Unsinn macht Sinn

Eigentlich wollte ich nur über abschlossene bzw gelaufende WKs bloggen, da ich aber gleichzeitig Chefredakteur und Finanzier bin kann, ich machen was ich will. Zumindest hier. 

Auslöser des neuen Blogeintrags war folgendes: Irgendwann im Frühjahr wollte ich mich mental etwas auf den Mt. Eveest Treppenmarathon #METM vorbereiten und überlegte mir was ich dafur tun könnte. Etwas eintöniges sollte es sein. Und so lief ich die Einfahrt (eines Restbauernhofs, wo wir zur Miete wohnen) auf und ab und nahm noch gleichzeitig die Außentreppe zur Stiege mit. So kamen Runde um Runde zusammen und auch ein paar Stufen. Das schaukelte sich dann so hoch, das entweder eine schöne Rundenzahl oder eine schöne Km Zahl zusammen kam, aber nie irgendwie etwas gleichzeitig. So brach ich dann nach 30 oder 35km ab und witzelte mit den #Allebekoppten vom #Twitterlauftreff über diesen Unsinn. Chefbekloppter Daniel @endurange rief gleichsam den „Schluppes Einfahrt Marathon“ #SCHLEM aus.

Alles war vergessen, nur der #SCHLEM nicht…

Da ich mich aktuell auf die „Kölsche Naaachschicht“, einen 75km Nachtlauf rund um Köln vorbereite, bleiben auch längere Strecken nicht aus, nach Möglichkeit unter Realzeiten. Da kam mir wieder dieser #SCHLEM in den Kopf. Ich würde etwas für die mentale Stärke tun, einen langen Lauf haben, mein Equipment testen und die Einladung zu einem Geburtstag nicht ausschlagen müssen.

So machte ich mich Pfingstsonntag abende gegen 21:00 Uhr auf den Weg. Das tolle ist, das jegliche Verpflegung und auch die Toilette greifbar sind, auch frische Anziehsachen, auch Wärmeres, in Reichweite. Das Blöde ist, das man jederzeit reingehen könnte und sich zur Gattin ins Bett legen könnte. 

Aber ich kam gut vorran. Wendepunkte waren ein Holzscheid und eine Kreidemarkierung, die ich nutzte. Ich hatte keine genauen Vorstellungen mehr, wie lang eine Runde ist, doch das Hörbuch „7 Jahre in Tibet“ auf dem Ohr bringt Unterhaltung.

10 Runden = 1820m, yeah mein Kopf fing schon mal an zu rechnen, ich kam für einen Marathon auf irgend was jenseits der 200 Runden…

40 Runden, es läuft wie am Schnürchen. Genieße den Sonnenuntergang.

60 Runden, mir wird langweilig

80 Runden, icb besorge mir ein Langarm Shirt und weiter gehts.

100 Runden, sieht toll aus auf der Uhr. Strecke 18,2km. Hm, das ist ja eher „übersichtlich“.

115 Runden, Halbzeit. Ich schreibe kurz Daniel, jetzt gehts nach Hause.

120 Runden. 121 Runden. 122 Runden. 123 Runden. Ich mache mir Deichkind an. Die Musik pusht.

135 Runden, denke über Gott und die Welt nach. Freue mich darüber das ich gesund bin und so einen Blödsinn machen kann. Denke auch an Maty @urbanyogimaty, die sich gerade mit aller Kraft aus ihrem Dreck zieht und an einen Lauffreund von Thomas @running-podcast, den es bei einem medizinischen Routineeingriff ganz schwer getroffen hat und vermutlich nie wieder der sein wird, der er war. Ich werde demütig und dankbar, das es mir so gut geht.

141 Runden, trällere „… der Mond ist aufgegeangen“, mache den Halogen-Hof-Fluter an und markiere die Wendepunkte mit Knicklichtern.

Irgendwann drücke ich die 200ste Runde und muss mir Evanescence aufs Ohr geben. Es ist doof, es ist dunkel, ich will nicht mehr…

Die nächsten Runden quäle ich mich dadurch, um 02:15 Uhr drücke ich die 231ste Runde. Der Marathon ist im Sack, der erste #SCHLEM Geschichte. Ich bin stolz und glücklich, betreibe Nachsorge, dusche und gehe ins Bett.

Was bleibt:

Erst Stunden später wird mir mir, nicht nur durch die Likes auf Twitter und Strava, klar, was ich für einen Blödsinn da gemacht habe. Viel mehr ist mir aber mal wieder bewusst geworden, das es nicht selbstverständlich ist, was wir hier so treiben. Es muss gar nicht Marathon, Ultra, Super oder Duper sein. Der achtsame und dankbare Umgang mit unserem Leben sollte uns viel mehr wert sein. Es ist in keinster Form  selbstverständlich so fit und gesund zu sein. Wir jammern eigentlich viel zu schnell und zu häufig. Ich eingeschlossen… !

UND: wir sollten viel häufiger einmal sog. sinnloses Zeug machen und an uns glauben. Was hätte mir den passieren können wenn ich in der Einfahrt einen DNF erlebt hätte? Nichts, man hat einfach nur seinen Allerwertesten hoch bekommen und es probiert. 

Ich wünsche Euch ein bisschen Mut zu Euren verückten Projekten, gebt Euch einen Ruck! Und seid dankar. Gesundheit ist ein Geschenk, was wir viel zu wenig würdigen und zu schätzen wissen.

Passt auf Euch auf!

 

METm Mein Erlebnis Treppenmarathon

Worauf hatte ich mich da wieder eingelassen? Es soll in Radebeul bei Dresden einen Weinberg geben, durch die eine 397 stufige Treppe, die sog. Spitzhaustreppe, führt. Das war´s auch schon mit der Idylle. Denn es soll in Radebeul bei Dresden auch einmal im Jahr einer der härtesten Treppenlaufveranstaltungen weltweit geben. Einzeltäter wagen sich über 24h dann daran diese Treppe mit zwei Wendepunkten so häufig wie möglich zu gehen, mindestens aber 100x um die Höhe des Mt. Everests zu erreichen. Daher die eigentliche Abkürzung METM: Mt. Everest Treppenmarathon. Einsteiger wagen sich als Dreierteam, einer sog. Seilschaft, an die 100 Runden und versuchen diese in möglichst wenig Zeit, aber maximal 16h zu meistern. 

Das klang ja alles so herrlich bekloppt, das es nur 2 weitere Wahnsinnige zu suchen gab, um sich dort anzumelden. Schnell wurden via Twitter Daniel @Endurange und André @AndreNO auf diesen Spaß aufmerksam und beide bekannt als schnelle Finger wenn es sich ums Anmelden dreht. Sie machten mit!

So gingen die Tage ins Land, unsere Seilschaft stand und brauchte nur noch einen Teamnamen – angsteinflößend für den Gegner sollte er sein, Feuer und Leidenschaft suggieren. Absolute Hingabe für das Einzige  im Leben darstellen und so ward die Kuchencrew modern #KCHNCRW geboren.

Um mich auf den Wettkampf vorzubereiten war ich immer mal wieder mit oder ohne meiner mega guten Freundin Jessi in Herten, wo  auf die Halde Hoheward eine Treppe mit 525 unterschiedlich hohen Stufen führt, die wir einmal sogar 22x bewältigten. Das  sollte doch etwas heißen!

Dann war es endlich so weit! Tag X gekommen.

Samstag Mittag fuhr ich also ca. 500km nach Radebeul um mich mit vielen lieben anderen Verrückten u.a. dem #TWITTERWÜRFEL Team mit Tim @TriTimtation, Patrick @sportingmunich und Ralf @Ribbscher, dem geistig seelischen Support von Susi @mousegezeichnet, Karen @firlefuchs und dem Sascha @trailrunnersdog zu treffen. Zu Gast waren ebenfalls Corinna @corinnarent und Kersten @TrailrunningimNorden, der gerade braun gebrannt vom Marathon des Sables zurück gekommen war. Wir machten es uns in einem 250m³ großen gewärmten Zelt mit 20 weiteren Teams mehr oder minder gemütlich und warteten auf die Dinge die da so kamen. 

Erstes Highlight: Da der Start für die Seilschaften um 00:00 Uhr angesetzt war, begann das Briefing durch den Veranstalter Ulf Kühne @gpway um 23:00 Uhr mit dem persönlichen Aufrufen und einschreiben. Wie bei der Tour de France, dachte ich mir.

Zweites Highlight: unsere Taktikbesprechung! Daniel, André und ich waren uns schnell einig, das wir keine Taktik hatten und so wollten wir das Rennen angehen. Jeder sollte eine Runde laufen in der Reihenfolge Daniel, André, Christian und durch die Rennerfahrung sollten wir dann auch irgendwann heraus bekommen, wann wir uns zu unserem Staffelwechsel vor dem Manschaftszelt einfinden müssten.

Um 00.00 Uhr startete Ulf mit einem Pistolenschuss das Rennen am oberen Ende Spitzhaustrepee für die Seilschaften. Daniel machte sich auf die erste Runde, fluchte über die unübersichtliche Streckenausleuchtung, übergab an André, der widerum über die unübersichtliche Streckenausleuchtung fluchte und den imaginären Staffelstab an mich übergab. Vorteil der beiden war, das sie schon einmal im hellen hier waren, die Gegebenheiten ansatzweise kannten und somit wussten das es sicher immer wieder um 7 Stufen mit unterschiedlich kleinen Zwischenplateaus handelte. Ich wusste von alledem außer den Infos aus dem Internet nichts und so machte auch ich mich auf die erste Runde. Zögerlich nahm ich Fahrt auf, schon „knallte“ der erste Wahnsinnige an mir vorbei, zwei oder drei Stufen nehmend. Ungeheuerlich!! 

Ich fluchte über die unübersichtliche Streckenausleuchtung. Hell/ Dunkel war schwer zu erahnen, Schatten der anderen Teilnehmer irritierten mich. Am Ende der Treppe ging es noch ca. 200m ein leichtes Gefälle um einen Wendepunkt und dann die leichte Steigung zur Treppe. 397 Stufen aufwärts, Übergabe an Daniel. Ich pumpte. Das sollte ich also insgesamt 33x machen. Worauf hatte ich mich da wieder eingelassen.

Zurück im Zelt ein reges Gewusel. Teilnehmer der Manschaften, berichteten, berieten und erklärten sich. André und ich warteten auf Daniel und nach und nach ergab sich eine Wartezeit von ca. 17 min, um in einer Decke gekuschelt im schneidigen 3 Grad kalten sächsischem Wind zu stehen um auf seinen Kameraden zu warten. Und schon waren die ersten drei Runden gemacht…

Warum auch immer, hatte ich endlich einmal genug Laufsachen und Buffs mit um mich gegen Wind, Kälte, auskühlen und Frustration zu schützen. Und so wechselte ich immer mal wieder meine Sachen, kombinierte neu, hing Anderes zum Trocken auf. Das Zelt glich einer riesigen Wäschekiste. Überall Menschen, auf Liegen, Campingstühlen, umziehend, trocknend, fluchend, lachend.

Womit wohl keiner von uns geplant hatte, war die Anspannung und das Adrenalin innerhalb der 17 min oben zu halten. Zusätzlich durfte man nicht auskühlen, andererseits, lief einem der Schweiß nicht nur den Rücken herunter. Der Kopf hatte freie Bahn über den Blödsinn zu sinnieren.

Und dann musste man auch schon wieder ran. Einmal Treppe bitte….

Gegen 04:00 Uhr zog dann noch ein weiterer Gast in unser Zelt und machte sich mehr als breit: Die Müdigkeit. Keiner von uns war darauf eingestellt, doch im excellent sortierten Versorgungszelt standen die Thermoskannen mit Kaffee parat und man bekam zu Milch und Zucker auch so manch liebes Wort der BetreuerInnen. Gut für die Seele.

Eines meiner wirklichen Highlights des METM Wochenendes war das erste Vogelgzwitscher gegen 04:45 Uhr als ich wieder einmal eine Runde „drehte“. Wie schön das war… Ein Zeichen dafür, daß der Tiefpunkt durchstanden war und der Tag nicht mehr so lange auf sich warten ließ. In der nächsten dann ein zehnstimmiger Chor und die erste Dämmerung. Klasse so konnte es weitergehen.

Wir drehten Runde um Runde, wärmten uns, motivierten uns, froren, aßen und tranken gemeinsam. Und es hörte einfach nicht auf…

Vermutlich gegen 10Uhr dann wieder einmal eines meiner kleinen persönlichen Erlebnisse: Auf dem Weg nach unten schaut man in ein beinahe romantisches Tal mit einem Dörflein. Und durch dieses Dorf fuhr zu meinem Erstaunen eine rauchende und pfeifende Dampfeisenbahn. Ein wirklich toller Moment, den ich gleich mit der lieben Corinna im Kuchenzelt teilen musste.

Übrigens sagt man der Bretagne nach, das man alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben kann. Das kann man auch von Radebeul behaupten, innerhalb weniger Minuten konnte sich die wärmende Sonne mit Starkböen und Hagelschauer abwechseln. Man wurde quasi sandgestrahlt. Und man war wieder nass. Und es hörte nicht auf…

Vermutlich gegen 12:00 Uhr ging dann meine persönliche Sonne auf. Isabell @laufspatz und ihr Mann waren plötzlich aufgetaucht um nach dem Rechten zu sehen. Isa, die ich in Rodgau auf ihrer letzten Runde begleitet hatte, supportete jetzt uns. Ein wirklich feiner Zug von ihr.

Da das Rennen aus 100 Runden besteht, muss einer der Teilnehmer 1 Runde mehr laufen (33+33+34=100) und da weder André noch Daniel in der Laune (Verfassung) waren dieses zu tun habe ich mich „bereit“ erklärt. So gingen erst Daniel, dann André auf ihre letzte Runde und man sah ihnen ihr Glück an, es geschafft zu haben. Dann waren meine letzten Zwei Runden dran. Es hieß weiter Tempo aufrecht erhalten, die nächst Platzierten hingen uns schon die letzten Stunden/ Runden im Nacken. Und wieder schoss der Graupel ins Gesicht. Mit nasser Brille, immer eine Hand am Geländer lief ich meine zweitletzte Runde und kämpfte mich hoch zum Wendepunkt. Dann kam sie: meine letzte Runde. Nein ich habe sie nicht wirklich genossen, ich war müde, lustlos, bedankte mich aber trotzdem herzlich und per Handschlag bei den THWlern am Wendepunkt, die die ganze Nacht dort ausharrten und zum Glück nichts zu tun hatten.

Am Anfang der Treppe sitzt das „Treppenmaskottchen“ Clara, ein Mädel welches dort wohnt und seit jeher und ein kleines Sträußchen und die Medaillen an die Teilnehmer verteilt, die es geschafft haben. Ich bekam lobende Worte und ein Lächeln. Es ist wirklich alles so liebevoll in diesem Rennen arrangiert.

Mit meinen Sträußchen und drei Medaillen um den Hals klimperte ich wie eine Almkuh die Steigung hoch und oben nahmen mich applaudierend meine zwei KCHNCRW Buddies in Empfang. Wir liefen gemeinsam ins Ziel und waren stolz und glücklich. Und k.o. Und stolz. Und Glücklich. Gemeinsam hatten wir es geschafft. Nach 14h 18min waren wir am Ziel und hatten die Höhe des Mt. Everests erklommen. Die ganzen Gefühle und Bilder werden wohl noch einige Zeit in meinem Kopf umher schwirren.

Umgezogen verabschiedete ich mich von meinen Jungs und setzte mich gegen 15:00 Uhr wieder ins Auto um die 500km heim zu fahren. Sehnlichst erwartet von Nina, meiner Frau und meinem Bett :-).

 

Was bleibt zu sagen: Wer sich mal auf etwas Dummes einlassen will, ist beim METM bestens aufgehoben, Top Orga und grandioses Wetter machen die Veranstaltung aus. Vielen Dank an alle die da waren, die ich vergessen habe zu erwähnen, die applaudiert, angefeuert und supportet haben. Danke Ulf und Maty!! Und besonderen Dank an Euch beide: André und Daniel!! Das nimmt uns keiner mehr. Egal wie das Leben wird, dieses Abenteuer bleibt in unseren Herzen. Und die alle „#bekloppt Messlatte“ haben wir drei wieder ein bisschen höher geschraubt.

Ich geh mal grinsen!