Ego Shoot

2015 bin ich im Rahmen des Berlin Marathons einen Halbmarathon Testlauf gelaufen. Ich kann mich noch wirklich gut daran entsinnen. Zum einen hatte ich dort eine bis dato stehende PB 01:41:59 erreicht. Zum anderen lief ich im „Windschatten“ zwei älterer Herren mit, die auf Grund der Pace nicht zu überholen waren. Der Unterschied: ich lief gefühlt im roten Bereich, sie unterhielten sich entspannt über ihre Gärten, Autos, Baumärkte und Kegeltouren. Demütigend. Es erinnert mich sehr an meine seltenen Bahnenschwimmversuche, bei denen ich kurz vor dem Ertrinken bin, während zwei Bademützen behäubte Damen entspannt an mir vorbei ziehen und Buttercremetortenrezepte austauschen. Demütigend…

2017: ich habe dieses Jahr schon so einige (Lauf) Dummheiten vollbracht. Zur Zeit hänge ich zwischen Diversen herum und laufe ohne Plan oder Vorgaben mal schnell mal langsam an meinen Trainingstagen. Ich kombiniere auch gern mal und tausche laufen gegen rollern. Allerdings merkte ich in letzter Zeit eine gewisse Freude an Tempoläufen. Die Zeiten und Ergebnisse könnten sich für meine Verhältnisse durchaus sehen lassen.  Um einen kleinen Anreiz in mein Training zu bringen schmiedete ich einen Plan: ich suche mir einen Halbmarathon in meiner Region und versuche dort an meine PB heran zu kommen. So nah es geht. Vielleicht mit einem Laufbuddy zusammen, den ich als Tempomacher „missbrauchen“ könnte.

Schnell war der Halbmarathon in Münster Hiltrup entlang des Kanals gefunden und den ersten Buddy, den als Hasen nutzen könnte, gab grünes Licht. Christian @_trailtiger, mit dem ich dieses Jahr schon des Nachts durch Kölner Wälder gezuckelt bin, sagte nach kurzer Rückfrage bei seiner Freundin, zu.

So trafen wir uns am Sonntag morgen in Münster. Christian begrüßte mich in seiner charmanten Art mit einem „so siehst du also bei Tag aus!“

Die Startnummern befestigt warteten wir mit ca. 350 anderen oftmals nervösen Teilnehmern auf den Startschuss. Der Moderator zählte runter: „10, 9, 8, 6, 7“. Großes Gelächter. „… 2, 1, Start!!!“

Wir hingen die ersten Meter im Verkehr fest und kämpften uns langsam nach vorne. Angetrieben von ordentlich Rückenwind auf dem Kanalhinweg und dem Adrenalin liefen wir zu schnell an. Natürlich… 

Wir beide können es einfach nicht lassen unterwegs Blödsinn und dummes Zeug zu reden. Ob die anderen Läufer das wollen oder nicht unterhalten wir schon mal andere Teilnehmer. Der Tiger rechnete mir unsere Zeiten vor, bremste mich auch mal ein und wir liefen ein schönes Tempo. Bei unserem Getratsche musste ich an die beiden Herren denken, die oben erwähnt, über Gott und die Welt redeten. Und wie bei mir seinerzeit liefen andere schnaufend im roten Bereich, während wir quatschten. Und doch hielten wir uns gegenseitig bei Tempo.

Gegen Km 15 kam die Sonne heraus. Warm wurde uns. Wir beide hatten mittlerweile Funkstille da auch wir ein zielsicher Richtung Tachoanschlag liefen. Oder nur ich??? Christian rechnete nur noch irgendwelche Zeiten, von denen ich eigentlich nie etwas was wissen will. 

Km 18: Christian faselt irgendetwas von 1:40. Mir fällt es mittlerweile schwer das Tempo zu halten, aber es bildet sich eine kleine Gruppe bei det jeder mal Tempoarbeit leistet. Ich auch. „Wie so Kenianer“ denke ich mir und grinse.

Km20: Christian zieht nochmals an oder werde ich langsamer? Er ist jetzt ca 30m vor mir. Winkt mit dem Arm ich solle Gas geben. Ja doch!

Km21: Christian aka „ich-darf-an-der-letzten-Steigung-nicht-so-viel-Druck-auf-die-Wade-geben“ knallt diese hoch, ich muss abreißen lassen. Die letzten 300m holt er wohl noch alles aus sich heraus und prescht vor.

Ziel: ich laufe fast noch ein kleines Kind um welches im Zielbereich den Weg kreuzt und stoppe meine Uhr: 01:39:54. BAMMMM! Ich staune ungläubig.

Wir klatschen uns ab, Christian ist sogar noch 25sek schneller und wir freuen uns wie Kinder beide heil und mit neuer PB im Ziel zu sein. 

Grinsend gehen wir beide zurück zu m Parkplatz, reden noch kurz, verabschieden uns und fahren von dannen.

Was bleibt ist die Gewissheit und auch Genugtuung, das ich obwohl steigenden Alters auf einer Formwelle surfe, die ich mehr als genieße. Es fühlt sich gut an!!! Das darf gerne noch ein bisschen so bleiben.  Toi toi toi!

Und weiter geht’s im (Lauf-)Leben. Schalten Sie wieder ein wenn es heißt: „welch bescheuerte Idee war das nun wieder…?“

 

 

 

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