Hünenburg Vertical

Jan lud, ich lief. Ende.

Ok, das reicht wohl nicht…

Jan ist Jan-Olof, ein selbst verrückter Weitläufer, der rund um “seinen” Teutoburger Wald immer wieder tolle kleine Einladungsläufe organisiert und somit auch der Veranstalter des sog. Hünenburg Vertical ist. Namensgeber ist der Fernmeldeturm Hünenburg, der auf einer Anhöhe des Teutoburger Walds bei Bielefeld steht und normalerweise von weitem sichtbar ist. Ziel, so ist in Jans Ausschreibung zu lesen maximal 15 Runden mit á 3km und 140hm zu bewerkstelligen um sich den Gold Status zu sichern. Ist man mit weniger Runden zufrieden, erreicht man entsprechend Silber oder Bronze Status. Aber wie so oft geht es nicht darum sich zu mit anderen zu messen sondern seinen nachweihnachtlichen Schweinehund ein wenig um die Häuser zu treiben.

So meldete ich mich kurzfristig an und fragte die hier im Blog mittlerweile bekannte Marina, ob sie auch Spaß daran haben würde. Welch Frage….

Sonntag morgen trafen wir uns also auch halber Strecke und fuhren gemeinsam ins Ostwestfälische. Kurz vor dem Fahrziel zeigte ich Marina den im Nebel nicht zu sehenden Fernmeldeturm, was gleichzeitig die Wettersituation wider spiegelte. Luftfeuchtigkeit 100%, 6 Grad, Nieselregen. Spitze!

Dann der der krasse Kulturschock. Wie tektonische Platten knallte die ruhrpottliche Fröhlichkeit mit einem lauten “GUUTEN MOOORGEN” von Marina auf die ostwestfälische Gruppe von Athleten, die schier erschrocken zusammen zuckten und mit einem leisen zögerlichen “morgen!” antworteten. Ich erklärte Marina im Laufe des Tages etwas spöttisch, das man das auch nicht machen dürfe und das selbst zwei Ostwestfalen 6h fest steckend in einem Aufzug vermutlich nicht oder nur das absolut notwendige miteinander sprechen würden…

Um 08:50 briefte uns Jan zur Strecke mit den Worten, das der letzte Teil wetterbedingt etwas matschig sei… Wer Jan und sein schelmisches Grinsen kennt, weiß, das er mal wieder untertreibt. Und so ging es pünktlich um 09:00 Uhr los und wir liefen als Gruppe von ca. 35 SportlerInnen gemeinsam die erste Runde. Direkt vom Start- und VP Punkt geht es die 140hm auf teils waldigen Wegen aufwärts, kleinere Schlammpfützen markierten unseren Weg. Nach 1,3km ist auch schon der höchste Punkt erreicht und es geht auf einem asphaltierten Weg etwa 1km abwärts. Gefolgt von ca 700m Singletrail, der der etwas matschige Teil des Unterfangens darstellen sollte. Selbst mit Trailschuhen war es eine lustige Schlidderei – und mit jeder Runde wurde der durchweichte teutoburger Boden schlammiger und schlickiger. Gestürzte Athleten konnte man schon von weitem an ihrer camouflage ähnlichen Bekleidung erkennen. Zum Glück blieb uns ein Sturz bis zu letzt erspart.

Nach der ersten Runde ging es wieder zum VP, dort hing ein Brett aus, an dem man ganz old school hinter seiner aufgelisteten Startnummer einen Strich machen sollte um eine gelaufene Runde zu markieren.

Dann ging es auch schon wieder aufwärts. Das Feld zog sich schnell auseinander und zwischenzeitlich war weder vor noch hinter uns jemand zu sehen.

Wenn man insgesamt gut 6 Stunden miteinander laufend verbringt, tratscht man über Gott und die Welt. Was auf dem Trail geredet wird, bleibt auf dem Trail. So will es das Gesetz. Aber es ist schon cool, wie ähnlich Marina und ich ticken und uns über die gleichen Dinge aufregen können. Ein kleines Beispiel kann ich aber doch anführen: Wir hörten am VP einer Unterhaltung eines Sportlers und Jan zu. Thema: sind es nun 138 oder 140m Höhe pro Runde – da kann man nur den Kopf schütteln. Thema verfehlt.

Und nach 15 Runden und 6 Stunden später war der Spuk auch schon wieder vorbei. Passiert ist nichts. Keine Dinosaurier, Hubschrauberabstürze oder Lawinen. Einfach ein schöner Lauf bei dem es einzig und allein darum geht, draußen zu sein. Wir machten mit Jan noch einige Fotos, verabschiedeten uns und zogen von dannen. So schnell ist ein Sonntag um und so schnell ist das Spektakel vergangen.

Was bleibt? Es hat gut getan nach den Weihnachtstagen den Kopf durchzupusten, an frischer Luft zu sporteln und eine gute Zeit zu haben. Und es muss auch nicht immer spektakuläres passieren, mit dem man seinen Blog ausfüllt. Es muss einfach der Seele gefallen haben.

Es war schlicht und ergreifend ein guter Tag. Nicht mehr und nicht weniger.

Advent, Advent, die Sohle brennt

Was hat mich denn jetzt schon wieder geritten? Der Deal ist eigentlich ganz einfach: an jedem Adventssonntag einen Marathon zu laufen. So aus dem nichts heraus… Jetzt, wo ich die Zeilen schreibe, ist zumindest der 2. Advent herum und der Dritte in Lauerstellung. Und zum Glück kann ich von mir  nach der ganzen Streakrei bei denen ich die langen Läufe zur Vorbereitung eines Marathons vernachlässigt habe, behaupten, das ich es noch kann.

Mit ins Boot und zur Unterstützung habe ich mir die liebe Marina geholt. Kennengelernt erst persönlich beim 1. Baldeney Ultrasteig im November, scheint es aber zwischen uns zu passen. Ich muss mich eigentlich verbessern. Ich kann von “dem jungen Ding” noch viel lernen, wenn es darum geht fröhlich unbekümmert in ein Laufabenteuer zu gehen und jegliche Qual und Sorge einfach wegzulachen. Also Schluppe: Kopf aus!!!!

Wir schrieben uns ein paar mal und dann war die Sache klar: Marina macht mit. Für sie eher ein kleiner Trainingslauf am Wochenende, freute ich mich mit ihr zusammen den ersten Adventsmarathon zu laufen. 

Drei Tage zuvor geht mein Telefon. Marina. Was ich denn Samstag machen würde. Ich sage, nichts, ich müsste halt arbeiten. Ob es ihr nicht auskäme am Sonntag. “Doch, doch” sagte Marina, aber man könne doch am Samstag auch schon einen Marathon laufen, quasi als Doppeldecker. Meine Kinnlade fiel herunter. Womit hatte ich mich also bei dieser Person eingelassen…

So lief Marina schon am Samstag einen Marathon und am Sonntag halt noch einen mit mir. Kinderkram.

Marina verspätete sich am Sonntag etwas und dann ging es um 08:30 Uhr los. Bei Regen. Mal mehr Regen. Mal weniger Regen. Mal von links. Mal von rechts. Von oben oder von vorne. Es regnete eigentlich immer. Eine Eigenschaft, die Laufverrückte haben und teilen müssen, ist der Galgenhumor. Wir redeten uns ein, wie doof es bei Sonne wäre, Sonnencreme in den Augen, der Schweiß und überhaupt. Dabei liefen wir entspannt durch die westfälische Tiefebene, immer mal wieder an meinem Auto vorbei, welches als VP diente und uns zumindest bei den Pausen einen dann überflüssigen Wetterschutz  bot. Nass bis auf die Knochen tratschten und quatschten wir über vergangenes und zukünftiges. 

Nach gut 4,5 Std war der Spuk vorbei, Marina verabschiedete sich und unser erster Adventsmarathon war Sack.

Den zweiten Advent würden wir getrennt laufen. Marina zog es ins Siebengebirge zum Trailmarathon. Ich entschied mich auf Grund noch schlechterer Wetterlage ins örtliche Stadion. Runden laufen mal mit Gegenwind, mal mit Rückenwind. Hallali, regnete es nicht. Es schüttete. Meine oberste Kleidungsschicht war ein Regenponcho. Dicht gegen jegliches Wetter, so dicht, das sich darunter ein feuchtfröhliches Mikroklima bildete. Der Poncho klebte an meinen Sachen. Zum Glück war mir nicht kalt. 

Marina und ich schickten uns traditionell vorweihnachtliche Wetterflüche und Anfeuerungen per Sprachnachricht. So waren wir nicht ganz so allein. 

Nun lief ich Runde um Runde – bis ich auch den 2. Adventsmarathon erfolgreich beendet hatte. Schnell in etwas trockenere Sachen, zum Bäcker Brötchen holen und ab nach Hause….

Jetzt ist Donnerstag: Marina wird am Sonntag in Belgien den Bello Gallico laufen, also 80km durch den belgischen Matsch. Ich sage ja, die Frau hat ´nen Knall 😉 Ich für mich weiß noch nicht, wie ich genau meinen Lauf gestalten werde. Vielleicht laufe ich in den Advent hinein – durch die Nacht…

Eine Woche später, Freitag Abend und so langsam habe ich mich vom dritten Marathon erholt. Es war ein reiner Arbeitslauf, der mir noch bis Mittwoch in den Knochen steckte. Auf Grund von Terminüberschneidungen am Sonntag gab es für mich nur die Möglichkeit Samstag Abend loszulaufen und früh am Sonntag Morgen zu finishen. Damit wäre Marathon und Streak gerettet. Ich bin also um 20:30 Uhr los. Es war kalt (-2 Grad) feucht, dunkel, ungemütlich, einsam und launisch. Trotz Hörbuch, trotz Musik hat sich dieser Lauf wie Kaugummi gezogen und gefühlt war das der härteste Marathon, den ich je gelaufen bin. Ich habe keine guten Gedanken daran, war nicht stolz, nicht glücklich – einfach nur leer, müde – abgehakt. Wie ein Besuch bei nervigen Verwandten.

In zwei Tagen ist dann Nummer 4 an der Reihe. Ich freue mich schon jetzt drauf, nicht ein Etappenziel zu erreichen, sondern “nach Hause” zu laufen. Mit jedem Kilometer 1000m näher am Ziel. Das wird toll…

Samstag; der Countdown läuft. Es soll NICHT regnen. Das wäre mehr als phantastisch, sind wir doch die letzten drei Läufe mehr oder minder bis auf die Knochen nass geworden…

Sonntag morgen 08:00 Uhr: Marina trifft pünktlich ein und wir laufen wirklich bei Trockenheit los. Der Himmel ist grau und verhangen bei + 7 Grad, leichtem Wind. Laut Wetter App soll es erst um 13:00 Uhr anfangen zu regnen. So laufen wir beide um die Felder und reden und tratschen. Marina meint, man solle Männer immer bei einem Ultra daten, dann wüsste man wie sie sich in Extremsituationen verhalten, welche Schimpfwörter sie drauf haben und wie sie in (Not -(durft)- )Situationen mit dem Problem umgehen. Eigentlich keine so schlechte Idee. Und obwohl wir uns “nur” auf der Marathon Distanz beschnuppern, scheint die Wellenlänge doch ähnlich zu sein. Unsere Gespräche sind derbe und könnten verstörend wirken, deswegen gehe ich nicht ins Detail. Wir laufen und wir lachen, die Zeit läuft und die km ticken so runter. Und als ob der Himmel vor Glück weint, fängt es bei km 41 an zu regnen. Wir lachen darüber, klatschen uns ab und freuen uns über die letzten anstehenden Meter. Zum großen Finale laufen wir noch zwei Runden auf der #SCHLEM Traditionsstrecke und dann ist der vierte Marathon vollbracht. Ganz cool eigentlich!! Ich freue mich, Marina freut sich. Wir umarmen uns und dann ist sie auch schon wieder verschwunden.

Was bleibt: Nach dem #Kreuzberg50 im Oktober bin ich keine wirklich langen Strecken mehr gelaufen, bin vor mich hingestreakt, mal mit richtig vielen Wochen Kilometern, manches Mal vor mich hin dümpelnd. Als ich mich dazu durchgerungen habe vier Marathone an vier aufeinander liegenden Wochenenden zu laufen, wusste ich nicht, was mich erwartet. Zum Glück hatte ich mentalen Support von Marina und viel Raum und Zeit, die mir meine Frau gab um an einem Sonntag einfach mal 4-5 Std. fernzubleiben. Besonders deswegen, weil wir nur den Sonntag als gemeinsamen freien Tag haben. Danke Dir!!! 

Wieder einmal habe ich mir bewiesen, das ich etwas kann, auch wenn es kein monster weiter Ultra mit 70.000 Treppenstufen rückwärts mit verbundenen Augen gewesen ist, war es eine Herausforderung für den Kopf und zudem eine beeindruckende Regenerationsfähigkeit meines Körpers. Auch wenn die werte Leserschaft natürlich sagen wird: natürlich kannst du was – ab und zu muss man sich das halt auch selbst beweisen.

In diesem Sinne: bis zur nächsten Beklopptheit auf diesem Kanal.