Die Sache mit der Uhr

Ja, ich hatte es angekündigt: sollte der Berlin Marathon 2015 halbwegs zu meiner Zufriedenheit ablaufen, würde ich meine Pulsuhr an den Nagel hängen und (wieder) nach gesundem Menschenverstand laufen. GESUNDER MENSCHE … WAS?

Genau! Gesunder Menschenverstand, Intuition, Bauchgefühl, what ever! Den Versuch wagen einfach zu laufen. Auf das Herz und das Gefühl zu hören!

Der BM15 fand ja bekanntlich ohne mich statt und so bleibt die Frage, die ich mir seit meinem Verletzungspech am 17. Sep. 2015 stelle: Wie geht es nun weiter, wie ist der Plan, mit Uhr, ohne Uhr?

Auf diese Frage hatte ich bis dato keine wirklich Antwort gefunden, bin hin- und hergerissen von neuer Freiheit und technologisierter Abgeschnittenheit. Schon der Gedanke daran, wie ich es meinen aktuell vier Analyzesoftwares (Jogmap, Runalyze, TomTom MySports und Vicsystem) mitteilen soll, (ein fröhliches “Gut, das Sie mal wieder etwas für sich getan haben!” oder der sachlich bürokratische Trendchart) das ich wohlmöglich ohne sie laufen gehen werde. Mir graut es. Traurige Programmieraugen werden mich anscheuen und mich via Email kontaktieren: ” Wir vermissen Sie Schluppenchris – 10€ für Sie!”

Getreu meinem blogschen Motto “von der Kunst es anders zu machen” sollte ich den Schritt wagen. Was habe ich zu denn verlieren? Wo soll die Reise hingehen? Werde ich vielleicht sogar besser ohne Uhr, entspannter, lockerer (longjogs without a limit)?

Einen ganz intensiven Impuls diese Frage aufs Neue anzugehen gibt mir mein zuletzt gelesendes Buch “42195” von Matthias Politycki (s. a. Bücherregal) in seinem Kapitel KM17. Der Autor zeigt mit dem Finger auf die Situation, mit der ich mich beschäftige: Trainingspläne legen sich wie ein Korsett um den Alltag des Läufers. Immer neue Pulsuhren, mit jüngst integrierten Activity Trackern, geißeln und kontrollieren immerwährend die Lebenszyklen. Jeder Uhrenhersteller programmiert eine angeblich global gültige strengst geheime Weltformel in seine jeweiligen Topmodelle um zu sagen, was das Beste für den Läufer ist. Krass!!! Selbst wenn nicht trainiert wird, wird überwacht, sollen Tage oder Stunden bis zur nächsten harten Einheit ausharrt werden. Polityckis entscheidener Punkt: … ohne das die Uhr auch nur ansatzweise etwas von Bodenbeschaffenheiten, Klima oder Gemütszustand weiß!

Ja, auch ich bin technikaffin. Auch nur ein Mann. Liebe Statistiken und Auswertungen, Rankings, Km Spielereien. Doch letztendlich stellt sich doch die Frage: Was soll das Ganze? War es nicht wundervoll einfach zu laufen? Schuhe (Verzeihung: Schluppen) an und los? Führt doch das Nicht Einhalten der Trainingsvorgabe doch gleich zu schlechter Laune, beginnt das innere Machtspiel es beim nächsten Mal besser zu machen. Um.. Ja, um was genau??? Sich besser zu fühlen? Anerkennung von der Laufclique zu bekommen? Sternchen in der Social Media Welt einzuheimsen?

Sucht nicht jeder von uns im tiefsten Inneren den Frieden, den Punkt und das Zentrum der Ruhe, der Ausgeglichenheit, quasi das läuferische Nirvana? Der einzige Mensch mit dem ich mich messen muss, messen sollte, bin ich selbst. Alles andere hat doch zu viele Faktoren, die jenseits dessen sind, objektive Vergleiche anzustellen. Und das wird wohl auch so bleiben, da ich aktuell nicht im WM Kader aufgeführt bin und mich messen muss.

Genau in diesem Punkt bin ich mir jetzt im Klaren, sozusagen im Reinen darüber, das ich mich lösen sollte von den/m ewigen Drücken einer Pulsuhr. Ich lasse mein Herz und mein Bauch entscheiden, was gut für mich ist. Dieses abtrainierte Gefühl werde ich jetzt wieder häufiger in meinen Laufplan einfließen lassen. Meine Gefühlsmuskel mobilisieren und trainieren. Auch das wird dauern. Wie jeder Muskel. Und einfach laufen gehen. So wie es früher war. “JUST RUN“.

 


Epilog: Minuten nach Herunterschreiben fühle ich mich befreit. Die Antwort auf die Frage, wie es nun weiter geht, scheint beantwortet. Zufrieden warte ich jetzt auf einen Rückfall. Der wird kommen. Bestimmt. Hoffentlich habe ich dann diesen Text präsent!

3 commentaires sur “Die Sache mit der Uhr

  1. Hallo Christian,

    dein Post spricht mich genau an.
    Hier mein Rat: Verzichte auf einen starren Trainingsplan, denn du weisst mittlerweile worauf es ankommt und kannst dir selbst genau das zusammenstellen was du brauchst. Verzichte auf die Uhr, wenn du willst oder behalt sie der Statistik willen.

    Ich mache es wie folgt:
    Ich hasse feste Trainingspläne. Zum einen kommt es eh immer anders als man denkt und zum anderen mag ich mir nicht vorschreiben lassen wann ich renne und wann ich langsam und lang laufen soll. Wir wissen alle, die Mischung machts. Intervalltraining für die Geschwindigkeit, alle 1-2 Wochen. Lange Läufe möglichst jedes Wochenende und wenn es nicht passt, dann halt jedes zweite. Und zwischendrin je nach Lust und Laune mal schnell, mal langsam, mal Bergauf, mal Trail.
    Geschadet hat mir dieses Vorgehen bisher nicht, oder? 😉
    Die Uhr habe ich immer dabei, weil ich ein Datenjunkie bin. Ich zeichne jeden lauf auf um zu sehen wie viel ich im Monat laufe. Außerdem tracke ich die Abnutzung meiner Schuhe. Ich sehe in welchen Geschwindigkeitsbereichen ich unterwegs bin, etc.
    Beim Wettkampf dient die Uhr zur Orientierung.

    Vielleicht hilft dir das ja weiter.
    Viele Grüße aus Essen,
    der Fredo

  2. Die Idee ist gut. “…werde ich in meinen Laufplan einfließen lassen…” . Also doch ein Plan,ein Korsett? Du wirst wissen wie es am Besten für dich ist… Schlupp-Schlupp Hurra

    • das ist (m)eine aktuelle Befindlichkeit. Das Leben wieder auf mehr basics reduzieren…
      Vielleicht geht die Idee auch nach Hinten los, dann hab ich es aber probiert.

      Danke für Deinen Besuch auf meinem Blog

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