP9 – Freitag 19:15 Uhr


in Halle Westfalen. Zivilisation, Menschen, Handyempfang, Dauerregen.
Zuerst schaue ich mir meinen nächsten Treffpunkt an und stehe unter einer Brücke der Bundesstraße. Hier ist es wenigstens trocken. Dafür stehe ich mitten an der Ausfahrtsstraße, vorbei fahrende Autos sind laut, durch Regen und Gischt noch lauter. Aber der Platz ist ok.
Ich fahre weiter in die Stadt rein und finde die Pizzeria Alfana, die ich hier bewusst namentlich erwähnen muss. Trotz der Tatsache, das ich nicht vorbestellt habe, wird meine Abhol Margherita vorgezogen und sie schmeckt später unglaublich lecker. Danke euch!!!
Die Schachtel wickel ich in die Isomatte ein um nicht zu viel Wärme zu verlieren. Leider ist sie bei Verzehr doch kalt.
Ich baue den Tisch auf, packe fröhlich meinen neuen kleinen Gaskocher aus und mache mir einen sonst bestimmt niemals so leckeren Instant Kaffee. Eigentlich ganz romantisch…
Dann kommen Marina und Ole und wir lassen uns die Pizza schmecken. Es wird geflucht und es wird gelacht. Teamplay at its best.
Die beiden ziehen weiter, jetzt mit Stirnlampe, denn die Dämmerung macht sich breit. Das Licht der Stadt lasse ich hinter mir und fahre weiter zu

VP10 – Freitag 20:35 Uhr


Ich stehe auf der einen Seite von Bielefeld, wieder an einem Parkplatz und warte. Warten ist eines der Dinge die ich heute schon geübt habe. Warten ist langweilig und so räume ich mal wieder meine Isomatte frei und versuche die Augen zu zumachen. – Geht nicht. Mein Kopf ist wach, voller Unruhe. Über den Tracker kann ich ungefähr sehen, wo die beiden sind und wandere ihnen entgegen.
Und da kommen sie schon: Ole hat was zu feiern: er ist das erste mal so weit gelaufen wie jetzt, die ersten 100 km sind geknackt. Ole ist glücklich und stolz. Wir freuen uns für Ihn.
Am VP werden Klamotten getauscht, Bäuche gefüllt, Getränke abgefüllt. Alles geht seinen Gang und dann sind die beiden schon wieder verschwunden.
Die anzusteuernden VP Punkte habe ich mir als Längen- und Breitengrade in meine Liste notiert und ich muss Zahlenreihen wie 51.992513 / 9.546277 eingeben. Der Unaufmerksamkeit oder schlechten Lichtverhältnisse mache ich bei der Eingabe fahre ich nicht zu VP 11 sondern

Irgendwohin.
Ich stutze – Zum Glück kenne ich mich hier um Bielefeld mit dem Track ein wenig aus und ich weiß, das ich hier falsch bin. Also gebe ich die Längen- und Breitengrade erneuert ein und fahre zu

VP11 – Freitag 22:25 Uhr


Mittlerweile ist es dunkel und ich suche mir einen Platz an einem großen beleuchteten Restaurant Schild. Ich baue mich und alles andere auf und möchte mir Wasser für ein Heißgetränk machen. Da es windig geworden ist suche ich mir ein windschattiges Plätzchen auf dem Boden und starte den Brenner. Alles geht seinen Gang und ich richte mich gemütlich ein. Als ich Minuten später nach dem Wasser schaue steht alles in Flammen und riecht scheußlich. Mir wird sofort klar was passiert ist: Um den kleinen Kochtopf ist eine Art durchsichtiger Kunststoffbehälter zur Zu- oder Nachbereitung von Speisen. Den habe ich übersehen abzunehmen und so läuft der flüssige Kunststoff über den Brenner. Blöd, aber nicht zu ändern. Den Brenner kühle ich herunter, knibbel das erstarrte Kunststoff ab und starte von neuem.
Ein dunkler Kombi fährt vor und ich denke gleich an eine Zivilstreife. Die beiden Jungs gehören allerdings zum benachbarten Restaurant und fragen erst distanziert und dann immer freundlicher was ich hier treibe. Sie sind total interessiert, ich zeige ihnen mein Roadbook und wir drei quatschen 15min über den Ultralauf Sport. Zuletzt verabschieden sie sich mit den Worten: wenn wir noch was brauchen würden, sollten wir einfach zum Restaurant kommen. Tolle Menschen vom Restaurant Habichtshöhe in Bielefeld.
Dann sehe ich auch endlich die tanzenden Stirnlampen in der Dunkelheit. Marina und Ole haben es zu mir geschafft. Die Pausen werden länger, man merkt ihnen die noch nur körperliche Erschöpfung an. Sie stärken sich, wir drei laufen gemeinsam ein Stück in die Nacht hinein und ich packe wieder alles zusammen. Auf geht es zu

VP12 – Freitag 00:00 Uhr


Oerlinghausen – meine Perle. Dachte ich. So schnuckelig das Örtchen ist, ich finde den Track nicht. Weder meine ausgedruckten Karten, die Längen- und Breitengrade noch irgendwas anderes hilft mir und so schreie ich kurzerhand mein Auto zusammen. Das hilft aber auch nicht. Stattdessen parke ich irgendwo und mache mich zu Fuß zum Ortskern. Normalerweise gehen diese Fernwanderwege immer an der Dorfkirche vorbei und so finde ich irgendwann auf einem Schild das weiße “H” auf schwarzem Grund. Ich merke mir die Stelle, gehe zum Wagen und fahre zurück.
Es ist 23:45 Uhr als ein schwarzer Twingo neben mir parkt. Ein Typ steigt aus und geht zu meinem Fenster. Oh nein denke ich, die Dorfjugend ist auf Krawall gebürstet. Doch stattdessen ist es Daniel, auch ein Freund der beiden, der sich kurzerhand entschlossen hat, mitten in der Nacht mit Marina und Ole eine Stück zu laufen. Alles so herzlich Bekloppte.
Das muss man sich vorstellen: da ist ein Typ, der im Laufe des Feiertages einen Marathon gelaufen ist und quält sich nun nachts vom Sofa zum supporten. Mega!
Sie kommen zu zweit und gehen zu dritt. Es ist Nacht geworden, ich bin müde, die Kälte kriecht in die Klamotten aber klagen möchte ich nicht. Lieber fahre ich weiter zu

VP13 – Samstag ??:??


Meine Originalaufzeichnungen: “Keine Erinnerungen – komisch”

Auch im Nachgang habe ich keine Erinnerungen an diesen VP. Selbst wenn ich mir die Stelle bei Google Maps in der Naturdarstellung ansehe, habe ich einen Filmriss. Geschuldet der Müdigkeit? Wer weiß…

VP14 – Samstag 03:00 Uhr


Es ist mittlerweile ca. 03:00 Uhr morgens, ich stehe an der Zufahrt zum Hermannsdenkmal auf dem Parkplatz. Hier peitscht der Wind. Es ist eklig draußen, ich suche lange nach einem Plätzchen der wenigstens ein wenig geschützt ist. Die beiden haben sich Nudeln gewünscht und so versuche ich Wasser zum kochen zu bringen. Der Brenner muss alles geben. Auf einem Tisch leuchtet eine Petroleumlampe in die Dunkelheit. Ich will den beiden ein Licht in die Dunkelheit senden. Jetzt wo es hart wird, die Müdigkeit, die Dunkelheit, der Frust und die Kälte in jede Ritze kriecht muss ich besonders für die beiden da sein. Umso mehr freue ich mich, als die beiden kommen. Die Stimmung ist rauh und wortkarg, gefühlt sage ich Marina fünf mal, sie soll auf das siedende Wasser aufpassen, doch der schnell gegriffene Schlafsack schmeißt den Topf um. Ich bin gereizt, sie ist gereizt, wir entschuldigen uns, ich stecke die beiden ins Auto für ein Power Nap und fange wieder von vorne an. Mir ist kalt. Und so fang ich morgens um Drei mit meinem täglichen Lauf an: gut zwei km lege ich auf dem Busparkplatz zurück, ehe das Wasser wieder kocht. Streak geschafft, Essen ist da, allen geht es besser.
Solche Situationen gehören einfach dazu, übermüdet sieht man ob ein Team funktioniert. Und wir drei funktionieren. Nachdem Ole und Marina sich gestärkt haben geht es weiter. Mit steifen Knochen eiern sie vom Platz und laufen langsam an. Kein schönes Bild, aber so ist es halt. Ich packe ein und fahre zum

VP15 – Samstag 05:00 Uhr


ich fahre nach Horn-Bad Meinberg. Dort endet der Hermannsweg an den Externsteinen. Das wäre also der erste Teil des Tripps.
Mein Plan, die beiden an den Externsteinen zu empfangen misslingt. Entweder führen die Straßen ins Nichts oder sind wegen einer Baustelle gesperrt. Darauf habe ich überhaupt keine Lust. Schon im Hellen macht das keinen Spaß, nachts schon mal gar nicht. Ich halte an einem Parkplatz und checke die Situation. Ich verschiebe letztlich meinen VP etwa 300m von der Strecke und teile Marina und Ole die Situation und Position mit.
Müde und genervt lege ich mich einen Moment hin.
Da klopft es auch schon wieder am Auto. Ich muss wohl doch eine knappe Stunde geschlafen haben, denn es hat angefangen zu dämmern. ENDLICH!!! Die Nacht ist vorbei. Ich behaupte: nur wer mal die Nacht durchgelaufen ist, weiß wie sehnlich man auf diesen Moment wartet, wie sehr es einem einen Schub versetzt, die Laune steigt, die Hoffnung wieder da ist und wie froh man ist. Auch mir geht es gerade so! Wir lachen wieder.
Und die beiden haben das erste Teilstück geschafft. Trotzdem frage ich ob unsere Reise hier endet oder auf dem Eggeweg weitergeht. Sie geht weiter. Ich packe meinen Kram zusammen und damit der der nächste Stop nur 6km entfernt. Ich muss mich also sputen zu

VP16 – Samstag 07:30 Uhr


Ich bin mir sicher, ich bin an der richtigen Stelle. Die beiden sind sich sicher, sie sind an der richtigen Stelle. Treffen werden wir uns nicht. Dieser VP ist an einem Ort, an dem es keinen Handyempfang gibt. Weder D1/D2 noch E Netz. Ich habe das im Nachhinein gecheckt, weil ich wissen wollte was da los war.
In meiner Not fahre ich wieder zurück nach Horn-Bad Meinberg und versuche die beiden zu erreichen. Ich drücke immer wieder auf die Wahlwiederholung – nichts.
Darauf sind wir nicht vorbereitet. Was passiert, wenn man sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht trifft…? Diese Frage wird mich noch länger beschäftigen.
Irgendwann erreiche ich Marina, verstehe sie aber nicht. Dann klingelt Ole durch, verstehen kann ich ihn aber auch nicht. Irgendwann habe ich so viele Wortfetzen zusammen, das ich weiß, das es Marina gerade nicht gut geht und so fahre ich ihnen mit dem Auto entgegen.
Ich komme am geplanten VP vorbei, steige aus und schrei ihre Namen in den Morgen. Nichts. Also fahre ich weiter und wieder einmal stehe ich vor einer Schranke, hinter dem der Weg weitergeht. Ich packe allerhand Sachen, die sinnvoll sein könnten in einen Rucksack und hole mein Faltrad raus. Das Teil wollte ich eigentlich nutzen, um einen Kamerafahrt neben den beiden zu machen, jetzt “rettet der Bock Leben”.
Eine Dose Cola und Traubenzucker später, geht es Marina wieder besser und als ob nichts gewesen wäre traben die beiden weiter Richtung nächsten planmäßigen VP
Ich bin froh, das die Übergabe funktioniert hat und fahre zum Auto. Jetzt erst merke ich, das es zu regnen angefangen hat. Ich packe alles ein und es geht zu

VP17 – Samstag 09:30 Uhr


So richtig kann ich nichts machen: es regnet und ich kann nichts aufbauen oder vorbereiten. Also warte ich brav auf die beiden, die irgendwann auch eintreffen. Mein Notizbuch liest sich so: “Marina hat sich derweil eine Blase gelaufen und “versorgt” sie auf ihre Art. Dann schreit sie auf und wenn Marina schreit, dann tut es wirklich weh.”
Aktuell ist es ein Kampf mit der Müdigkeit, mit der Kraft. Ole und Marina verlieren zunehmend ihre fröhliche Art, werden stiller. Das Ding muss jetzt mit dem Kopf gelaufen werden. Ich versuche ihnen so gut wie ich kann beizustehen. Ich weiß, machen kann ich nichts, aber ohne mich geht es auch nicht. Also geht es stillschweigend Richtung

VP18 – Samstag 11:00 Uhr


Was soll ich sagen: es regnet mittlerweile Bindfäden, die Temperatur ist auf +4 Grad gesunken, Graupel mischt sich unter. Ich sitze im trockenen Auto, weiß aber was die beiden gerade mitmachen müssen. Am Auto angelangt, tauschen sie nasse gegen feuchte Klamotten, motivieren sich mit Musik und Albernheiten. Spaß ist anders, gelacht wird wenig.
Es ist wie es ist und weiter gehts zum

VP19 – Samstag 12:20 Uhr


So langsam bin ich wirklich genervt. Es regnet, mir ist kalt, ich bin müde, das Warten macht meinen Hintern platt. Ich stehe mit dem Auto neben einem Monumental Funkturm aus den 1970er Jahren mit gefühlt 13000 Antennen dran, doch Handynetz habe ich wieder mal nicht. Auch das nervt. Ich weiß nicht wo die beiden sind, ich habe keine Unterhaltung ohne Netz und das heißt für mich warten, warten warten.
Doch dann kommt endlich mal die Sonne raus, ich geh aus dem Wagen, wechsle die Straßenseite und da ist Netz. Schnell lade ich irgendwelche Party Songs herunter und warte mit meinem mobilen Bluetooth Lautsprecher. Als ich die beiden erblicke, starte ich die lautstark die Wiedergabe. Marina tanzt, ich tanze. So geht das!! Music makes us alive.
Gleich steigt wieder die Laune! Manchmal sind es die kleinen Momente im Leben, die uns nach vorne bringen.
So traben die beiden von dannen. Ich mache das, was ich seit 30 Stunden tue, einpacken und weiter zu

VP20 – Samstag ca 13:50 Uhr


Es regnet und es hagelt. Ich stehe an einem Fernfahrer Parkplatz und die Autos ziehen eine Gischt hinter sich her. Zum Glück ruft Marinas Kumpel Elzo an und wir quatschen allerhand belangloses Zeug. Es tut gut, einfach mal ein bisschen zu reden, vielleicht auch zu jammern, wie blöd gerade alles ist. Danke Elzo!!
Irgendwann hört es auf zu regnen und ich gehe den beiden einfach entgegen, Was soll schon passieren? Abhängen werden sie mich nicht, die deutlich besseren Beine habe ich. Nach ca. 1 km kommen sie mir grölend entgegen: 200km schreien sie. Für Ole ein weiterer Meilenstein, für uns alle das Gefühl so langsam auf die Zielgeraden einzubiegen. 26km sollten doch noch irgendwie gehen. Apropos gehen: die beiden gehen jetzt immer häufiger, was die Wartezeit für mich natürlich noch verlängern wird. Marina erzählt, das sie während des Laufens wohl geschlafen hat. Das erzählen sich die Ultras immer wieder, persönlich habe ich es noch nicht erlebt. Laufen und schlafen. Ein skurriler Modus. Alles wie gehabt, allerdings wünschen sich Marina und Ole, dass der nächste Abschnitt von fast 14 km unterteilt wird. Ich mache mich an die Planung und füge einen VP ein. Es ist der

VP20a – Samstag ca 14:50 Uhr


Ich spanne einen Spanngurt zwischen Auto und Verkehrsschild, hänge nasse Sachen auf und versuche sie zu trocknen. Dann packe ich alles wieder ein und koche mir einen Instantkaffee. Dann gehe ich die Straße auf und ab. Mir ist langweilig, ich habe alles gemacht, was man machen kann. Das erste Mal will ich nach Hause. Mein Notizbuch vermeldet: die Müdigkeit klopft ans Auto, sonst keine Vorkommnisse. Ich muss konzentriert bleiben, schließlich fahre ich Auto, so döse ich noch ein paar Minuten vor mich hin, bevor es weitergeht zu

VP 21 – Samstag ca 15:50 Uhr


Ich stehe in einem Kaff, dessen Name ich hier nicht erwähnen möchte. Nur so viel: ich halte, mache die Heckklappe auf und krame in meinem Vehikel. Dabei bemerke ich, wie mehr und mehr Bürger des Ortes plötzlich auf der Terrasse rauchen, im Garten arbeiten oder einfach doof glotzen. Ich weiß schnell, die Leute wissen noch vor mir was in meinem Blog stehen wird. Naja, das Telefon geht, Marina ist leicht gereizt am Telefon und fragt, wo ich denn wäre. Wir tauschen unsere Koordinaten aus und ich sage ihr ca. 300m. Eigentlich hat sie mit den 1,5km wie sie sagt eher recht. Also fahre ich den beiden schnell entgegen, damit meine gut gemeinte Flunkerei nicht auffallen soll. Sorry Marina: Im Krieg und bei einem Ultra ist sowas erlaubt.

Das Ziel – Samstag 18:30 Uhr


Ich habe im Kopf, das unser Trip an der Nicolaikirche in Obermarsberg enden soll. Als ich auf Marsberg zu steuere, sehe ich auf einem 130 m hohen steilen Hügel aus der Ferne die Kirche. Das kann doch nicht sein denke ich mir, die beiden schreien mir das ganze Dorf zusammen, wenn ich ihnen sage, sie sollen da noch hoch. Fairerweise telefoniere ich mit Marina, was zu tun sei. Sie sagt, ich solle entscheiden.
So stehe ich mit müden Augen auf einem Kindergarten Parkplatz, recherchiere und checke Strecken. Es gibt Routen, die vor der oben liegenden Kirche enden, andere vor dem Bahnhof oder sogar dem Parkplatz eines Supermarkts. Wir entscheiden uns für die eleganteste Lösung: Die Kirche vor dem Marktplatz soll unser Ziel sein.
Ich baue also meine Hütchen mitten auf dem Marktplatz auf, schreibe mit Kreide “Ziel” aufs Pflaster und warte auf die beiden Akteure. Zusätzlich entfalte ich zwei mitgebrachte Camping Klappstühle. Getreu Marinas augenzwinkerndem Motto: “Gesessen wird erst ab 100 Meilen”, haben sie diese Sitzmöglichkeit mehr als verdient.

Ich hacke immer wieder auf meinem Handy herum, versuche den Tracker zu aktualisieren um zu wissen wo die beiden sind. Ich kann es einfach nicht mehr erwarten, gehe immer wieder die Straße herunter und schaue. Dann höre ich ihre Stimmen. Mega!! Nach fast 36 endet dieses Aben(d)teuer im Gran Finale. Ich filme die letzten Meter der beiden.
Gegen 18:30 Uhr kommen sie müde, stolz und glücklich auf den Platz, genießen abgekämpft ihren Triumph. Wir lachen über die Klappstühle, sie fallen hinein und freuen sich. Ein wenig sehen sie jetzt aus wie deutsche Touristen, die auf Grund der Corona Krise nicht in den Urlaub können und Marsberg mit Mallorca verwechseln. Herrlich! Wir flaxen rum, machen Fotos. Meine Jeans hat die letzten 36 Stunden nicht nur als Putz- und Trockentuch hergehalten und sieht dementsprechend aus. So ist es mir herzlich egal auf die Knie zu fallen um die beiden zu lobhudeln. Welch ein Moment. Nur wir drei in einem kurzes Vakuum. Der gemeine Marsberger schaut uns verwundert zu. Uns doch egal, wir haben das Ding gerockt. “Mission accomplished” wie es so schön heißt.
Dann ist der Spuk auch schon wieder vorbei, die beiden buxieren ihre geschundenen Körper Richtung Auto, ich packe alles zusammen. Ole bringen wir zum Bahnhof, der am selben Abend noch nach Göttingen kann. Marina und ich fahren heim.

Im Auto herrscht eine komische Stimmung, nicht real, schier absurd. Es ist was passiert in den letzten 36 Stunden, das spüren wir beide.

So etwas muss verarbeitet werden und so schaffe ich es auch erst über eine Woche später das Erlebte in Worte zu fassen. Für die werte Leserschaft wird es eine fast sachliche Dokumentation sein, für mich ist die Schreiberei eine emotionale Achterbahnfahrt. Mehrfach sitze ich einfach da, schaue in die Ferne und nicht nur einmal bekomme ich wässrige Augen. Daran werde ich wohl noch länger “Spaß” haben.

Ich war bei dem Lauf nicht dabei und doch bin ich ein wichtiger Teil des Teams gewesen, ohne das dieser Trip vermutlich nicht durchgeführt werden konnte. Und so nah ich dabei war, so weit war ich weg. Ich habe meinen eigenen Ultra erlebt! Es war toll und es war schön. Und ich würde es immer wieder tun. Und gedanklich sind wir drei noch lange nicht im Ziel.

Danke Euch allen, dass ich Teil dieses Trips sein durfte.

…und jetzt geht es weiter zu Marinas post:

„Project Hermann“

Es ist verrückt. Es ist verrückt wie schnell eine Woche vergehen kann.
Vor gut einer Woche befand ich mich auf einem circa 70km langen Wanderweg namens Eggeweg um die restlichen Kilometer der 226km langen Strecke der sogenannten Hermannsshöhen zu Ende zu bringen. Zeit und Raum sind wie weggeblasen. Wir befinden uns seit jeher in einem Vakuum, schwer zu sagen wo wir uns also genau vor einer Woche befanden.
Wir? Ja, wir bedeutet, Ole und ich, immer mit Christian alias Schluppe an unserer Seite. Schluppe versorgt uns mit dem allerfeinsten Kram, den ein Läufer so braucht auf dieser Reise, er schmeißt den mobilen Verpflegungspunkt.
Und just als ich diesen Satz niederschreibe, merke ich, dass ich viel zu viel auf einmal erzählen möchte. Wenn ich an das Wochenende zurückdenke, erlebe ich mich wie ein kleines Kind, dass von seinem Geburtstag schwärmt. Aber vielleicht fange ich einfach von oben an.
Vielleicht mit der Frage, was ich letztes Wochenende überhaupt gemacht habe und wie das ganze entstanden ist.

Letztes Wochenende bin ich, gemeinsam mit Ole, die Hermannsshöhen gelaufen. Die Hermannsshöhen sind ein 226km langer Wanderweg, der den Hermannsweg mit dem Eggeweg vereint. Der Hermann ist hierbei circa 100meilen lang, der Eggeweg bildet also den Rest. Zusammen gehören sie zu den Top Trails of Germany aka die 14 schönsten Wanderstrecken Deutschlands.
Nun zähle ich zu dem Typ Läufer, die immer irgendwo hin mitgenommen werden und einfach laufen, ohne wirklich zu wissen, an welchem schönen Fleckchen sie wohl gerade sind (ich weiß shame on me) . Es ist also klar, dass ich vor einem Jahr noch nie etwas vom Hermannsweg gehört hatte, geschweige denn die Hermannshöhen kannte. Dies hatte Elzo im letzten Mai allerdings geändert. Er besuchte mich aus Holland für ein Laufwochenende und brachte eine Karte mit.
„Ob ich Lust habe, auf ein Abenteuer“ hatte er damals gefragt. Ich verstand die Frage nicht.

Im Laufe des Sommers bequatschen wir das Ganze und Schluppe brachte zufälligerweise den Einwand ein, dass es doch den 100meiler bereits gäbe, organisiert von Jan Olaf. Elzo und ich brauchten also nicht lange, bis wir uns entschieden uns für den Lauf anzumelden.
Und dann? Was passierte dann? Ich denke, die Gründe, warum das Jahr 2020 von der Bildfläche verschwand, muss ich nicht weiter vorführen.
Der Lauf verschwand also in eine gedankliche Kiste. Für mich war es eh nicht so wichtig, es wäre auch eh „nur“ ein weiterer 100meiler geworden. Warum ich das so schnippig sage?
Zwei Läufe mit über 200km sind gerade abgesagt worden. Zwei Läufe, für die ich nicht nur hart trainiert hatte, sondern die auch mein vorläufiger Abschluss in der Ultraszene sein sollten.

Nun kam alles aber eben anders, als man denkt. Und wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich irgendwo eine andere. Es kam eins zum anderen und so beschlossen Schluppe und ich das ganze doch irgendwie in Angriff zu nehmen. Nur leider fehlte Elzo, da er in der aktuellen Situation nicht nach Deutschland einreisen durfte. Sein Segen holte ich mir aber und eins kann ich Vorweg nehmen, gedanklich war er die ganze Zeit mit dabei.

Bereits die Planung dieses Abenteuers war ein wahrliches Fest. Es brachte uns Licht in dieser dunklen Wettkampfzeit und noch mehr Ablenkung. Und so wurde mir schnell klar, dass ich das ganze Projekt mehr als ein Laufvorhaben sah. Ich wollte andere daran teilhaben lassen, andere Menschen in dieser Zeit motivieren einfach weiterzumachen und das zu tun, was wir alle so lieben.

Mehr kann ich fast schon nicht zur Planung erzählen und beitragen, da Schluppe hier die meiste Arbeit hatte-konkludent hatten wir uns dazu entschieden er macht die Planung und ich bin für das Laufen verantwortlich. Fast schon witzig, dass ich drei Tage vor Beginn des Laufes nicht Mals den genauen Ort des Ziels kannte, oder?
Nun gut, ich erzählte einige wenige Freunde und Bekannte vorab von meinem Laufvorhaben. Und so fand ich schnell jemanden, den ich motivieren konnte das ganze mit mir gemeinsam durchzustehen. Ole war schnell angefixt und entschied sich seine bisher längste Strecke mit mir zu erleben, wie in guten so in schlechten Zeiten sozusagen. Die Ultraläufer an dieser Stelle werden es kennen.

Wir planten den Start für Freitag, den 01. Mai um 8 Uhr in Rheine. Einen Tag zuvor holte ich Ole vom Bahnhof ab und wir quatschten genüsslich bei der obligatorischen Pastaparty über die bisherigen Laufabenteuer, die wir bis dato erlebten. Wir gingen früh ins Bett, sollte uns der Wecker am nächsten Morgen bereits um 4.45Uhr wachklingeln. Dass mit dem Wecker ging auch leider etwas in die Hose, da ich ihn versehentlich auf 5.45Uhr stellte. Erste Bewährungsprobe für Ole, der mich um 5Uhr, Gott sei Dank, geweckt hatte. Wir packten unser letztes Zeug zusammen, tranken Kaffee und stiefelten los zum vereinbarten Treffpunkt. Um circa 7.45Uhr kamen wir an einem Bahnhofsparkplatz in Rheine an. Hier sollte es also in weniger als 20min losgehen. Irgendwie unspektakulär und irgendwie auch doch.
Auf Queens legendärem „Don´t stop me now” ging es um 8 Uhr für uns auf den Weg. Die Blicke der müden Taxifahrer gegenüber von uns werden unvergesslich bleiben. Und dann war es soweit, wir liefen, einen Schritt nach dem anderen. Krass, dass ich das jetzt gerade wirklich tue, hatte ich mir gedacht, lange Zeit immer wieder davon geredet und nun ist es endlich soweit. Oft, nein eigentlich immer, male ich mir vorab Gedanken aus, wie die Strecke so aussehen könnte, was man alles so erleben wird und nun werden diese Bilder im Kopf zur Realität werden.

Die ersten Kilometer liefen ausgesprochen gut. Ole und ich hatten uns viel zu erzählen. Und auch Schluppe war beschäftigt, hatte er doch meinen Instagram-Account bekommen um unsere Freunde „up to date“ zu halten. Wir blödelten und scherzen viel rum. An einer Aussichtsplattform standen einige Radfahrer, die irgendwie merkten, dass mit uns etwas nicht stimmte. Sie fragten schnell, was wir hier machten. Nachdem ich es ihnen erzählt hatte, wollten sie es nicht so recht glauben, dass wir 226km zu Fuß machten. Ich erwiderte lediglich „Ist doch schließlich Tag der Arbeit heute“- Hach, scherzen kann ich.

Auch der vorab bis ins kleinste Detail geplante Verpflegungsplan vom Schluppe schien gut aufzugehen.
Na ja, bis zum dritten VP. Nach den eigentlich geplanten 8km war nirgends eine Spur von Schluppe zu sehen. Wir hatten Angst, wir hätten ihn verpasst, sodass ich ihm kurzer Hand eine Sprachnachricht schickte. Geplante Kilometer von Zuhause aus, sind halt nicht immer reale Kilometer, manchmal passt das geplante eben nicht, manchmal zeigt eine Uhr mehr Kilometer an, als es eigentlich sind. Von da an wusste ich, das wird öfter passieren. Da Schluppe weiß wie sehr ich es hasse, wenn nach den exakt geplanten Kilometern nichts ist (stellt euch bitte mal vor, man läuft Marathon und nach 42,2km ist man aber noch nicht am Ziel), hatte er die nächsten Kilometerangaben großzügig geplant.

Es dauerte nicht lange da stoß Sarah zu uns. Sie fragte mich einige Tage vorher, ob sie uns ein kleines Stück begleiten könnte. Darauf freute ich mich sehr. Da Ole und ich noch nie zusammen gelaufen sind, wusste ich vorab auch gar nicht, ob wir funktionierten. Ihr kennt das sicherlich, es gibt Menschen, mit denen kann man einfach nicht gut zusammen laufen, irgendwie läuft der jemand in einen solchen Takt, dass es einfach nicht funktioniert, oder aber sie oder er ist zu schnell, man will aber nichts sagen, sodass man sich viel zu schnell „kaputtläuft“. Bei Ole und mir schien es aber echt gut zu funktionieren. Und auch mit Sarah war es ein wirklich tolles Miteinander. Der erste Vormittag war quasi so toll, dass ich bis vor einigen Tagen wohl oder übel vergessen hatte, dass es da bereits am ersten Tag geregnet hatte (ich weiß es immer noch nicht so wirklich, aber Schluppe hat es erzählt).

Ole und ich waren durch Schluppes Vorarbeit gut auf das Projekt vorbereitet, denn Schluppe hatte einen gpx-Track für uns erstellt, den ich auf meinem Navi während der gesamten Zeit mit mir hertrug. Es gab aber auch offizielle Markierungen, ein „H“ kennzeichne den knapp 156km langen Hermannsweg, ein „X“ den anschließenden Eggeweg. Wie es immer so ist, passt an manchen Stellen der Track mit den offiziellen Markierungen nicht. Da wir aber den offiziellen Wanderweg liefen, blieben wir, wenn möglich, auch auf diesem und folgten im Zweifelsfall dem „H“. Dies führte letztlich dazu, dass wir Schluppe beim nächsten VP verpassten. Wir liefen wohl parallel zu ihm.
Kurzer Hand rief ich ihn an und wir sagten ihm, dass wir noch genügend Verpflegung haben und wir uns am nächsten geplanten Ort treffen sollen.
Im Nachgang ist es übrigens völlig unmöglich, dass wir Schluppe an dem VP verpasst haben, der Turm an dem er nämlich stand und wartete, ist auf keiner der Strecken zu übersehen. Das berichtete auch Sarah, die die Teilstrecke am nächsten Tag nochmal lief.

Bis auf diese kleinen Vorkommnissen war das erste Drittel des Laufes schnell und kurzatmig durchlebt.
Wir liefen entspannt und hatten eine recht gute Durchschnittsgeschwindigkeit. Am frühen Abend plagte mich dann das Gefühl, dass ich arg langsam sei. Ich hatte das starke Gefühl, wir seien noch nicht wirklich weit gekommen bis dato, wusste ich doch auch nie wie viel Kilometer wir bereits in der Tasche haben. Da das Unterteilen in kleine Strecken von VP zu VP besser für meinen Kopf ist, und da ich auch Orte der Strecke nie zuordnen konnte, war ich zu diesem Zeitpunkt etwas genervt. Als Ole auf die Frage „Haben wir es noch weit bis zur 100“ mit „ja“ antwortete, war für mich dann gefühlt alles gelaufen. Erste Ängste machten sich breit. Wie soll es bloß weitergehen, wenn ich mich jetzt schon so fühle bei nicht Mals der Hälfte der Strecke? Am nächsten VP schrie ich förmlich Schluppe an, mir wenigstens zu verraten, ob wir die 60km-Marke denn erreicht hätten. Beide hielten still. Ob ich das im Nachhinein gut fand, ist schwer zu sagen.
Nach einigen wenigen Kilometern nach dem VP schaute ich versehentlich auf meine andere Uhr. Ja, ich trug zwei Uhren, eine wie bereits erwähnt für den Kopf und die andere für die FKT Seite. Genau, da habe ich doch glatt unterschlagen, dass der Lauf ein FKT (fastest known time) Versuch war. Nun gut, diese Uhr zeigte mir dann doch bereits 96,5km an. Halleluja. Ich hatte wieder Energie. Wir hatten in etwas mehr als 12 Stunden beinahe 100km gerissen mit einigen Höhenmetern. Geile Sache.
Na ja vielleicht motivierte mich auch zusätzlich die von mir gewünschte Pizza und der warme Zitronentee am nächsten VP.
An diesem VP stärkten wir uns für den heranbrechenden Abend und für die Nacht. Wir schnallten uns die Lampen um und düsten hochmotiviert weiter. Ab hier, war Ole noch nie angekommen, noch nie hatte er mehr als 100km gelaufen. Das musste ein unbeschreibliches Gefühl gewesen sein.

Am Abend konnten wir uns ein wenig mit den von uns geposteten Stories auf einigen social media Kanälen ablenken. Auch habe ich persönlich viele motivierende Nachrichten erhalten. Das hat mich wirklich sehr gefreut. An dieser Stelle natürlich nochmals herzlichen Dank an alle.
Es wurde zunehmend kälter und gefühlt noch dunkler. Als ich zufällig auf mein Handy schaute, erblickte ich die Nachricht von Daniel, der sich anbot noch einige Kilometer mit uns zu laufen. Auch dieses Angebot habe ich mit Kusshand angenommen. Leider war es gar nicht so einfach auf Daniel zu stoßen. Am ersten schnell vereinbarten Ort waren Ole und ich zu schnell, sodass Daniel anmerkte, er komme uns entgegen. Bei diesem „Entgegenkommen“ haben wir aber Parallelwege nicht mitbedacht, sodass wir uns erneut verpassten.
Ein neuer Plan musste schnell her, sodass ich ihm vorschlug, zum VP zu Schluppe zu fahren und auf uns zu warten. Schließlich trafen wir uns und liefen einige Kilometer gemeinsam. Daniel, der in Bielefeld wohnt, war ein perfekter Guide für die Nacht, Ole und ich hätten uns sicherlich dort einige Male verlaufen, wäre Daniel nicht gewesen. Übrigens ist es schon erwähnenswert, dass Daniel bereits am Morgen diesen Tages einen Marathon gelaufen ist. Die Laufgemeinschaft ist einfach großartig.

Gegen drei Uhr erreichten wir wohl das Hermannsdenkmal. Nein eigentlich waren wir schon daran vorbeigelaufen, denn als wir Schluppes nächsten VP erreichten, hatten die beiden mir dies eben genauso gesagt. Meine geografischen Kenntnisse sind der Hammer. Egal.
Wir waren alle zu diesem Zeitpunkt wohl etwas müde und leise. Die bisher so freudige Stimmung wurde zu keiner richtigen Stimmung mehr. Ole und ich schnappten uns an den VP´s nun unsere Schlafsäcke um uns in der Nacht während der kurzen Pausen etwas wärmer zu halten. Drei Mal sagte mir Schluppe, dass ich mit meinem Schlafsack aufpassen solle, damit ich den Brenner nicht umkippte. Mein Hirn muss zu diesem Zeitpunkt nicht mehr richtig funktioniert haben, denn ich erwiderte zwar mit einem „Ja“, passte aber nicht richtig auf und der Brenner mit warm werdenden Wasser fiel selbstverständlich um.
Schluppe war angefressen und packte uns mit den Worten „Ihr schlaft jetzt erstmal 15minuten“ in den Wagen. Nach zwei Minuten Stille, merkten Ole und ich aber, dass wir beide überhaupt nicht müde sind und standen wieder auf. Nur blöd, dass wir nicht aus dem Auto kamen und Schluppe gerade seinen Streak absolvierte.

Das letzte Stück des Hermannsweges brach nun an und wir freuten uns, wenn es langsam wieder Tag werden würde. Es wurde still um uns, sodass uns in der Nacht ein gemeinsamer Freund anrief, der wissen wollte, ob wir denn noch laufen würden. Wir trotteten still und liefen mal nebeneinander, mal hintereinander hinterher. Als wir die Externsteine dann endlich erreichten, war es so, als würden wir nun endlich wieder wach werden. Vielleicht lag es aber auch daran, dass es nun langsam anfing zu dämmern.
Wieder ein weitere Ritterschlag für Ole, der nun seinen ersten 160km Lauf absolviert hatte und das Ganze in knapp 22 Stunden.
Als wir auf den Eggeweg zuliefen, passierte nicht ganz so viel, wir liefen eher still nebeneinander her.
Ich weiß, dass ich im nächsten Abschnitt beim Laufen schlief, denn ich fand es ganz witzig, dass Ole dies nicht mitbekam. Allerdings habe ich deshalb auch keine Erinnerung mehr an diese Passagen.
Der Eggeweg war nicht mehr ganz so schön wie der bisherige Hermannsweg. Er glich mehr einem breiten Feldweg, der nach jedem Kilometer, wenn es um die Ecke ging, wieder genau gleich aussah. Und es wurde zwar heller, allerdings wurde es auch kälter und es regnete stark. Ole und ich hörten zu diesem Zeitpunkt jeder mit seinen Kopfhörern Musik um uns von dem Wetter abzulenken. Die drei Lagen Klamotten, die ich trug, waren durchnässt. Noch schlimmer wurde es, wenn wir an der Verpflegung eine kurze Weile Pause machten und danach wieder anliefen. Alle meiner Körperstellen waren kalt, steif und müde. Auch die Teilstrecken zum nächsten VP wurden länger, weil wir natürlich langsamer wurden. Wir hatten keine Lust mehr. Wir waren fertig. Sozusagen „done“, wie ich immer so gerne sage.
Als wir erneut Schluppe aufgrund eines Wegefehlers (vermutlich durch Ole und mir verschuldet) verpassten, war meine Laune wie weggeblasen. Ich hatte Hunger, ich hatte Durst, mir war kalt und mein Körper war müde. Noch schlimmer war es, dass wir Schluppe nicht erreichen konnten, da wir uns an dieser Stelle in einem Funkloch befanden. Bevor Ole und ich uns dann weiter ankeiften, entschieden wir uns einfach still hintereinander herzulaufen. Auch das muss man können. Stille aushalten. Wie motiviert man sich an dieser Stelle? Schwer zu sagen, ich denke man läuft einfach, einen Schritt nach dem anderen, ohne viel darüber nachzudenken. Und natürlich mit dem Wissen, dass es nicht mehr weit ist zum Ziel.

Einen neuen Motivationsschub gab es erst, als wir die 200km Marke erreichten. Wir konnten wieder lachen und scherzten herum. Die letzten 26km. Sechsundzwanzigkilometer! Das ist nichts. Aber leider hatte ich einen kleinen Denkfehler mit den nächsten VP´s, sodass ich dachte, wir haben weniger Kilometer vor uns als es tatsächlich waren.
Ich erinnere mich an dieser Stelle an ein Gespräch mit Ole, bei dem er überrascht feststellte, dass die Phasen, an denen es einem schlecht geht, viel länger anhielten, als bei einem Marathon.
„Bei einem Marathon weiß man, dass es einem zum Ende hin kurz schlecht gehen würde, aber das geht auch schnell wieder vorbei. Hier halten sich die Phasen gerne mal über Stunden. STUNDEN!“
Genau, ich hing auch wieder in so einer „schlechten“ Phase. Und auch Ole, war so müde, dass das vorletzte Stück zu einer langen Wanderpassage wurde. Höhen und Tiefen gibt es bei einer solchen Länge nun immer mal wieder. Gott sei Dank wechselten sich Ole und ich uns hier ab, sodass wir uns super ergänzten.
Am letzten Stück war es nämlich so, dass Ole so motiviert war, dass er glatt in einem 6er Schnitt laufen konnte und ich überhaupt keine Lust mehr hatte, sodass ich von allen um mich herum genervt war.
Als Schluppe dann auch noch anrief um mich zu fragen, wo das Ziel sein sollte, wollte ich nicht mehr. So überhaupt gar nicht. Soll er doch entscheiden. Mir ist es egal. Hauptsache wir laufen nicht mehr Kilometer als wir planten. Wir entschieden uns für die Kirche in Marsberg.

An dieser Stelle würde ich gerne beschreiben, wie emotional unser Zieleinlauf war. Es war aber leider nicht so. Wir waren froh und dankbar, dass Ziel erreicht zu haben, klar wir waren happy. Wir freuten uns aber auch endlich heimfahren zu können um uns ins Bett zu legen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung wie lange wir unterwegs waren. Am nächsten Tag erfuhr ich es waren 34 Stunden und 55 Minuten.
Es dauerte einige Tage bis ich realisieren konnte, dass ich wirklich 226km gelaufen bin, meine zweitlängste Distanz bisher und das einfach so. Es fühlte sich an als würde für ein kurzen Moment die Zeit stehen bleiben und erst dann weiter gehen, wenn wir wieder Zuhause sind. Eine solche Distanz gleicht einem einwöchigen Wanderabenteuer, vielleicht auch aufgrund der emotionalen und körperlichen Achterbahnfahrt.
Ich erhielt so viele Motivationsnachrichten, dass ich mich mehr als freute. Mein Ziel, mit diesem Projekt mindestens einen Menschen zu motivieren, hatte ich erreicht. Es war der Wahnsinn. Es war ein unglaubliches Gefühl.
Wie ich bereits zu Beginn erwähnt habe, befinde ich mich wahrscheinlich immer noch in einem Vakuum, denn dass das ganze Abenteuer schon vorbei ist, habe ich vermutlich noch nicht ganz begriffen.
Es dauert einige Tage, bis man verarbeitet, was man da geleistet hat, was WIR geleistet haben.

Vielleicht planen wir bald schon das zweite Abenteuer. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wurden durch dieses kleine Projekt andere motiviert, eigene Grenzen zu durchbrechen, vielleicht aber auch nicht.
Eines kann ich mit Sicherheit sagen, ich vermisse die Wettkämpfe, weil ich es vermisse, meine Freunde zu treffen und neue Menschen kennen zu lernen. Durch das Projekt habe ich genau das gehabt, das Gemeinschaftsgefühl, das Wiedererkennen meiner Gründe fürs Laufen. Für mich wird es für eine Zeit lang erstmal so weitergehen, eigene Projektvorhaben umzusetzen und mal erforschen wie weit ich komme, wen ich kennenlernen und wen mitnehmen darf. Ich freue mich auf diese Pause. Ich freue mich, dass ich Laufen kann, wo und wann ich will. Außerdem freue ich mich darauf neue Abenteuer zu erleben. Run free, run wild.

Und weiter geht es zu Oles Impressionen:

Projekt Hermannshöhen

Nun schreibe ich auch einmal meine Gedanken zu unserem Projekt Hermannshöhen nieder. Ich finde es immer sehr schwer meine Läufe, Wettkämpfe oder Abenteuer in Worte zu fassen.  Aber dieses Projekt ist es wert niedergeschrieben zu werden.

Ich möchte einmal damit anfangen warum ich überhaupt Ultras laufe. 

Ich habe früher nie an Wettkämpfe gedacht, war in der Schule nie der Wettkampftyp, sondern bin einfach nur gerne und lange in die Natur gegangen. So ist es heute noch. Dies ist vielleicht der Grund warum die Corona Zeit mir wenig ausgemacht hat und ich gemerkt hab, dass ich sportlich nochmal einen richtigen Sprung gemacht habe. 

Aber irgendetwas fehlte dann doch. Ich konnte mich selbst nicht zu einem „richtigen Projekt“ motivieren oder bewegen.

Ich merkte, dass doch etwas fehlt. Die Erinnerungen an meinen letzten sehr erfolgreichen Wettkampf im Februar kamen immer öfters hoch. Dort lernte ich Marina kennen. Was heißt kennen lernen, es waren eher fünf Minuten Smalltalk. 

Am Ende Mai hatten wir eine Konversation über Instagram in der Marina erzählte Sie wolle den Hermannsweg laufen. Großartig dachte ich mir, aber nichts für mich. 100 Meilen ist nicht meine Distanz. Da warte ich lieber noch etwas. Aber viele werden es kennen, wenn sich ein Gedanke erst einmal im Kopf herumschwirrt usw.

Die Zeit verging ich hatte durch Corona viel Zeit für Sport. Zehn Tage vor dem Projekt läutete Marina ihr Vorhaben mit einem Instagram Post ein. Doch ein Hashtag verriet, das es 226KM werden sollten. Damit war ich endgültig raus. 226 Km unmöglich für mich. Hermannsweg und Eggeweg kombiniert auf keinen Fall.

Zum Glück hat Marina nicht locker gelassen. Drei Tage später war ich dank der Überzeugungsarbeit von zwei Menschen, überredet mitzukommen. So richtig überzeugt war ich allerdings noch nicht. Das war eine Woche vor dem Lauf. Manchmal macht man sich Wochen vor einem Lauf verrückt, stellt sein Training um oder beginnt mit dem Tapern und ich soll jetzt einfach so laufen?

1 Mai. 2020

 Ich stehe mit zwei mir fast unbekannten Personen am Bahnhof in Rheine. Kein Problem wir sind alles Ultraläufer, wir wissen, wir haben die gleiche Basis. Das funktioniert in den meisten Fällen blind. 

Aber kann das auch über anderthalb Tage gutgehen? Ich versuche alle Gedanken, die mir durch den Kopf schwirren zurückzustellen. Ich weiß ich darf nicht viel bei diesem Lauf denken. Ich muss ein Vakuum in mir schaffen. Wir laufen los. Ich bin unsicher, soll ich viel reden oder weniger. So trotten wir los. Die ersten Km laufen flach, ja schon eher langweilig, gut um schon einmal in einen Trott zu kommen. Die Navigation pendelt sich ein. Marina, die den Hauptteil der Navigation Arbeit übernommen hat macht einen guten Job. Und wenn wir mal einen Abzweig verpassen, meldet sich die Uhr und wir korrigieren. Am ersten VP wartet Schluppe wir haben Spaß und machen unsere Scherze. Ich fühle mich wohl. So geht es immer weiter. Die Strecke wird schöner hat immer mehr kleine Anstiege und Downhills. 

Marina läuft immer von VP zu VP und weiß nicht die gesamten Kilometer. Ich nehme mir vor auch nicht mehr auf die Uhr zu schauen. Eigentlich gar nicht meine Art. Ich liebe es zu wissen wie weit es noch ist und wie viele Höhenmeter noch kommen. Aber ich versuche es, stelle auf der Uhr die Uhrzeit ein. Lustig meine Uhr zeigt nur die Uhrzeit an denke ich zwischendurch. 

Die Landschaft fliegt weiter an mir vorbei. Wir haben beste Laune. Kurz bevor Sarah uns auf der Strecke trifft, erreicht uns ein kurzer Regenschauer. Aber zum Glück ist es kurz danach wieder sonnig. Die Kilometer mit Sarah machen wirklich Spaß. Allerdings sind da zwischendurch immer wieder dies kleinen fiesen Anstiege. Ich merke das wird hart werden. Die bringen keine Höhenmeter machen aber trotzdem müde. Egal kühlen Kopf bewahren und langsam machen. 

Es klappt zwischen uns richtig gut. Die Phasen, in denen wir Blödsinn machen und in denen wir einfach nebeneinander herlaufen sind sehr ausgewogen. Zwischendurch freue ich mich immer wieder auf Schluppe, der mit seinen mobilen VP fast alle 10 km an der Strecke positioniert hat. Die orangen Warnhütchen haben mir immer ein lächeln ins Gesicht gezaubert. Irgendwann sagt Marina, dass Sie gerne Musik hören möchte. Ok denke ich und setze meine Kopfhörer auch auf und versuche mich auszubremsen. Musik macht mich schnell das kann ich hier nicht gebrauchen. Die Musik dröhnt ich habe das Gefühl dass wir beide beste Laune haben.

Dann schaue ich dann doch ausversehen auf meine Uhr. 70 km Uff… fühlt sich komisch an, ganz schön viel, aber doch so wenig. Bin aber doch froh zu wissen, wo wir sind und dass wir nicht zu langsam unterwegs sind. Ich versuche alle Gedanken zu verdrängen. Anscheinend denkt Marina genauso. Irgendwo bei Kilometer 73 fragt sie mich ob es bis zu den 100 km noch weit sein.

Was soll ich jetzt sagen? Ja bis 100 km ist es noch ganz schön weit oder lieber ne sind ganz nah dran…

Ich weiß nicht mehr was ich gesagt hab aber irgendeine Mischung war es wohl. Beim nächsten VP. bei Km 82 fragte Marina sichtlich genervt Schluppe ob wir den wenigsten schon 60km haben.  Man merkt, dass es ihr nicht gut geht.

In diesem Moment habe ich nur gedacht „Scheiße was hast du getan. Das wollte ich auch nicht. Wie komme ich aus der Situation wieder raus?“ Ich hatte mir ungefähr ausgerechnet, dass wir für die 100km 12h benötigen würden. Viel schneller, als das was ich erwartet habe. Wir waren voll im Soll.

Zum Glück fragte Schluppe uns, ob wir etwas am nächsten VP etwas wünschen.

Marina antwortet sofort; „Pizza“ Puh dachte ich nur. Der Gedanke an das Essen lässt sie hoffentlich die Kilometer vergessen. Also weiterlaufen. Weiter zur nächsten Verpflegung hangeln und die Laune hochhalten. Hat wunderbar geklappt. 

Zu diesem Zeitpunkt hat mich schon ein ganz schönes Vakuum umgeben, ich habe gemerkt, wie ich immer ruhiger wurde und in mich gekehrter. 

Der Gedanke was nach den 100km kommt setzte sich in meinem Kopf fest. Auf einmal holte Marina mich aus meiner Gedankenwelt. Sie hatte auf Ihre zweiten Uhren geschaut und die gesamten Km gesehen. Fast 100. Zack da war die Laune trotz strömenden Regen wieder da 😊 

Kurz vor den 100km wartete Schluppe mit Pizza und Tee unter einer Brücke auf uns. Wie romantisch.

Auf dem nächsten Teilstück erwartete uns ein schöner Sonnenuntergang und wirklich schöne Aussichten. Zum Glück gibt es heute Social-Media. Immer wieder wurden wir beide von ganz lieben oder sehr motivierenden Nachrichten abgelenkt. Das hat und beiden zu diesem Zeitpunkt wirklich sehr geholfen.

Nun kommt die Nacht. Bisher bin ich nur zwei Mal in die Nacht hineingelaufen. Ich war gespannt was uns erwartet. 

Marina verabredete ein Treffen mit Daniel.  Am vereinbarten Treffpunkt war er noch nicht. Er wollte uns entgegenkommen. OK kein Problem meine Laune war gut. Etwas Abwechslung und das auch noch nachts tut gut. 

Wir kommen an eine Weggabelung. Der GPS Track von Marina sagt Links. Ich habe einen Einwand, da die offiziellen Wegweiser nach rechts zeigen. Marina gibt nach.  Also laufen wir rechts. Aber sicher bin ich mir auch nicht, nach ein paar hundert Metern merken wir, dass wir vom Höhenkamm abkommen. Mit dem Gedanken das sich Daniel auf dem parallelen Weg oberhalb befindet, checkt Marina ihr GPX Gerät und Handy. Da passiert es. Ein Stock schiebt sich zwischen Marinas Zehen, da sie in Sandalen läuft, ist auch gleich die Haut an einem Zeh komplett weg. Ich fühle mich scheiße, nur weil ich mal wieder nicht den Mund halten konnte. Wie oft haben wir an diesem Tag schon erlebt, dass Wegweiser falsch aufgebaut waren.  Ich bin unglaublich wütend auf mich selbst. Zum Glück nimmt Marina, zumindest nach außen, alle sehr gelassen. Und so treffen wir Daniel am nächsten VP und er läuft ein gutes Stück der Hermannlaufes mit und unterhält uns sehr gut. Vielen Dank dafür.

Es wird sehr kalt in der Nacht. Am Hermannsdenkmal beginne ich das erst mal zu frieren. Es ist in der Nacht viel kälter als erwartet und der Kalorienverlust tut sein Rest. Das loslaufen nach den kurzen Pause und der guten Versorgung von Schluppe fällt zunehmend schwerer. Egal machen wir ja alles freiwillig und außerdem sind die Externsteine nicht mehr weit. Ich kannte im Voraus nicht viel von der Strecke oder Gegend. Aber die Externstein sind mir ein Begriff und ich wollt da immer mal hin. Ok wieder mal einen kleinen Happen Motivation gefunden.  Sehr gut ich merke das ich mich immer noch freuen kann. 

Angekommen an den Steinen beginnt die Morgendämmerung, geil ich schalte meine Lampe auf volle Stufe und beleuchte den ganzen See und die Steine. Genauso wie ich es schon auf unzähligen Bildern gesehen habe. Hier hat mein Onkel schon einmal Polarlichter gesehen und unglaubliche Fotos gemacht. Diese Bilder habe ich im Kopf.

Schluppe wartet 300 Meter entfernt auf uns. Beim Zähneputzen fragt er uns, ob wir weiterlaufen wollen. Zu diesem Zeitpunkt haben wir den Hermannsweg mit seinen 156 km geschafft. Da denke ich gerade nicht mehr dran. Aber es geht uns vergleichsweise gut, also warum sollten wir aufhören? 

Nun geht es auf den Eggeweg. Ich weiß das es nicht mehr weit ist bis zu den 100 Meilen.

Es wird zunehmend heller und ich begreife, dass das Wetter am zweiten Tag sehr schlecht werden wird. Ok hilft ja nichts. Wir laufen in ein kleines verlassenes Tal. Kein Netz schlechtes GPS Signal, unverständliche Beschilderung.  Ich habe keine Ahnung wie wir uns verpasst haben und wo wir anders hätten Laufen müssen. Wir hatten nur kurz telefonisch zu Schluppe Kontakt. Um zu ihm zu kommen, hätten wir ca. 500 meter zurücklaufen müssen. Marina war zu diesem Zeitpunkt sehr angefressen. Zurücklaufen war für sie keine Option, also weiter den Berg hoch.

 Ich hatte auf der Karte gesehen, dass nun endlich ein längerer Anstieg auf uns wartete. Sehr gut, den Berg hoch stapfen kann man immer. Zwischendurch mal die Uhr angeschaut.  Bäääm 160km voll. Innerlich Feuerwerk und Freude. Nach außen lieber nichts zeigen, ich weiß nicht wie Marina reagieren würde. 

Ab jetzt beginnt eine Phase, die ich schwer beschreiben kann, ja sogar ein ganzer Tag. Ich hatte erwartet, dass mich irgendwann die Schmerzen einholen. Bis jetzt tat irgendwann immer etwas weh. Aber irgendwie kam kein Schmerz. Natürlich der Körper wurden müde, aber es tat nichts richtig doll weh. Also keine Pain Cave für mich. Ich war eher wie in Trance, einfach immer weiterlaufen. So langsam begriff ich, was ich hier überhaupt mache. Ich habe allerding viele Stunden vom zweiten Tag ausgeblendet. Und sie sind auch im Nachhinein nicht mehr da.

Irgendwann kamen die 200 km dieses Mal habe ich mich gefreut, denn das Wetter wurde besser und Marina wusste die Distanz. Jetzt noch 26km das muss doch machbar sein. Naja gut, wir haben nur noch 6-7 km in der Stunde gemacht. Macht noch über 4h bloß nicht dran denken. Weiter Party machen, ob man es glaubt oder nicht wir waren zwischendurch immer noch lustig drauf.

Bei Km 203 wartet ein 3km langer Anstieg. Nicht richtig steil, aber auch nicht flach so 10% Steigung. Ich schlafe immer wieder beim Gehen ein und sehe Waldarbeiter im Wald, um kurz später festzustellen, dass dort niemand ist. Am höchsten Punkt bei Km 210 entscheidet sich meine Uhr den Lauf zu beenden und abzubrechen. Ich bin unglaublich wütend.

 Marina meint zu dem Zeitpunkt, dass es nur noch 7 km sind. Zum Glück liest sie nicht die Wegweiser, die mir verrieten, dass es noch 16 km sind. Egal einfach weitermachen. 

Bei Km 215 machte Marina eine kurze Pinkelpause. Ich weiß bis jetzt nicht was mich da übereilt hat. Jedenfalls fing ich zu rennen, den Anstieg hoch, die Uhr zeigte 5:30min/km an. Oben angekommen hatte ich ein schlechtes Gewissen, wir hatten uns 33h nicht aus den Augen gelassen, immer Sichtkontakt und jetzt laufe ich einfach so weg? Auf der anderen Seite merkte ich das meine Beine, die durch das Tempo entstandene Dehnung brauchten. Sie fühlten sich wieder etwas mobiler an. Auch hier verzeiht Mariana mir wieder einmal. Eine bessere Laufpartnerin kann man sich nicht wünsche, dachte ich mir.

Nun kamen noch Zwei Dörfer, 9 km. Harter Asphalt und Wellig. Ich fing an die Km anzusagen. Irgendwann überkam mich ein Gefühlt der Freude, aber nicht für mich, sondern für Marina. Ich dachte mir wow gleich hat sie ihren Lauf geschafft und ich darf sie auf den letzten Kilometern begleiten. Ich begriff nicht mehr das ich Teil dieses Projekts war. Es fühlte sich einfach wie einer dieser Trainingsläufe nach einer Partynacht an. Kotzübel und Müde aber man freut sich, dass man laufen darf. Dieses Gefühl hat bis ins Ziel angehalten.

Nach 226 km und 34 h, 55 min erreichten wir Marsberg. 

Das sind die Gedankenfetzen, die ich noch von diesem Lauf habe. 

Ich kann mich gar nicht oft genug bei Schluppe und Marina für dieses Wochenende bedanken. Es hat mich mit so viel Glück erfüllt wie schon lange nichts mehr. 

Und was bleibt? 

Wir werden wohl noch öfters zusammenlaufen. Das war das Chapter One von den TToG .

Danke Dir Marina, dass Du mir erlaubt hast, Deine Geschichte hier zu veröffentlichen. Und Danke dir Ole, du hast mir gezeigt, was man schafft wenn man die “Eier hat” über seinen Schatten zu springen. Und auch Du mir deine Gedanken zur Verfügung gestellt hast.

Im Märzen der Läufer…

Zu allererst einmal muss ich was loswerden:

ALLES WIRD GUT!

Ich finde es sehr beeindruckend, das sich das Volk doch so langsam an die Kontaktsperren hält und so hart es auch ist, durch diese etwas einsame Zeit wandelt.

Denjenigen, die es immer noch nicht kapiert haben muss ich sagen, das ihr u.U. dafür verantwortlich seid, das Menschen umkommen. Und vielleicht ist der nächste Mensch ja Deine Lieblingsoma.

UND MEIN ALLERGRÖSSTER RESPEKT GEHT AN DIE VIELEN VERKÄUFER*INNEN, DIE DEN LIEBEN LANGEN TAG DAS GEMECKERE DER KUNDEN ANHÖREN MÜSSEN. DANKE!!!!!

Was ist sonst noch passiert?

In den Staaten gibt es einen unter Läufern ziemlich bekannten Videoblogger: der Ginger Runner macht immer mal wieder mit Tests, Läufen und Experimenten auf sich aufmerksam. Eine Sache hat mich doch wirklich beeindruckt: Seine “100 Mile Training Week”, also 160km in einer Woche.

Ich habe mich schon des längeren mit dieser leicht verrückten Idee beschäftigt und letzte Woche war es dann soweit. Es öffnete sich genau ein Zeitfenster, bei der meine Frau morgens um 5 aufstehen musste und so konnte ich passend und früh meine Laufsachen schnappen.

160 km können bedeuten: 7x 23km oder 1x 30, 5x 20 1x 30k, oder oder oder…. Ich lief einfach los.

Montag schaffte ich in 2 Durchgängen insgesamt 34km, Dienstag 21km. Mittwoch quälten mich erste graue Gedanken Wolken bei fast 23km, Donnerstag waren das dann dramatische 5km. Kopf und Bauch fochten energisch mit- und gegeneinander, der Kopf wollte weiter, der Bauch (mein treuer Lebensberater) sprach ernst zu mir: Das was ich hier gerade veranstalte, ist Verrat an den gesunden Menschenverstand. In einer schwierigen Zeit, bei der das Immunsystem wichtiger denn je ist, laufe ich hier nicht in Maßen, sondern einem verrückten sinnleeren Ding hinterher.

Das beschäftigte mich wirklich den ganzen Tag und so beschloss ich folgendes: ich würde am Donnerstag Abend noch eine Runde drehen und wenn der Bauch weiter rebelliert, würde ich die Aktion einstampfen und vertagen. Nun ja: 14km sind es Abends noch geworden, ich war zurück im Spiel. Jubelnd kam ich zu Hause an, duschte und konnte nicht einschlafen. Na toll… In wenigen Stunden würde der Wecker gehen und mich zur nächsten Einheit herausklingeln.

Freitag kamen dann weitere 19km zusammen, Samstag dann fast 33km. Am Sonntag dann holte ich mir meinen Triumph ab und brachte voller Stolz das Ding nach Hause. Sehr cool eigentlich!!!!!

Heute am Montag habe ich mir die minimal erforderliche Streakrunde von 1,6km verordnet. Und vielleicht morgen und übermorgen auch. Gönnen wir dem Körper und Geist ein wenig Ruhe.

Hä, Geist? Ja genau! Auch für meinen Kopf war es eine unruhige Woche. Ich bin mittlerweile so dem Streak “verfallen” das mir solche Trainingsforderungen fast schon zu wider sind. Lieber laufe ich so wie ich will. In meiner Routine: aufstehen, zwei Glas Wasser, einen dünnen Kaffee und los!

Und jetzt bitte ich Euch noch um zwei Kleinigkeiten: lauft wirklich nur in euren Limits, wenn Covid-19 den nächsten Stern attackiert, ist genug Zeit für Blödsinn. Und bedankt euch mal mit ein paar Blumen oder einer Schachtel Merci bei den vielen Menschen da draußen, die für uns den Ars… hinhalten, damit du in Ruhe schei… kannst.

Glück auf. Hände waschen nicht vergessen!

It´s me – an Einsiedler

Ich bin müde, ich kann und will es nicht mehr hören. Man könnte natürlich sagen, ich wäre desinteressiert. Mag sein…

Seit einigen Tagen habe ich die Twitter App von meinem Handy gelöscht. Und ja, ich leide. Ich vermisse diese lustige Dumm- und Dümmerquatscherei, das Necken und die Diskussionen über Equipment Gadgets. Aber viel mehr hat mich das ständige Gemeckere genervt. Es nervt einfach. Es ist mittlerweile gefühlt alles falsch was im Kleinen wie auch im Großen passiert und jeder muss mit 280 Zeichen seinen Senf dazu geben. Das hat mich gestresst.

Jetzt ist es ruhiger, nicht immer besser, weil ich viele meiner virtuellen Kontakte wirklich mag und ich vermisse sie. Aber es wurde mir zu viel…

Instagram habe ich auch vom Handy gelöscht: übertriebene vielleicht sogar falsche gute Laune – auch damit komme ich nicht mehr klar.

Die letzten Tage war ich vermehrt auf Facebook unterwegs. Auch da fange ich an, die “Nerver*innen” aus meinem Followerkreis zu schmeißen. Es wird also einsamer.

Dann bleibt da noch das Sport Portal STRAVA – warum zwiften die Menschen jetzt quer durchs Land? Früher ging man raus….

Ich will und muss hier nochmals ganz klar darstellen: mir ist es nicht egal, wie es der Welt geht, wie es den Menschen geht, was in der Politik los ist und nach den Dramen in Thüringen bin mehr als froh, durch eine eher linke Pubertät gegangen zu sein und jetzt stolz sagen zu können: Die AFD und der ganz braune Mopp ist eine Gefahr für dieses Land und muss verboten werden.

Und doch wird es leiser um mich. Erleide ich gerade einen Social Media Kollaps? Ich weiß es nicht genau. Mir geht es gut und ich bin (prinzipiell) ausgeglichen, also nicht ein meckerner Mitvierzieger, der den Kids das Fußball spielen verdirbt und den Ball einsackt. Es wäre toll, wenn es mal wieder mehr Kids gäbe, die Dreck fressen, Regenwürmer untersuchen und bei Regen durch Pfützen springen. Diese Eltern, die mit ihren Hygiene- und Desinfektionstüchern ständig hinter ihrem Nachwuchs herputzen. Ein Grauen!

Zum Glück ist dieser Blog mein Blog und ich kann und darf sagen, was ich will, quasi als Therapieventil. Und wer mich kontaktieren will kann das gerne über die verlinkte Email Adresse des Blogs tun. Ich würde mich auch sehr über Kommentare und Ideen freuen. Und es wird der Tag kommen, an dem ich wieder da bin. Oder auch nicht… 😉

Ich bin ja nicht weg! Email, Whatsapp, Threema und co. sind bei mir.

Passt auf Euch auf!

+++ News +++

Ich sehe meinen Blog als eine Art Tagebuch, in dem ich meine gemachten Läufe (falls erwähnenswert) dokumentiere, ggf. ausdrucke und mich einfach gern an tolle Dinge erinnern kann. Doch manchmal fehlt Lust, Kreativität oder “die” Eingebung eine schöne Abhandlung zu schreiben.

Natürlich ist seid der belgischen Meile einiges passiert, von dem ich hier in Kurzform berichten möchte.

Wie schon im österreichischen Podcast “Laufendentdecken” , bei dem ich zur Gast war, erwähnt, bin ich einen Halbmarathon in der Tiefgarage unseres Mehrfamilienhauses gelaufen. Ein Runde sind etwa 55m, bedeuten also rund 380 mal eine kleine Runde zu laufen. Da ich von den Nachbarn nicht als Spinner abgetan werden wollte, bin ich zeitig (morgens um 03:15 Uhr) nach dem Ende der Ironman Übertragung auf Hawaii gestartet. Passiert ist nichts. Bis auf: gegen 04:30 Uhr kommt eine bekleidete und offensichtlich nüchterne Frau um die 40 Jahre jung in die Tiefgarage, geht zu einem Auto, öffnet die Heckklappe, kramt so lange, bis sie eine Flasche Cola findet, nimmt sie an sich, wünscht mir noch einen schönen Sonntag und verschwindet. – Da war ich doch baff. Sollte ich nicht der Verrückte hier sein…?

Anfang Januar gab es dann die 2019er Ausgabe des Hünenburg Vertical. Passiert ist wirklich nichts deswegen nur der Verweis auf den Blogeintrag von 2018.

Anfang Februar dann hat es Marina und mich nach Kaiserslautern gezogen: Ein 6h Benifizlauf indoor auf einer 142m langen Tartanbahn wurden ausgelobt. Da die Startgebühr und alle Umsätze einem guten Zweck des Vereins 42x42Benefizteam zu Gute kommt, waren wir gern dabei. Der Start war pünktlich morgens um 10.00 Uhr mit kleinem liebevollen Verpflegungspunkt und einem DJ der uns einheizte.

Marina bewog es auf Grund eines anstehenden Ultras nur 30km im Oval zu laufen, mir wurde wahrscheinlich wegen der etwas veratmeten Luft und zu wenigem Essen nach 5h 30min leicht schummerig vor den Augen, so das ich mir vernünftiger Weise überlegte einfach aufzuhören. Die Messung geschah über einen Chip in der Startnummer und so legte ich an dem Tag 370 Runden, ergo mindestens 53km zurück. Zufrieden war ich damit nicht wirklich, aber Vernunft siegt nun mal und im nachhinein freue ich mich, nicht mal ein bisschen Muskelkater zu haben. Auch nicht in den Füßen obwohl nur in Zehenschuhen unterwegs. Und was zählte war ein tolles Wochenende mit Marina und allerhand “Dummlaberei” 😉

Abschließend möchte ich noch einige Gedanken zum streaken loswerden. Ich laufe jetzt mehr als 640 Tage mindestens eine Meile, meistens mehr. Ich höre immer wieder, das es ungesund sei, das ich einen eisernen Willen hätte oder das ich einfach verrückt sei. Vielleicht trifft alles auf das tägliche Laufen zu. Was aber immer wieder vergessen wird, ist die Tatsache, dass das tägliche Laufen wie ein Weckruf meines Körpers und Geistes ist. Ich stehe auf, trinke 2 Gläser Wasser, mache mir einen (dünnen) Kaffee, zieh mich um und los geht es. So einfach… Natürlich gab es auch schon Tage wie folgt: ich stehe auf, trinke 2 Gläser Wasser, mache mir einen (dünnen) Kaffee, zieh mich um und merke das ich nicht in die Gänge komme. Dann habe ich mich auch mal wieder umgezogen, bin ins Bett zurück und habe weiter geschlafen. Entweder bin ich später weniger gelaufen oder habe meine Runde abends nachgeholt.

Es gibt kein Richtig und auch kein Falsch beim streaken. Es muss halt innerhalb eines Kalendertags die Meile gelaufen werden. Das ist es schon! Eine Zeit lang bin ich mit Musik gelaufen, dann wieder mit Hörbüchern. Jetzt aktuell ohne Kopfhörer, vielmehr genieße ich die länger werdenden Tage, die es mir ermöglichen immer häufiger und früher meine Kopflampe auszuschalten. Ein Morgenrot ist einfach unfassbar schön, wenn man den ganzen Winter durch die Dunkelheit gelaufen ist.

Ich habe keine Empfehlung für diejenigen, die sich näher mit dem streaken befassen wollen außer: einfach machen. Das tägliche Laufen hat nur bedingt mit laufen zu tun. Vielmehr ist es denken, genießen, staunen, Probleme lösen, grübeln, Ideen schmieden, meditieren, philosophieren, Hunde zählen, im Flow sein, Körper und Geist für den Tag vorbereiten und ganz nebenbei halt die tägliche Dosis Bewegung.

Streaken wurde bei mir erst im Laufe der Zeit ein Ding, wie ich es oben beschrieben habe. Zuerst standen die Kilomter, die Zeit, die Durchsetzung im Vordergrund. Aktuell ist es wie Zähneputzen: manchmal lästig und doch gehört es einfach dazu.

Vielleicht höre ich irgendwann einfach wieder auf. Vielleicht auch nicht. Erst mal morgen laufen, dann sehe ich weiter.

#StreakOn

Die belgische Meile

“The Great Escape” – so heißt eine der Läufe die zwei verrückte Belgier im Rahmen der Legends Trails veranstalten. Man hat die Möglichkeit 50 oder 100 Meilen zu laufen oder auch zu wandern. Die Strecke führt von Luxemburg nach Belgien durch die Zentral Ardennen in einem wirklich unberührtem Gebiet. Ich wusste nicht, das Belgien so grün und hügelig ist, für mich ist Belgien das Land zwischen Frankreich und Deutschland. Sorry ihr lieben Belgier, ich werde mich bessern.

Ich war (mal wieder) mit der wuseligen Marina unterwegs und so trafen wir uns bei ihr und fuhren gemeinsam nach Belgien. Start sollte um 00.00 Uhr sein, der Shuttle Bus zum Start um 22:30. Wir hatten noch reichlich Zeit und konnten sogar noch eine Stunde im Auto die Augen zu machen.

Es gab viele kleine Kuriositäten bei diesem Lauf: angefangen mit knappst bemessenen Getränkemarken für die Teilnehmer (warum überhaupt limitiert?), dann die Aussage das es bei unserem Start am Checkpoint Wasser für meine Flaschen gäbe. Gab es auch: es waren genug Duschen im Vereinsheim des örtlichen Fußballvereins, wo ich schön warmes Wasser in die Flaschen füllen konnte. – Die 4 VPs boten alles von runden Waffeln, eckigen Waffeln, weichen Waffeln, harten Waffeln, belgischen Waffeln, Lütticher Waffeln an. Oder Erdnüsse. Naja und Cola und Wasser. Und wir wissen alle, was eine trockene Waffel in einem trockenen Mundraum bewirken kann.

Marina und ich liefen durch die Nacht, kamen aber nicht wirklich so zusammen, wie wir das sonst mal hatten. Vielleicht war ich zu schnell. sie zu schnell, vielleicht war ich genervt von dem Tracker, der mir auf die Schulter drückte, den ich dann mit Handschuhen abpolsterte, die ich aber später noch verlor, Marina vielleicht von der Kälte in den Tälern bei 3-4 Grad plus. Das hört sich geschrieben alles schlimm und konzentriert an, es waren aber nur winzige Nadelstiche, die uns irgendwie quer kamen und so waren wir nicht das quaselnde und lachende Duo, sondern zwei stille Partner, die nebeneinander her liefen. Im Nachgang haben wir das aufgearbeitet. Es hat einfach irgendwie nicht gepasst. Um so besser wird es das nächste Mal.

Es ging immer wieder rauf und runter durch die Nacht. Zwischen Wiesen und Wäldern hindurch, an Bächen vorbei und immer die klare trockene sternenklare Nacht. So viel Ruhe und Stille war wirklich beeindruckend. Gegen 06.00 Uhr dämmerte es endlich und der aufziehende Tag vertrieb meine Lethargie. Ich freute mich morgens um 06.30 Uhr schon 55km gemacht zu haben und ich hatte kurz auf dem Schirm relativ früh wieder zu hause zu sein. Und dann begann der Wahnsinn:

An einem der Checkpoints, sagte man uns, jetzt käme ein leichter Teil. Der Weg wurde allerdings steiler und steiniger. Die Schritte von uns wurden langsamer und wir mussten Teil wirklich erklettern. Einfacher – aha! Im Nachgang hatten die Jungs von dem VP Recht. Es erwarteten uns immer mehr steile Stücke, große Steine, Waldstücke. Zwischenzeitlich sagte meine Uhr 15min45 für einen (besch…) Kilometer. Wir verfluchten den Weg und waren genervt. Bei dem Tempo konnte es noch noch ein langer Tag werden.

Da wir wegen des eingeschränkten GPS Empfangs auf unseren Uhren unterschiedliche Streckenlängen gemessen hatten, fragten wir am vermeintlich letzten VP nach, wie weit es denn zum Ziel sei. Wir waren beide bei ca 13 km, das Mädel vom VP sagte uns 23. DREIUNDZWANZIG!!! Bei 5-6 km pro Stunde wären das noch locker vier Stunden. Das konnte nicht sein. Wir fragten nochmals nach. “Twentysreeee” so die Antwort. Wutschnaubend brachen wir auf. Wie konnte das sein? Sowas kann einem mental ganz schön zusetzen und demoralisieren. Später stellte sich heraus, das die 100 Meiler wirklich noch 23km laufen müssen, die 50er nur 13.

Die Sonne kam immer mehr heraus und wir verstauten so gut es ging unsre Jacken und Buffs und quälten uns durchs belgische Unterholz. Einer der Sätze von Marina blieb mir im Ohr: “Wir sind diesen besch… Berg jetzt schon das vierte Mal hoch. Wollen die uns vera….?”. Auch ich verfluchte Steine, Bäume, Veranstalter und mich selbst. Die Stimmung war also bestens.

Marina lobte ein Zeitziel aus: mit etwas Glück könnten wir unter 13h ins Ziel kommen. Das war doch mal was. So drückte ich bergab etwas zu sehr auf die Tube und hatte beim letzen Anstieg einen beidseitigen Adduktoren Krampf. Ganz hässlich. Es ging nicht vor und nicht zurück. Blöde. Das kostete uns weitere Minuten, wir wollten doch unbedingt gemeinsam ins Ziel.

Dann endlich: nach 12h 54min bogen wir in die Zeilgerade ab und freuten überglücklich diesen krassen Lauf bestanden zu haben. Zuschauer und Teilnehmer klatschten uns zu und wir waren im Ziel. Ein tolles Gefühl. Wir standen am Getränkestand und genossen unsere Cola.

Ich fragte die Dame, wo wir uns denn für die Endzeitenabnahme melden sollten und dann kam der Hammer: ob wir von links oder rechts in Ziel heran gelaufen wären. Von links bestätigte ich. Darauf sie toternst, dann wäre dieser (im Ziel stehende!!!!!) Stand nur ein Checkpoint und wir müssten noch 5 weitere Kilometer über einen Berg laufen. Nach 80 km, nach 50 Meilen sagt dir jemand, du hast zwar 50 Meilen aber hier ist nicht Schluss. Und so sind Marina und ich zu einem der Veranstalter und fragten nach. Übersetzt sagte er so was wie: Ja ihr müsst noch 5 weitere Kilometer laufen. 50 Meilen sind schließlich immer nur ungefähr 80 km. Und wenn wir diese tollen Medaillen haben wollten, müssten wir halt noch die 5km machen. Das stehe schließlich so in der Ausschreibung. (Gefunden und gelesen haben wir es auch hinterher nicht. Nebenbei waren die 5km nicht als GPX Track verfügbar). Eine Laune der Natur.

Das war ein bisschen viel für uns. Marina polterte von dannen, ich mit einigen Metern hinterher. Ich stand an einem Zaun und rief ihr nach, das ich nicht weiter laufen würde. Es wäre mir egal, dann wäre es halt ein DNF ( did not finish) und ich würde jetzt zum Auto gehen. Ich würde mir nicht von einem Belgier sagen lassen, wann ich einen Rennen zu Ende laufen müsse, wenn ich die Strecke doch gelaufen bin. Usw…

Marina “brüllte” widrum mich an und triggerte mich irgendwie doch weiter zu machen. Das waren die einzigen 5 Km, die wir nicht zusammen liefen. Sie hatte nach Absprache Musik in den Ohren und war nun etwas vor mir.

Die letzten 5km hatten es noch einmal in sich: die 5 waren in Wirklichkeit 7 km mit noch einmal 180 Höhenmetern, viel Sonne und Gegenwind auf dem Wiesenplateau. An der Steigung wieder Krämpfe. Ätzend. Ich kam mir vor wie Messner beim Aufstieg zum Gipfel. Ich schickte meiner Frau Sprachnachrichten mit all der Enttäuschung und Wut. Ich kam nicht mehr weiter. Man hatte mir damit so den Stecker gezogen, das ich einfach stehen blieb und mich nicht mehr bewegte. Ich wusste nicht mehr weiter.

Ich habe es mit Musik probiert, das klappte nicht. Ich habe mir irgendwelche Mantras rausgekramt. Nichts. Dann rief ich meinen Freund Christian aka Trailtiger an. Ich hörte noch wie er ans Telefon ging. Meine ersten Worte waren: “Tiger du musst mir helfen, ich weiß nicht mehr weiter!” Es sprudelte aus mir heraus. Was ich nicht wusste, das zwischenzeitlich die Verbindung einseitig unterbrochen war, er mich hören konnte, ich ihn aber nicht. Ich legte verzweifelt auf. Und dann bewegten sich meine Beine. Irgendwie ging es. Vielleicht musste es nur aus meinem Kopf heraus. Ich ging ein Stück, lief ein Stück, ging wieder ein Stück. Es war die Hölle. Ich kann mich nicht erinnern jemals beim laufen mental so belastet gewesen zu sein.

Irgendwann, gefühlt Stunden später, es waren real doch nur 45min erwartete mich Marina schon mit ihrer Medaille im Ziel und wir liefen Hand in in Hand die letzten Meter gemeinsam.

Als ich endlich meine Medaille hatte, verfluchte ich den Veranstalter ein weiteres Mal persönlich mit einem Lächeln, wir gaben uns wie Ehrenmänner die Hand, ich bekam meine Medaille und ging erst einmal ein paar Tränen vergießen.

Dann Leere. Wir waren einfach k.o. Fix und fertig…

Auf der Rückfahrt waren Marina und ich wieder besserer Laune und wir witzelten: Es gäbe halt die amerikanische und belgische Meile. Die belgische Meile sei etwas länger und wenn man sich bei etwas nicht sicher sei, sollte man immer die belgische Meile als Maßstab nehmen. Nicht die Amerikanische.

Dieser Lauf ist mein bisheriges Meisterstück. Klar bin ich schon weiter gelaufen, aber mental war es das absolut härteste was ich je gemacht habe. Marina erinnerte mich nach lesen des Blogs daran, das ich wohl zweimal von meinem persönlichen Barkley geredet hätte und von einem verschrobenen Belgier, der im Ziel an einer gelben Schranke stehen würde…

Ich werde auch aus diesem Lauf lernen und wenn es mal nicht geht, werde ich an die belgische Meile denken.

P.s. Marina: du bist mental einfach ein harter Hund. Auch von dir kann ich noch eine Menge lernen. Danke für deine Zeit mit mir!

Worldtour am nächsten Wäldchen?

Hallo, ich bin´s! Der Schnäppchenmann vor dem Herrn, der alles besser oder aber zumindest billiger kann. Dann aber entweder die Lust verliert oder das Budget… Ach egal 😉

Kapitel 1 – der Impuls

Nachdem ich letztes Jahr den autarken Emsradweg Lauf #ERWEL probiert hatte und feststellen musste, das Equipment tragen (inkl. Isomatte, Schlafsack, Bivy etc) und laufen zwar machbar ist, aber am Ende des Laufens noch zu viel Tag über ist, war mir da schon klar das ich einen Packer hinter mir her ziehen müsste. Ein Packer, Sulky oder Pilgerwagen der am Beckengurt mit zwei Deichseln und meist mit zwei Rädern hinter dem Laufenden hergezogen wird. Also Internet auf, Preise checken, schlucken, Internet zu. Traurig sein. Dabei möchte ich hier eindringlich und ausdrücklich sagen, das ich über die Qualität und Leistungen der kaufbaren Packer nichts sagen kann. Auf Grund der Qualität und eher im Manufakturbereich liegenden Stückzahlen sind die aufgerufenen Summen für ein “mal so just for fun” einfach zu hoch. Also das ganze Projekt erst einmal wieder einstampfen. Einstampfen heißt in diesem Falle eher mit den passenden Hefen ansetzen und im dunklen feuchten Keller langsam reifen lassen.

Kapitel 2 – die Idee

Die Tage gehen ins Land und aber auch gar nichts erinnert mich an die weiter reifende Idee mit einem Packer mindestens die Galaxie zu umrunden. Bis ich eines Tages vom Europaradweg E1 erfahre. Dieser abgefahrene Radweg geht von Calais 4500 km bis ins ferne St. Peterburg. Soweit nichts verwerfliches. Das der E1 aber durch Münster, über den Prinzipalmarkt, also etwa 300 m von meiner Arbeitsstätte entfernt Richtung Berlin führt, erzeugt in mir wohlige Wärme und einen leicht höheren Puls. Ein Zeichen? PLOPP – ein Weg, ein Packer, eine Idee, ein Ziel. So einfach ist also ein neues Ziele (Wünsche /Bedürfnisse?) zu definieren. Mit einem Wägelchen also den E1 autark bis Berlin laufen, auf Grund der Transportmöglichkeiten ein wenig Komfort und Luxus dabei zu haben als Ziel den Reichstag in Berlin anzusteuern und dann mit der Bahn zurück. Fertig!!!

Kapitel 3 – erste Pläne

Internet auf, Packer recherieren und vergleichen, Internet wieder zu machen, weil sich die Konstellationen natürlich nicht geändert haben und traurig sein. Der Sparfuchs in mir hat natürlich gleich Witterung aufgenommen und es kommt wie es nicht anders kommen sollte. #DIY “do it yourself” und #MYOG “make your own gear” sind die neuesten Schlagwörter des umsetzwilligen Hobbykonstrukteurs.

Letztlich entscheide ich mich einen faltbaren Golf Trolley, also einen Golfschlägertaschentransportmobil, welches ich umbauen möchte. Die Basis scheint stabil, die Räder rollen satt und leise, das Vehikel ist zusammenfaltbar und relativ leicht. Schnell habe ich Möglichkeit mit Gewindestangen gefunden, die es mir ermöglichen meine Reisefracht zu verzurren und zu transportieren. Als Beckengurt bestelle ich mir den preiswertesten Klettergurt aus dem Bergsport und modifiziere ihn nach meinen Wünschen. Was bleibt ist einfach nur die Verbindung zwischen Vehikel und mir. Und bleibt. Und bleibt. Und bleibt. Und erzeugt neben Kopfschmerzen neue Fluchwörterkombinationen, die selbst meine Frau wundern. Mittlerweile reißt die Probiererei ein immer größeres Finanzloch in meinen “Nur mal so” Budget, das mich alles an die aktuellen Probleme des Segelschulschiffs Gorch Fock und den Flughafen BER erinnert. Mir bleibt also nur eine Möglichkeit: weiter machen oder abbrechen. Ich entscheide mich für den Abbruch. Der Sparfuchs hat schon lange die Fährte verloren, alles in allem bin ich an dem Punkt semiprofessiones Gewurschtel angelangt und ziehe enttäuscht die Notbremse.

Kapitel 4 – es wird professionell

Nachdem ich wieder einmal das Internet durchforste und die immer gleichen Bilder sehe, erscheint mir warum auch immer plötzlich der [Werbung ] deutsche Hersteller cart4go.de, der Pilgerwagen bzw. Packer zum Wandern baut – grundsolide, leicht und durchdacht. Ein erster Check zeigt mir sog. Eindeichsel Modelle, die über einen Hüftgurt gezogen werden. Ich schreibe Herrn Kuna, den Hersteller und Anbieter dieser Gefährte an, ob er eine Möglichkeit sieht mit diesen Modellen auch zu laufen, oder ob es reine Wanderwagen seien. Wir wechseln Telefonummern und in einem ersten Gespräch, merke ich schnell, das er seine Wagen mit Passion baut.

Ich schlage ihm die Idee vor, ein Zweideichselwagen zu bauen, der laufbar ist, den ich dann auch gerne bei ihm in Kleve Probe fahren würde. Herr Kuna erbittet eine Woche Geduld und dann fahren meine Frau und ich nach Kleve um uns von seinen Packern zu überzeugen. Vor Ort erklärt er jedes Detail mit Stolz und Hintergrund, ich laufe diverse Modelle die Straße auf und ab und schließlich erwerbe ich sein “Runner” getauftes Prototypenmodell: mit breiterer Spur, kleineren Rädern, tiefem Schwerpunkt, zwei Deichseln und Beckengurt.

Einige Tage mache ich mein Glück mit einer 31l Ortlieb Rat Pack Tasche perfekt.

Was bleibt ist die Einsicht, das andere es besser können, ich viel Lehrgeld bezahlt, aber viel neues über Materialien, Stabilität, Scherkräfte, Kippwinkel, Schwerpunkte, Hebelgesetze und allerhand anderer Physik in der Praxis gelernt habe und so buche ich meine Eigenkonstruktion als Erweiterung meines Wissensstands ab und bin glücklich.

Kapitel 5 – Dortmund ist nicht Berlin

Aktuell stehe ich vor dem Punkt, das mir für einen Trip nach Berlin die Zeit fehlt, aber der vor meiner Nase fließenede “Dortmund-Ems-Kanal” eine tolle Plattform bietet mich und den von Herrn Kuna getauften “Runner” zu testen. Mir schwebt eine Art 24h Abenteuer startend von Dortmund vor: autark und ohne externe VPs soweit laufen und gehen wie es einem in 24 Stunden möglich ist…

Kapitel 6 – Auf geht´s (wirklich!!!)

Es ist Samstag und meine Frau setzt mich mit meinem Vehikel am Anfang des Dortmund-Ems-Kanal (DEK) am Mineralölhafen ab. Sie schaut mir nach, ich ihr. Jetzt heißt es tapfer sein und dem Weg folgen bis…? Keine Ahnung. Zum Glück scheint noch die Sonne und so ziehe ich um 19.30 Uhr los zur ersten richtigen Ausfahrt. Nach etwa 400 m bin ich am Kanal und und ich genieße die ersten Meter. Das Tempo ist sehr moderat, ich entschleunige bei Sonnenuntergang und schängle mich an mehreren Shisha Cliquen durch Dortmund.

Ich spüre die Blicke, eine Mischung aus Staunen und abfälliger Belächelung. Einmal muss ich an vier aufgemotzten Polos vorbei. “Boah, wat geht mir die Düse” mag der Ruhrpottler sagen. Wenn ich aus Versehen mit meinem Wägelchen an den Fuhrpark der potenz strotzenen Berufeinsteiger komme, bin ich vermutlich einen Kopf kürzer. Aber zumindest lande ich im Kanal. Aber: alles geht gut und und ich ziehe weiter. Gegen 21:00 Uhr verabschiedet sich die Sonne und ich laufe durch die Dämmerung. Der Weg führt mich mal links, mal rechts am DEK vorbei. – Plötzlich bemerke ich ein schleifendes Geräusch. Meine Tasche ist durch die ständige Ruckelei auf dem Schotter nach hinten gerutscht. Ich halte an, löse die zu langen (noch nicht nervigen) Spanngurte, setze die Tasche wieder auf, verzurre alles und laufe weiter.

Irgendwann ist es wirklich so dunkel, das ich mir die Stirnlampe aus meinem Laufrucksack hole und von kurzem auf langes Shirt wechsle. Aus Langeweile plärrt aus meinem Handy Musik. Dann ein schleifendes Geräusch. Meine Tasche hat sich wieder verselbstständigt, hängt gefährlich über der Kante und schleift. Ich halte an, löse die zu langen (leicht nervigen) Spanngurte, setze die Tasche wieder auf, verzurre alles noch fester und laufe weiter.

Ich komme an einem Parkplatz für Kanalschiffe vorbei. So etwas habe ich noch nie gesehen: dort parken über Nacht mehrere 80-90 m langen Schiffe. In den Kajüten flimmert teilweise der Fernseher, die meisten sind schon dunkel. Allerdings hat das horizontale Gewerbe wohl hier auch einen Stützpunkt und so roller ich zwischen Wohnwagen und Relingschwalben her. Mir ist nicht wohl dabei, werde aber ignoriert. Laufbekloppte sind augenscheinlich schlechte Kundschaft. Wahrscheinlich müffel ich zu sehr…

Dann sehe grüne Punkte auf dem Wasser leuchten. Glühwürmchen? Nein, sie bewegen sich nicht. Hö? Erst im letzten Moment erkenne ich, das an grünen im Wasser schwimmenden Leuchten Angler hängen, die in Camouflage gekleidet dem Hobby Nachtangeln nachgehen und mit ihrem Equipment an der Böschung sitzen. Selbstleuchtene Schwimmer. Hightech in der Angelwelt. Ich denke, wirklich alle anwesenden Personen habe eine schräge Meinung zum Hobby des anderen.

Weiter geht es. Nach längerer dunkler ruhiger Phase höre ich wummernden Bass. Nicht sehr laut aber näher kommend. Dann erkenne ich auf der anderen Kanalseite einen Pavilion, eine große Akku Licht- und Tonanlage und junge Menschen, die feiern. Gänsehaut für mich. Ich liebe diese Momente, an dem mich nur ein kleiner äußerer Impuls aus meiner Lethargie abholt und ich neue Energie tanke. So einfach geht es…

Der Kanal ist spiegelglatt, der Mond mittlerweile untergegangen und es ist ganz schön dunkel. Ab und zu komme ich an Nachtanglern oder einer Gartenkolonie mit Party vorbei. Dann ist wieder Ruhe. Eigentlich mag ich die Stille, den Spot meiner Lampe, das immer monotone Geräusch meiner Schritte.

Ich komme in die nächste Stadt. Es muss kurz nach 3 Uhr sein, als ich eine Gruppe Jugendlicher auf meinem Weg sehe, die zusammen hocken und laut miteinander reden. Sie stehen links an einer Bank, auf meinem Weg mehrere Fahrräder. Mist – denke ich, einfach lässig bleiben, die wollen nur spielen. Als ich mich an ihren Fahrrädern vorbei schlängle, meldet sich der “Anführer” lautstark und pfeift seine Clique an: “EY STELL MA´RÄDER WEG!!!” Ich: “Ach, geht schon.” Er: “GEHT SCHON, LASS!!!!”. Puh – als Kleinstädter bzw. Dörfler fehlt mir einfach die Großstadtsouveränität. Leider.

Ich laufe weiter durch die Nacht, das linke Becken nervt ein bisschen zu viel um das Problem wegzudenken. Wahrscheinlich kommt es von der ungewohnten Belastung durch den Gurt und den Zug nach hinten. Ich wäge ab: eine Strecke X laufen aber dann mit Schmerzen in Hüfte und Becken über mehrere Tage oder ein ” positiver Abbruch”, glücklich nach Hause zu kommen und viel gelernt zu haben. Ich entscheide mich für die vernünftige Wahl, biege kurz vor Münster (noch 11km) ab Richtung Heimat (14km laut Schild) und zuckel frohen Mutes nach Hause. Ich hätte schließlich die Strecke Dortmund – Münster geschafft. Mehr als respektabel, wie ich finde… 73km wollen erst einmal gelaufen werden. 11 Stunden Auszeit sind Balsam für die Seele.

Um 06.15 Uhr stehe ich glücklich vor der Haustür, verstaue meine Sachen, mache mir einen Kaffee und alles ist Toll! Ich bin mit mir und der Welt zufrieden, gehe duschen, lege mich aufs Sofa und binnen Minuten bin ich eingeschlafen.

Tage später denke ich über die gelaufenen 73 km nach. Erst da wird mir bewusst, wie weit diese Strecke ist. Wie viele Menschen rackern sich ab um einmal in ihrem Leben einen Halbmarathon oder Marathon zu laufen? Da ich in einer (Ultra-) Laufwolke lebe, bei der diese Distanzen zwar nicht alltäglich sind, aber auch keinen hinter dem Ofen hervor locken habe ich wahrscheinlich eine veränderte (beschränkte?) Sichtweise. In diesem Moment wird mir wohlig warm. Das habe ich richtig gut gemacht. Und ich habe nicht mal Muskelkater.

Kapitel 7 – Nachtrag:

Ich habe festgestellt, das mein Wägelchen stabil ist und ich noch viel Freude mit ihm haben werde. Das man mit Anhänger deutlich langsamer ist und das in der zukünftigen Streckenplanung mit eingedacht werden muss. Das Problem mit der rutschigen Tasche will ich durch Griptape aus dem Skate Shop in den Griff bekommen: dann ist die Tasche aus LKW Plane nicht mehr auf glattem Alu Rohr sondern auf rauherem Untergrund. Das Problem mit Wasser hätte ich gar nicht haben müssen, hatte ich doch schon einen viel festeren Faltkanister mit max 10 Liter Kapazität zur Hand, aber durch Faulheit nicht genutzt. Die Spanngurte muss ich einfach kürzen. Ansonsten freue ich mich schon auf die nächste Tour. Vielleicht mit Schlafsack und Wechselklamotten an Bord.

Abenteuer olé, wir sehen uns bald wieder!!!

Es hat mich verzaubert

Na, schon mal vom #WIBOLT gehört? Der WIBOLT ist ist ein Ultralauf über den Rheinsteig von Wiesbaden nach Bonn. Also Wiesbaden-Bonn-Ultra-Trail. Dieser Lauf geht über maximal 90 Std. umfasst 320km. Sie haben richtig gelesen! (das wollte ich schon immer mal sagen). Dreihundertzwanzigtausend Meter!!! Und nein, ich habe dort nicht teilgenommen, ich werde es wohl dieses Leben nicht mehr machen. Dafür hatte ich das Vergnügen, die hier schon häufiger erwähnte Marina durch die letzte Nacht auf den letzten X Kilometern zu begleiten. So zumindest war der Plan.

Da ja keiner wirklich sagen, wann man wo ist, wollte ich Marina per Live Tracker finden, das Auto irgendwo stehen lassen und dazu stoßen. Wie ich wieder zu meinem Startpunkt kommen sollte war mir herzlich egal. Irgendwie sollte es schon gehen.

Samstag Nachmittag rauschte ich dann mit dem Ziel Bad Honnef zum letzten Verpflegungspunkt bei km 295 durchs Rheinland, nahm diverse Staus und irrwitzige Verkehrsführungen mit und war just in time in Konrad Adenauers Geburtsstadt Rhöndorf, konnte mich noch umziehen und dann ging das Spektakel auch schon los…

Marina und Nils hatten sich schon relativ zu Anfang gesucht, gefunden und waren sozusagen als 2 Personen Mikrokosmos unterwegs. Jubelnd und schreiend empfing mich Marina, Nils war kurz dahinter.

Die beiden machten sich kurz am VP frisch und ich klärte mit Nils kurz, das ich nicht die Absicht hätte, ihre Gemeinschaft zu torpedieren und das ich mich einfach im Hintergrund halten würde. Es war ihm aber recht und so zogen wir alsbald von dannen und nahmen uns die letzten 25km vor.

Es ist so viel auf dem letzten Streckenabschnitt passiert, was auch dort bleiben sollte, aber einige Highlights möchte ich doch erwähnen.

Die beiden erzählten mir, das sie unterwegs immer wieder angesprochen wurden, was genau sie da machen und hörten sich mindestens doppelt so viele Ausreden an, warum die Fragenden es nicht selber täten. So kamen wir an einer Lichtung mit Blick auf den Rhein an, wo ein Wanderpärchen zum Abschluss des Tages Dosenbier (Typ Efes 0,5l) hervorholte. Die beiden fragten natürlich nach dem Grund und als sich Marina und Nils erklärten, erläuterte einer der beiden, das sie einen vier jährigen Sohn hätten, das würde halt nicht gehen. Wir drei aber mussten uns gleich auf die Zunge beißen, Nils konterte noch mit einem: “Ja aber der wird ja auch irgendwann 18!” was die beiden nur mit Raunen abtaten. Wir zogen weiter und mussten noch länger über “Ausrede Nummer 51” schmunzeln.

Plötzlich kam uns Marinas Freundin Sandy brüllend, jubelnd und schreiend entgegen. Sie, die eigentlich im Ziel warten wollte, aber nun doch keine Lust mehr hatte sich dort zu langweilen. Kurzerhand kam sie uns 14km! entgegen. Die beiden feierten sich, Nils und ich aber hatten Ruhe endlich über die wichtigen Dinge des Lebens zu schwadronieren. Dabei wurde er immer mal wieder ruhiger und driftete gedanklich einfach übermüdet weg.

Wie krass die Zivilisation nach so vielen Kilomtern sein kann, kann ich mir nur ansatzweise vorstellen. Ich musste insgesamt nur 25km durch den späten Nachmittag und nach 17km spukte uns der Wald aus und wir waren in Bonn. Häuser links, Häuser rechts, Straßen, Ampeln, Menschen. Alles was dazu gehört. Die letzten 8km gingen also durch Parks mit allerhand grillenden Nationalitäten und am Rhein entlang, wo besonders die beiden “runtergekommen” wie sie waren von angehenden Influencern und Youtube Stars seltsam angeschielt wurden.

Marina und Nils hatten sich ein Zielbier gewünscht und so empfing Birger, ein Lauffreund der beiden, sie 500m vor dem Ziel mit je einer großen Flasche Kölsch.

Der Zieleinlauf ist auf dem Bonner Marktplatz und war wegen des lauen Sommer Abends mit voll besetzter Außengastromie wie ein Spalier. Um den die wirklich letzten Meter zu filmen lief ich vor und wurde applaudierend von der Menge empfangen. So gehört sich das! Doch ich beschwichtigte mit den Armen wedelnd schnell die Zuschaue und stellte mich in Position. Als die Beiden dann endlich auf das Ziel maschierten, drehten die Organisatoren die Musik auf und mit großem Gejubel wurden Nils und Marina nach gut 76 Stunden empfangen. Ein Gänsehautmoment. Und auch jetzt, wenige Wochen später entführt mich das Einlauf Lied und die Situation in eine andere Sphäre.

Die beiden wurden von allen Anwesenden großartig gefeiert, setzten sich auf den Boden, öffnet ihr Kölsch, nippten an ihrem Bier und wie auf Knopfdruck verfielen sie in Ruhe, Demut, Dankbarkeit und Müdigkeit.

Nils verabschiedete sich kurz später zu seinem in der Nähe liegenden Hotel, Birger nahm Marina mit zum Start nach Wiesbaden und mich zurück zu meinem Auto.

Mehr war es “eigentlich” nicht.

Doch diese 25km haben mich verzaubert. Verzaubert vom menschlichen Willen, was alles möglich ist, wenn man will und der Körper mitmacht, verzaubert von der Stimmung und Energie, die die beiden auch auf den letzten Kilometern immer noch hatten. Verzaubert von den tollen Helfern, die sich an den VPs den Tag und die Nacht um die Ohren schlugen – denn bei ca. 50 Teilnehmern passiert auch mal eine Stunde gar nichts. Verzaubert von der Musik und natürlich auch von der super schönen Strecke immer am Rhein entlang.

Diese insgesamt vielleicht 8-9 Stunden strahlen wie 2 Wochen Urlaub intensiv nach und lassen mich immer noch grinsen.

Wie muss es nur in Nils und Marina aussehen…. Gemacht habe ich quasi nichts und doch so viel erlebt.

Es war toll mit euch und wenn ihr nochmal jemanden auf den letzten Kilometern braucht, lasst es mich wissen…

Mein #WHEW100

Eigentlich könnte ich jeden Blog Eintrag mit einem: “worauf habe ich mich jetzt wieder eingelassen…” beginnen. Doch dieses Mal ist es wirklich so. Worauf hab eich mich also jetzt wieder eingelassen?

Das es diesen 100km Lauf rund um Wuppertal gibt, wusste ich schon einige Jahre. Doch angefixt hat er mich nie. Hallo Bauchgefühl… Doch nachdem die liebe Kati @runandk ihren 100km Startplatz Anfang März abgeben wollte, habe ich diesen kurzfristig übernommen.

Meine Ultra Vorbereitungen für dieses Jahr waren bis dato nicht wirklich vorhanden, im Januar hatte ich zwar mein eigenes #RUNTZEE Spiel erfolgreich abgeschlossen, im Februar einen 50k Lauf im Teutoburger Wald mit reichlich Höhenmetern absolviert, im März dann den #SCHLEUM, also den 50km Ultra #SCHLEM in der Einfahrt, aber das war es dann auch schon.

Um auf Strecken zu kommen bin ich zwei Samstage morgens und abends gelaufen um auf 50km zu kommen und einmal den Pilgerweg durchs Münsterland bis zum Dortmunder Hauptbahnhof mit 58km. Alles andere waren kürzere, selten eher längere Streak Distanzen. Die Wochenumfänge waren regelmäßig über 75km. Mein Laufkumpel Thomas @lennetaler sagte einmal: “wer 100km in einer Woche laufen kann, der kann auch 100km an einem Tag”. Aha. Und wer “nur” 75 kann…? Ich hatte mir also was anständiges vorgenommen.

Da ich zur selben Zeit, wo das eigentliche Tapering sein sollte, auch noch umgezogen bin, blieb vor dem Lauf keine Zeit sich verrückt zu machen. Manchmal machte ich mich damit verrückt, das ich mich nicht verrückt machte. So ruhig und entspannt war ich selten. Es sollte einfach so kommen. Der einzige Plan war, genug Geld dabei zu haben um aus jedem Streckenteil mit dem Taxi heimzukommen.

Mittwoch: mir fällt auf, das ich zwischen all den Umzugssachen mal mein Laufequipment zusammen suchen sollte und mich auf den Ultra vorbereiten sollte. Von Nervosität keine Spur…

Donnerstag: ich kaufe mir für die Fahrt noch einige Flaschen Wasser und ausnahmsweise eine Dose Redbull Cola, die ich auf dem Lauf mitführen will. Abends lege ich meine Sachen raus und schmeiße sie etwas lieblos in zwei Pappkartons. Und die Nervosität? Nur wenig mehr als am Vortag.

Freitag: ich fahre nachmittags nach Wuppertal, stelle unterwegs fest, das ich mein Portemonnaie im Job liegen hab lassen. Es ärgert mich, aber ich hoffe auf das Wohlwollen meiner Laufkameraden. In Wuppertal will ich in meinem Firmen Lieferwagen an Start und Ziel schlafen und morgens dann frisch und munter zum Start gehen. Derweil hat sich Kumpel Sven @svnkswttr im B&B in Wuppertal etwa 3km vom Start einquartiert. Wir treffen uns am Hotel, ich entscheide mich kurzfristig um und übernehme Svens Doppelbettzimmer Seite. Das machen dem super lustigen Rezeptionisten klar, dessen heimat irgendwo zwischen Tunesien und Sri Lanka ist. Ob wir um 07:30 Uhr Frühstück haben wollen, fragt er uns. Sven meint lapidar: da wären wir schon lange am laufen, wir würden schließlich gegen 04:30 Uhr aufstehen. Wie weit wir laufen würden fragte der Gute uns. Sven trocken: “100km”. Man sah sein Gehirn kurz aufflackern, dann einen System Neustart, ein tiefes durchatmen. Sodann wollte er unbedingt ein Foto von uns machen und am besten nach dem Lauf auch noch eines. Er selbst wäre nicht da, aber seine Kollegin, die würde es dann machen und ihm weiterleiten. Ein wirklich lustigen und freundlichen Menschen hat B&B dort gefunden… – Sven und ich sind noch was essen gegangen und legten gegen 22:00 die letzten Sachen raus.

Samstag: das Hotelfenster geht nach vorn zu einer stark befahrenen Straße heraus und nachdem ich endlich eingeschlafen war, weil Sven meinte den letzten Rest Hambacher Forst abzusägen, wurde ich schon wieder wach von diesem Geräusch, wenn Autos durch Regen auf nassen Straßen fahren. Wir frühstückten ausgiebig unser Mitgebrachtes im Snackbar Bereich des Hotels, tranken mehrere Becher Automatenkaffee, flaxten herum und wurden gegen 06:00 Uhr von Marina und Elzo (einem niederländischen Luna Sandals Läufer abgeholt). Gegen 06:20 Uhr waren wir dann am

Start: Pünktlich um 07:00 Uhr fiel der Startschuss zum 100 km Lauf und neben diversen Run&Bike Manschaften waren auch 12 Lastenbikes mit cooler lauter Musik im Pulk und verbreiteten Stimmung. Das Feld zog sich nur langsam auseinander und Marina und ich hatten uns vorgenommen zusammen zu laufen.

Nach ca. 15km wurde Marina wegen gesundheitlicher Wehwehchen stiller und grantelte kurz fast unmerklich neben mir. Es würde ein hartes Stück Arbeit für sie heute werden, das war klar… Das Wetter zeigte sich derweil abwechslungsreich mit Sonne, Hagel, Regen und ein paar Schneeflocken.

Bei km 25 wollte Marina, das ich vorlaufe, sie könne das Tempo nicht so wie gewünscht mitgehen, ich aber blieb bei ihr. Ich sagte ihr, sie müsse schon böse werden und mich wegschicken, sonst würde ich bleiben. Wir laufen zusammen, so das Credo.

Km 35 Marina steckt sich ihre Musik in die Ohren und läuft stillschweigend neben mir her. Sie beißt.

Bei etwa km 40 laufen wir auf einen älteren Herren mit Radbegleitung auf, der seinen rechten Arm die ganze Zeit über hängen lässt und nur mit dem linken Arm die typische Bewegung macht. Ich schaue mir das einige hundert Meter an und traue mich dann doch ihn zu fragen. Das schöne ist ja, das beim laufen alle gleich sind und wir duzen uns. Und dann erklärt er mir:

Er hatte vor neun Jahren einen schweren Unfall, ist auf seine Schulter gefallen und die Nervenstränge seines rechten Arms seien abgetrennt worden. So hätte er nun auch keine Steuerungsmöglichkeit dieses Arms mehr. Er habe sich geschämt dafür, immer mehr eingeigelt, wäre immer dicker geworden und hätte auch geraucht. Vor sechs Jahren dann, wäre er mit dem Laufen angefangen, hätte sich langsam aus der Dunkelheit heraus gezogen, immer wieder überaus positves Feedback aus der Laufwelt bekommen und somit mehr und mehr Selbstvertrauen. Er erzählte weiter, das er mittlerweile diverse Marathons in Europa gefinisht hätte und er wäre bei seinem 100km Debüt heute immer noch auf PB Kurs – und lachte.
Sein mitradelnder Freund!!! hatte ihm beim letzten VP aus Spaß ein Stück Schokolade in die Hand gegeben, es war ihm aber nicht möglich diese winzig kleine Last anzuheben. Da musste auch ich ein paar Mal schlucken. Ich zollte ihm meinen aller allerhöchsten Respekt, sagte ihm, das ich ihn nun als Vorbild nehmen würde, wenn es bei dem Lauf schwer werden sollte und wir liefen langsam an ihm vorbei…

Puh!!!

Und eigentlich kann ich jetzt meine wortfüllende WHEW Story abschließen, denn das ist eh nicht mehr zu toppen! Das hat mir gezeigt, das man immer wieder auf unfassbare tolle Schicksale bei diesen Läufen stößt, das ich mich nicht so anstellen sollte, wenn es mal nicht (schneller) geht (in meinem Leben) und so schließe ich mit den Worten: Sven hat gefinisht, Marina hat mich bei km 50 weggeschickt, ich selbst bin gut durchgekommen, sie hat sich bis ins Ziel durchgebissen und kam etwa 50min später ins Ziel. Und der Rezeptionist bekam noch sein Foto…

Ich ziehe meinen Hut vor diesen Menschen, die ihr Schicksal in die Hand nehmen, sich aus dem tiefsten persönlichen Loch heraus ziehen und aus eigener Kraft anfangen ihr Leben neu zu sortieren.

Ich wünsche mir und ich wünsche euch, das wir die Kraft haben und finden werden uns aus dem Sumpf des Lebens heraus zu ziehen und so straight das neue Ziel zu verfolgen, wie der ältere Herr, von dem ich leider weder Namen noch Startnummer habe. Hoffentlich denke ich an ihn, wenn es mir mal dreckig geht.

Danken möchte: Sven für seine Gastfreundschaft im Hotel und seine lockere Art – Marina, die mir mal wieder gezeigt hat, was der Körper kann, wenn der Kopf will – Kati, die mich mit Fred im Ziel so herzlich empfangen hat – den 12 Soundbike Kapitänen für die unentwegt gute Stimmung – allen Helfern an den VPs, die den ganzen Tag bei Wind und Wetter für uns da waren und natürlich Guido dem Veranstalter.

Und für alle die, sich auf einen langen detaillierten Laufbericht gefreut haben, tut es mir leid. Vielleicht beim nächsten Mal. Passt auf euch und denkt an den älteren Herrn vom WHEW, wenn es mal gerade nicht so geht wie ihr wollt…

Glück auf!