Ein Streak Tag…

Die Geschichte ist eigentlich kurz erzählt: ich wollte eine Peak Week machen und durch intensives Training auf irgend einen Lauf vorbereiten. Ich habe es also geschafft 7 Tage am Stück in Folge zu laufen. Vielleicht schaffe ich es ja auch noch eine zweite Woche… Und eine Dritte. Vielleicht sogar einen ganzen Monat…?! Vielleicht ja auch 173 Tage, die mein Laufbuddy Sven geschafft hat…?!

Alles war möglich, das merkte ich. Was ich nicht merkte, waren die kleinen Veränderungen, die sich sich langsam eingeschlichen haben. Ich gebe zu, als Streak Novize sucht man sich meist irgendwelche Helden aus, die man uU. sogar um Rat fragen kann. In meinen Fall war es Lutz. Lutz ist (m)eine Streak Ikone, macht er das doch schon über 8 Jahre, weiß also was er tut. Obwohl er mal schrieb: solange er nicht wüsste warum, würde er halt weiter laufen. Er hat für sich erkannt, das er immer zur gleichen Zeit aufsteht und immer die gleiche Strecke läuft. Ich kann das so nicht handhaben, will ich auch nicht. Fakt ist: die Meile muss gelaufen werden. Und so bimmelt mein Wecker für gewöhnlich um 05:39 Uhr. 39 weil 39 kein Unglück bringt. Niemals würde ich mich um 05:40 Uhr wecken lassen. Keiner macht das. Dann stehe ich auf, trinke zwei Gläser Wasser, checke das Wetter, schaue kurzdurch das Social Media Gedöns, mache mir einen Kaffee und ziehe mich passend an. Ich versuche um 06:00 Uhr aus der Tür zu treten. Mal schaffe ich es, mal nicht. Wenn ich es schaffe, freue ich mich über die Konstanz, wenn ich es nicht schaffe, ist es auch nicht schlimm. Die Uhr piept fröhlich, dass das GPS bereit ist und dann geht es los.

Eigentlich immer rechts herum, die Straße hoch. Ich könnte auch links herum laufen, aber rechts hat sich etabliert. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, wie lange ich heute laufen soll. Der Motor in Kopf, Herz und Bauch muss erstmal warm und auch wach werden.

Ich komme immer an einem Haus vorbei, wo ein älterer Herr morgens seine Zeitung ließt. Irgendwann werde ich ihn grüßen, noch schaut er kurz auf, ich schiele zu ihm rüber.

Am Reiterhof biege ich links ab, ich könnte auch rechts abbiegen, aber ich biege halt links ab.

Es geht weiter, mal auf dem Gehweg, mal auf der Straße. Manchmal taucht der blonde Azubi auf, der ins einem Blaumann auf dem Fahrrad zur Arbeit fährt.

Dann biege ich rechts in einen Schotterweg ab und komme an einer Parkbank vorbei. Diese ist vor geraumer Zeit mit einem Standortschild zur Notrufbenachrichtigung ausgestattet worden. irgendeine Nummer, die ich jeden morgen lese, aber immer noch nicht kenne.

Der Kinderspielplatz hat nach Corona Tagen wieder auf, morgens liegt er verlassen auf der rechten Seite. Wenn ich “pünktlich” bin kommt mir ein freundlicher Mann auf einem Fahrrad entgegen und wir grüßen uns zu. Er ist wahrscheinlich auf dem Weg zur Arbeit.

Am Ende des Weges kann ich mich entscheiden: links herum geht es dann auf die Runde größer 10km, rechts auf die Strecke kleiner 10km, wenn ich mal müde (faul) bin. Also links ab, Richtung Ortsausgang. Mich erwartet dann das Piepen des zweiten Kilometers. Eigentlich ist es mir vollkommen egal, aber beim zweiten Piep achte ich genau drauf und es piept immer an einer anderen Stelle…

Dann überquere ich eine Hauptstraße und komme an einem Wildgehege vorbei. Dort treffe ich ich auch ab un zu die Frau mit dem nicht zu bändigen Mops, der sich an der Leine fast stranguliert.

Oben links in dem Haus flackert derweil schon das Frühstücksfernsehen.

Ich laufe das erste Mal über die Autobahn. Mal ist richtig viel Verkehr, zu Corona Zeiten fast gar nicht.

Kurz dahinter hat sonst immer eine Frau geparkt und ist mit ihren Hunden unterwegs gewesen. Einen Morgen war es so nebelig (sagte sie), das sie beim Rückwarts ausparken gleich wieder in den gegenüber liegenden Graben gefahren ist. Sie bat mich, mit meinem Handy ihren Mann anzurufen. Seitdem Vorfall habe ich sie nie weider dort gesehen. Ihr Mann hat sicher gemeckert.

Meistens biege ich dann rechts ab, es folgt eine etwa 500 m lange Gerade. Neuerdings parkt ungefähr auf der Hälfte häufiger ein mann, der in Sport Klamotten die Straße hoch und runter läuft. Ich bilde mir ein, das er nach einem Krankenhaus Aufenthalt wieder auf die Beine kommen will.

Kurz dahinter kommt eine Firma, die im Agrar Bereich tätig ist. Jeden morgen denke ich, das ich unbedingt zu Hause googlen sollte, was die überhaupt machen. Zumindest ist unten rechts im Gebäude ein Büro, mit Bildschirm zum Fenster. Der Windows Bildschirmschoner leuchtet mir immer die korrekte Uhr zu, da der Mitarbeiter noch nicht da ist.

Jetzt geht es über Autobahnbrücke Nr. 2. Hier wuchs mir bis zuletzt eine Riesendistel entgegen. Fast so groß wie ich. Dann wurden die Grasnarben gemäht. da war sie wieder verschwunden.

Kurz hinter der Brücke, stand in einer Feldeinfahrt lange Zeit einen Herren oder Frauenlose Matratze. Was die Menschen alles entsorgen…?

Ich wechsle die Straßenseite auf einen Radweg. Lange ist mir eine Frau mit einem Lastenrad entgegen gekommen. Sie hatte sogar Beleuchtung im Helm integriert. Wo die aber steckt weiß ich nicht.

Ich biege links ab und laufe bis zur nächsten Querstraße. Hier ist noch nie etwas passiert. Doch!!! Einmal bin schön pomadig auf der Mitte des Feldwegs gelaufen, hatte gute Musik im Ohr und wie lang schon das Auto hinter mir in meinem Tempo herfuhr, kann ich nicht sagen. Ich habe mich aber entschuldigt.

Dann biege ich rechts ab, die Hunde bellen von weitem, laufe ich an ihrem Zwinger vorbei, sind sie still. Hier steht auch der rote ältere Polo. Er wurde schon lange nicht mehr bewegt. Vielleicht gehört er der Dame, die ich auch schon lange nicht mehr gesehen habe. Sie ist sonst morgens mit ihrem Rollator unterwegs gewesen. Im Winter hatte sie einen uralten fetten mit mindestens 10 Mono Batterien betriebenen Handstrahler dabei gehabt, der die Straße auch nicht ausleuchtete. Jedes Werbe LED Licht ist heutzutage heller. Wahrscheinlich macht ihre Gesundheit nicht mehr möglich.

Es geht weiter an einer Lindenallee. Auf der einen Seite stehen ca 15 Jahre alte Bäume, ich wollte sie immer schon mal gezählt haben, aber man kommt ja zu nichts. Vielleicht morgen…

Ich biege links ab, mich erwartet die einzige kleine Steigung. Links steht ein kleines Häuschen, es sind immer alle Fenster weit offen, hier wohnen offensichtlich Frischluftfanatiker. Am Ende der Steigung, dann zwei Häuser, hier kann man direkt an der Straße aus einem kleinen Kühlschrank in Häuschenform frische Eier kaufen. Jetzt neu mit Schotterparkplatz!

Weiter geht es durch Klein Britannien. So nenne ich die Stelle, bis zu den Bahngleisen, weil mich der Weg an den Urlaub in Frankreich erinnert. Kleine Hecken und Bäume säumen den Weg, dafür nicht ein Straßenschild.

Kurz vor der Bahn biegt das Taxi immer ab, irgendeine Terminfahrt. Sicher ein guter Job, wenn man seinen Stammkunden abholen kann. Das Taxi kommt mir immer an einer anderen Stelle entgegen, aber hier biegt es ab.

Weiter geht es an einem Haus mit altem Doppelachspferdeanhänger. Der hintere Reifen verlor immer mehr Luft, da stand er dann und vergammelte.

Ich laufe auf ein zweistöckiges altes Klinkerhaus zu. Weiße Fensterrahmen, einfach verglast, runtergekommen. Aber: wenn ich im Lotte gewinne, dann hole ich dieses alte Schmuckstück aus dem Dornröschenschlaf und mache es mir zu meinem Traumhaus.

Dann biege ich rechts ab und eine lange Gerade geht mit leichtem Gefälle herunter. Die Steigung, die ich eben an anderer Stelle hoch gelaufen bin, geht es wieder herunter.

Am Ende biege ich rechts ab, unter einer Eisenbahnunterführung vorbei. Dort steht immer ein blauer Passat mit Essener Kennzeichen, im Winter mit Standheizung. Was auch immer der Mensch dort tut, gesehen habe ich noch keinen.

An einem weiteren Bauernhof leuchtet immer die rote Beleuchtung der Fahrzeugwaage, ich komme leider dort nicht hin, ich könnte dort ein bisschen Schabernack treiben.

Ich kreuze die Hauptstraße und auf dem Weg nach Hause, komme ich an einer kleinen Kapelle vorbei, mit einer dicken alten Eiche davor. Zu Corona Zeiten haben Kinder dort ein Schild dran gehängt mit dem Titel “Mut Mach Baum”. Das finde ich toll und so heißt der Baum für immer so. Spätestens kommen mir hier auch immer die gleichen Hundebesitzer entgegen. Als Beispiel der ältere Herr mit dem noch älteren Golden Retriever. Ich weiß nicht, wer von den beiden noch langsamer geht. Oder der Mann mit den drei Huskys. Zwei an der Leine, einer frei. Die unfreundliche alte Lady mit ihrer “Trethupe” oder die Frau mit der “Pink” Frisur und dem großen Schwarzen.

Links von mir dass Neubaugebiet, die Straßen sind immer noch nicht fertig. Dafür verbarrikadieren sich die Leute immer mehr hinter scheußlichen Zäunen und Gabionen.

Parallel zu meinem Weg läuft ein Sandpfad für die Pferde und Reiter vom Reiterhof. Man kann dort prima laufen und um die Pferdeäpfel tanzen.

Dann geht es wieder am Reiterhof vorbei, an dem älteren Herr der jetzt mit seiner Frau Zeitung ließt und ab nach Hause.

Man sieht also, das auf einer Runde, die man häufig läuft einerseits gar nichts passiert, andererseits aber so viele Kleinigkeiten, die man vermutlich sonst gar nicht wahrgenommen hätte. Es ist nicht so, das einem die Tour langweilig wird, oder sie einem widerstrebt.

Für mich ist streaken nicht nur eine Form des Laufens, sondern ganz viel mehr. Es hat etwas meditatives und nachdenkliches. Manchmal muss ich mich zwingen, nicht alles zu zerdenken und zu zergrübeln.

Einfach an mich denken, dankbar sein, laufen zu dürfen und jeden Tag aufs Neue zu genießen. Es ist toll, auf Kleinigkeiten zu achten, Veränderungen in der Natur und an sich wahrzunehmen und einfach glücklich zu sein.

Bald habe ich 800 Tage voll, aber erstmal morgen. #StreakOn

Ein Kommentar zu “Ein Streak Tag…

  1. “Man sieht also, das auf einer Runde, die man häufig läuft einerseits gar nichts passiert, andererseits aber so viele Kleinigkeiten, die man vermutlich sonst gar nicht wahrgenommen hätte. Es ist nicht so, das einem die Tour langweilig wird, oder sie einem widerstrebt.”

    Wenn Streakrunner*innen an diesem Punkt angelangt sind, ist es meiner Erfahrung nach vollbracht. Laufen ist eine stille Bewegung geworden, die wie die Atmung autonom abläuft und somit viele neue Empfindungsmöglichkeiten freistellt.

    Auf die Entdeckung der vielen neuen Kleinigkeiten.

    Lieben Gruß
    Lutz

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