Hommage an Euch

Noch vor 3 Jahren war ich ein einsamer Werwolf, ein lonesome Cowboy. Ein einsamer Krieger in dieser läuferischen Welt. Mein damaliger einziger Laufkumpel hatte sich in einer alkoholseligen Nacht dermaßen auf die Schulter fallen lassen, das Laufen plötzlich nicht mehr in seinem Mittelpunkt stand. Also war ich allein. So manchen Wettkampf hatte ich angegangen, doch wusste ich nicht ob der Möglichkeiten, die das (Lauf-) Leben wirklich bunter machen könnte.

Doch dann habe ich von dieser verbotenen Twitterfrucht genascht. Erste sinnleere Tweets in die Welt gesendet und mich dem Sog der Twitterdroge hingegeben. Was solls… Mehr und mehr fand ich Follower die augenscheinlich auch gerne die Laufschuhe schnüren und sich über dieses Medium austauschen. Nicht nur Laufen stand und steht im Mittelpunkt. Tagtägliche Dabatten über Gesundheit, Technik und Lebensfreude finden sich dort. Ich wurde nach und nach Teil dieses Twitterlauftreffs, bei seinen Jüngern und Vertrauten eingeführt und aufgenommen, etablierte und platzierte Meinungen, war dankbar für jeden Tipp.

Heute bin ich Mitglied in der geilsten Laufcrew, der TwittRunnerRuhr TRRCRW, habe bei Twitter viele Gleichgesinnte und noch viel Wahnsinnigere in der Timeline,  freue mich über die ganzen Verrückten dort. Zwischen Bildern von Böden diverser Wartezimmer und Läufen über ganze Inseln bin ich wortwörtlich gelandet. Aber eines der besonderen Merkmale dieser Menschen ist der Respekt vor der erbrachten Leistung des anderen und sich selbst. JedeR feiert JedeN, alle freuen sich wenn die persönliche Bestleistung verbessert wird, Schmerz und Leid wird geteilt, Ratschläge und Tipps getauscht. KeineR wird auch nur ein bisschen abfällig behandelt. Eine wunderbare Interessensgemeinschaft.

Aus wagen Bekanntschaften über 140 Zeichen, bin ich bei so manchem hinaus. Freue mich wirklich die Menschen hinter den Nicknames persönlich kennen zu lernen oder zu kennen. Bei einigen ist man dicker, bei anderen nicht. So what… Aber alle teilen diese sportliche Leidenschaft, die Jagd nach PBs und Medaillen, den Kick etwas neues zu erleben.

Natürlich können diese Menschen nicht Beziehungen zu Freunden und Familien ersetzen, können nicht wirklich auffangen wenn man fällt. Und doch kann man seinen persönlichen Frust hinaus in die Welt blasen, man bekommt Zustimmung oder halt nicht. Professionelle Therapie geht nicht in 140 Zeichen.

Und eines verrate ich noch:  Vor dieser Zeit wäre ich wohl deutlich schwerer im Stande gewesen, mir quasi unbekannte Menschen zu herzen, umarmend zu begrüßen oder Glück zu wünschen. Mich mit Ihnen wirklich zu freuen oder mich mit ihnen zu ärgern. Ich habe mich wohl ein Stück weit geöffnet. Und es tat gar nicht weh…

Ach Ihr Twitterer, ihr seit mir ans Herz gewachsen. Gerne laufe ich noch den einen oder anderen Wettkampf mit Euch, mache #allebekloppt -heiten mit und freue mich schon auf ein Wiedersehen. Real oder elektronisch!!!

Das musste einfach mal gesagt werden 🙂

Die Sache mit der Uhr

Ja, ich hatte es angekündigt: sollte der Berlin Marathon 2015 halbwegs zu meiner Zufriedenheit ablaufen, würde ich meine Pulsuhr an den Nagel hängen und (wieder) nach gesundem Menschenverstand laufen. GESUNDER MENSCHE … WAS?

Genau! Gesunder Menschenverstand, Intuition, Bauchgefühl, what ever! Den Versuch wagen einfach zu laufen. Auf das Herz und das Gefühl zu hören!

Der BM15 fand ja bekanntlich ohne mich statt und so bleibt die Frage, die ich mir seit meinem Verletzungspech am 17. Sep. 2015 stelle: Wie geht es nun weiter, wie ist der Plan, mit Uhr, ohne Uhr?

Auf diese Frage hatte ich bis dato keine wirklich Antwort gefunden, bin hin- und hergerissen von neuer Freiheit und technologisierter Abgeschnittenheit. Schon der Gedanke daran, wie ich es meinen aktuell vier Analyzesoftwares (Jogmap, Runalyze, TomTom MySports und Vicsystem) mitteilen soll, (ein fröhliches “Gut, das Sie mal wieder etwas für sich getan haben!” oder der sachlich bürokratische Trendchart) das ich wohlmöglich ohne sie laufen gehen werde. Mir graut es. Traurige Programmieraugen werden mich anscheuen und mich via Email kontaktieren: ” Wir vermissen Sie Schluppenchris – 10€ für Sie!”

Getreu meinem blogschen Motto “von der Kunst es anders zu machen” sollte ich den Schritt wagen. Was habe ich zu denn verlieren? Wo soll die Reise hingehen? Werde ich vielleicht sogar besser ohne Uhr, entspannter, lockerer (longjogs without a limit)?

Einen ganz intensiven Impuls diese Frage aufs Neue anzugehen gibt mir mein zuletzt gelesendes Buch “42195” von Matthias Politycki (s. a. Bücherregal) in seinem Kapitel KM17. Der Autor zeigt mit dem Finger auf die Situation, mit der ich mich beschäftige: Trainingspläne legen sich wie ein Korsett um den Alltag des Läufers. Immer neue Pulsuhren, mit jüngst integrierten Activity Trackern, geißeln und kontrollieren immerwährend die Lebenszyklen. Jeder Uhrenhersteller programmiert eine angeblich global gültige strengst geheime Weltformel in seine jeweiligen Topmodelle um zu sagen, was das Beste für den Läufer ist. Krass!!! Selbst wenn nicht trainiert wird, wird überwacht, sollen Tage oder Stunden bis zur nächsten harten Einheit ausharrt werden. Polityckis entscheidener Punkt: … ohne das die Uhr auch nur ansatzweise etwas von Bodenbeschaffenheiten, Klima oder Gemütszustand weiß!

Ja, auch ich bin technikaffin. Auch nur ein Mann. Liebe Statistiken und Auswertungen, Rankings, Km Spielereien. Doch letztendlich stellt sich doch die Frage: Was soll das Ganze? War es nicht wundervoll einfach zu laufen? Schuhe (Verzeihung: Schluppen) an und los? Führt doch das Nicht Einhalten der Trainingsvorgabe doch gleich zu schlechter Laune, beginnt das innere Machtspiel es beim nächsten Mal besser zu machen. Um.. Ja, um was genau??? Sich besser zu fühlen? Anerkennung von der Laufclique zu bekommen? Sternchen in der Social Media Welt einzuheimsen?

Sucht nicht jeder von uns im tiefsten Inneren den Frieden, den Punkt und das Zentrum der Ruhe, der Ausgeglichenheit, quasi das läuferische Nirvana? Der einzige Mensch mit dem ich mich messen muss, messen sollte, bin ich selbst. Alles andere hat doch zu viele Faktoren, die jenseits dessen sind, objektive Vergleiche anzustellen. Und das wird wohl auch so bleiben, da ich aktuell nicht im WM Kader aufgeführt bin und mich messen muss.

Genau in diesem Punkt bin ich mir jetzt im Klaren, sozusagen im Reinen darüber, das ich mich lösen sollte von den/m ewigen Drücken einer Pulsuhr. Ich lasse mein Herz und mein Bauch entscheiden, was gut für mich ist. Dieses abtrainierte Gefühl werde ich jetzt wieder häufiger in meinen Laufplan einfließen lassen. Meine Gefühlsmuskel mobilisieren und trainieren. Auch das wird dauern. Wie jeder Muskel. Und einfach laufen gehen. So wie es früher war. “JUST RUN“.

 


Epilog: Minuten nach Herunterschreiben fühle ich mich befreit. Die Antwort auf die Frage, wie es nun weiter geht, scheint beantwortet. Zufrieden warte ich jetzt auf einen Rückfall. Der wird kommen. Bestimmt. Hoffentlich habe ich dann diesen Text präsent!

Ein Gedankenspiel

Eine Woche vor Berlin kann man sich auch mal seine Gedanken über dieses unglaubliche Mega-Event machen. Es werden 39.999 LäuferInnen (ich bin ja nicht dabei) aus aller Herren Länder in Berlin an den Start gehen um ihr sportliches Glück in Form der Finishermedaille im Zielbereich zu suchen und zu finden. Das klingt einfach fantastisch…

Und doch: je nach Wetterlage werden viele, die sich durch Berlin gequält haben, danach angeschlagen sein. Man nennt es auf Neudeutsch auch “Open Window Effect”. Das Immunsystem ist in den ersten 24 Stunden extrem anfällig gegen jegliche Störungen von außen und Viren und Bakterien haben ein Leichtes den geschundenen Körper in Mitleidenschaft zu ziehen. Das ist beim Karneval nicht anders. Der körpereigene Schutz ist durch den Alkoholexzess so ruiniert, das eine Erkältung gerne Einzug hält. Ich sage einfach mal:

Es bleiben 27.865 LäuferInnen über.

Geschätzt gut 20% der TeilnehmerInnen werden mit irgendwelchen Blessuren über die Berliner Zielliene laufen, humpeln, sogar eiern, die vorher so nicht einkalkuliert waren. Blasen wegen falscher Socken- oder Schuhwahl, vergessene Pflaster oder Vaseline Packungen an empfindlichen Stellen sind die kleinsten Übel. Krämpfe in den Beinen durch Dehydration oder Überanspruchung. Rebellierende Mägen durch das falsche Gel…

Es bleiben also 22.316 LäuferInnen über.

Schaue ich mir die Ergebnisliste des Jahres 2014 an, war ein gewisser Herr Dennis Kimetto aus Kenia der Erstplatzierte, der letzte Finisher Toni Emanuek Kjael aus Dänemark auf Platz 28.946. Es haben somit von 40.000 TeilnehmerInnen 11.054 SportlerInnen das Ziel aus welchen Gründen auch immer nicht erreicht.

Es bleiben also 11.262 LäuferInnen über.

Ein Teil des Feldes ist nur des Geldes wegen nach Berlin gekommen. WeltklasseläuferInnen, Pacemaker und Überatlethen wurden eingesetzt um Berlin im rechten, besser richtigem, Licht hinaus in die Welt strahlen zu lassen und durch sie zu sagen zu wollen: Ihr Völker der Welt! schaut auf diese Stadt! Uns ist eine neue Fabelzeit geboren und wir haben es wieder einmal geschafft. Denn dieses edle Grüppchen mit den Genen von Anthilopen und Gazellen gekreuzt, muss wohl auch abgezogen werden da ihr Herz zwar für den Langstreckenlauf aber noch ein bisschen mehr für das Geld schlägt. Es ist einfach ihr Job. Vermutlich würden die Kenianer auch bei den Bertlicher Straßenläufen im beschaulichen Herten zur selben Zeit teilnehmen, hätte der SUS Bertlich 1945 e.V. die finanziellen Mittel zur Verfügung. Was wäre das für eine Schlagzeile: “Kimetto läuft in Herten Weltrekord!”

So bleiben also 11.202 LäuferInnen über.

11.202 LäuferInnen die aus dem internationalen Mega-Event eine lokale Großveranstaltung machen.

Und mit lokalen Großveranstaltungen kann ich gut leben. Wenn ich den Berlin Marathon 2015 mit einem Marathon wie Köln, Münster oder Hannover vergleiche, verblasst auch irgendwie der Glanz um dieses Spektakel. Lass sie doch laufen die Kenianer und Äthiopier, sollen sie doch Geld für Ihre Familien verdienen, das tun wir doch auch Montags bis Samstags, Woche für Woche. Wir sind auch immer wieder Weltklasse, nur keiner bekommt es mit. Die allein erziehende Mutter mit 2 oder 3 Kindern, der Nachbar der sich mit einer chronischen Krankheit durch sein Leben kämpft…

Aber ich schweife ab. Soll es doch kein Appell gegen dieses Mega-Event sein. Ganz und gar nicht. Ich muss es mir und meiner Wade dieser Tage nur so einfach wie möglich machen. Es hat nicht sollen sein. Ende! Und ich komme um diesen Open Window Effect herum. Aber Herzschmerz ist schon da.  Nenne ich es doch Open heart effect. Verheilt spätestens 2016 in Berlin. Bei dem internationalen Mega-Event. Ich freu mich schon…

Wie alles begann…

Ich sehe diesen Blog aktuell als Multi Therapieversuch mich einerseits abzulenken, aber auch den Umgang mit diesem Medium kennen zu lernen. Anfängerfehler bitte ich zu entschuldigen.

Ich sitze also auf meinen Sofa und blogge das erste Mal über die letzten erlebten Tage:

Für alle die es nicht mitbekommen haben soll erwähnt werden, das ich im Oktober 2014 an der Startplatzverlosung für den Berlin Marathon am 27.09.2015 teilgenommen und und einen der begehrten Plätze ergattert hatte. Daraufhin wurde schnell ein preiswertes Hotel im Start – Zielbereich gefunden (nein, nicht das Adlon) und ein Zimmer reserviert um den Stress am Starttag möglichst gering zu halten.

Mitte Mai 2015 bin ich angefangen, mich mittels Online Trainingssystem auf das WK Highlight hinzuarbeiten und habe durch unterschiedliche Trainingsreize meine ultimative Wettkampfform gefunden. In den letzten Tagen war ich mir sogar sicher mein Ziel Sub 3h 39min deutlich zu unterbieten und an einer für mich unfassbar schnellen Zeit von 3h 34min zu kratzen. Alle Zeichen standen auf Grün.

Donnerstag, 17.09.2015 17Uhr 30 – Während der Aufbauarbeiten einer lokalen Fachmesse fängt es an zu regnen. Ich schwinge mich aus dem Messegebäude zu meinem Wagen um noch etwas zu besorgen. Wie jedeR von uns das schon 1000x gemacht hat. haste ich schnellen Schrittes ca. 50m zum Auto, als es auf halber Strecke in meiner linken Wade ein Knall oder Überspringen gibt und mir sofort Schmerzen in die Wade schießen. Diese Kombination ist mir vollkommen neu und mir ist sofort bewusst, das hier etwas “kaputt” gegangen ist. Gehen ist nicht mehr wirklich möglich. Frustiert, wütend auf wen und was auch immer, fahre ich nach Hause und verabschiede mental das erste Mal von meinem Traum Berlin Marathon.

Freitag, 18.09.2015 08Uhr 30 – ich komme aus der orthopädischen Praxis und habe das Ergebnis der Untersuchung: Muskelfaserriss im M. gastrocnemius, in einem der beiden großen Wadenmuskel. Ausheilzeit 4-6 Wochen. Mit einem Kommentar: ” Sie laufen Marathon, aber nicht diesen. Schönes Wochenende!” wurde ich entlassen und sitze jetzt wie ein Häufchen Elend in meinem Auto. Meine Sicht verwässert… Ich verabschiede mich endgültig von meinem Traum.

Dank des unglaublichen Zuspruchs meiner Frau, meiner lokalen Laufcrew, der TRRCRW, (s. rechts der Followerbutton) und vielen Twitterkontakten versuche ich mich zu fangen und werde aufgefangen. Der Lauf ist gelaufen. Ich erhalte super viel Mitleid und Genesungswünsche muss aber letztlich selbst mit dieser “A-Karte” klarkommen.

Einer der Tipps war ich solle Bloggen, das würde ablenken und man könnte seinen Frust herunter schreiben.

Samstag, 19.09.2015 11Uhr 10 – der Schluppenchris Blog ist geboren und ich schreibe…