Die belgische Meile

“The Great Escape” – so heißt eine der Läufe die zwei verrückte Belgier im Rahmen der Legends Trails veranstalten. Man hat die Möglichkeit 50 oder 100 Meilen zu laufen oder auch zu wandern. Die Strecke führt von Luxemburg nach Belgien durch die Zentral Ardennen in einem wirklich unberührtem Gebiet. Ich wusste nicht, das Belgien so grün und hügelig ist, für mich ist Belgien das Land zwischen Frankreich und Deutschland. Sorry ihr lieben Belgier, ich werde mich bessern.

Ich war (mal wieder) mit der wuseligen Marina unterwegs und so trafen wir uns bei ihr und fuhren gemeinsam nach Belgien. Start sollte um 00.00 Uhr sein, der Shuttle Bus zum Start um 22:30. Wir hatten noch reichlich Zeit und konnten sogar noch eine Stunde im Auto die Augen zu machen.

Es gab viele kleine Kuriositäten bei diesem Lauf: angefangen mit knappst bemessenen Getränkemarken für die Teilnehmer (warum überhaupt limitiert?), dann die Aussage das es bei unserem Start am Checkpoint Wasser für meine Flaschen gäbe. Gab es auch: es waren genug Duschen im Vereinsheim des örtlichen Fußballvereins, wo ich schön warmes Wasser in die Flaschen füllen konnte. – Die 4 VPs boten alles von runden Waffeln, eckigen Waffeln, weichen Waffeln, harten Waffeln, belgischen Waffeln, Lütticher Waffeln an. Oder Erdnüsse. Naja und Cola und Wasser. Und wir wissen alle, was eine trockene Waffel in einem trockenen Mundraum bewirken kann.

Marina und ich liefen durch die Nacht, kamen aber nicht wirklich so zusammen, wie wir das sonst mal hatten. Vielleicht war ich zu schnell. sie zu schnell, vielleicht war ich genervt von dem Tracker, der mir auf die Schulter drückte, den ich dann mit Handschuhen abpolsterte, die ich aber später noch verlor, Marina vielleicht von der Kälte in den Tälern bei 3-4 Grad plus. Das hört sich geschrieben alles schlimm und konzentriert an, es waren aber nur winzige Nadelstiche, die uns irgendwie quer kamen und so waren wir nicht das quaselnde und lachende Duo, sondern zwei stille Partner, die nebeneinander her liefen. Im Nachgang haben wir das aufgearbeitet. Es hat einfach irgendwie nicht gepasst. Um so besser wird es das nächste Mal.

Es ging immer wieder rauf und runter durch die Nacht. Zwischen Wiesen und Wäldern hindurch, an Bächen vorbei und immer die klare trockene sternenklare Nacht. So viel Ruhe und Stille war wirklich beeindruckend. Gegen 06.00 Uhr dämmerte es endlich und der aufziehende Tag vertrieb meine Lethargie. Ich freute mich morgens um 06.30 Uhr schon 55km gemacht zu haben und ich hatte kurz auf dem Schirm relativ früh wieder zu hause zu sein. Und dann begann der Wahnsinn:

An einem der Checkpoints, sagte man uns, jetzt käme ein leichter Teil. Der Weg wurde allerdings steiler und steiniger. Die Schritte von uns wurden langsamer und wir mussten Teil wirklich erklettern. Einfacher – aha! Im Nachgang hatten die Jungs von dem VP Recht. Es erwarteten uns immer mehr steile Stücke, große Steine, Waldstücke. Zwischenzeitlich sagte meine Uhr 15min45 für einen (besch…) Kilometer. Wir verfluchten den Weg und waren genervt. Bei dem Tempo konnte es noch noch ein langer Tag werden.

Da wir wegen des eingeschränkten GPS Empfangs auf unseren Uhren unterschiedliche Streckenlängen gemessen hatten, fragten wir am vermeintlich letzten VP nach, wie weit es denn zum Ziel sei. Wir waren beide bei ca 13 km, das Mädel vom VP sagte uns 23. DREIUNDZWANZIG!!! Bei 5-6 km pro Stunde wären das noch locker vier Stunden. Das konnte nicht sein. Wir fragten nochmals nach. “Twentysreeee” so die Antwort. Wutschnaubend brachen wir auf. Wie konnte das sein? Sowas kann einem mental ganz schön zusetzen und demoralisieren. Später stellte sich heraus, das die 100 Meiler wirklich noch 23km laufen müssen, die 50er nur 13.

Die Sonne kam immer mehr heraus und wir verstauten so gut es ging unsre Jacken und Buffs und quälten uns durchs belgische Unterholz. Einer der Sätze von Marina blieb mir im Ohr: “Wir sind diesen besch… Berg jetzt schon das vierte Mal hoch. Wollen die uns vera….?”. Auch ich verfluchte Steine, Bäume, Veranstalter und mich selbst. Die Stimmung war also bestens.

Marina lobte ein Zeitziel aus: mit etwas Glück könnten wir unter 13h ins Ziel kommen. Das war doch mal was. So drückte ich bergab etwas zu sehr auf die Tube und hatte beim letzen Anstieg einen beidseitigen Adduktoren Krampf. Ganz hässlich. Es ging nicht vor und nicht zurück. Blöde. Das kostete uns weitere Minuten, wir wollten doch unbedingt gemeinsam ins Ziel.

Dann endlich: nach 12h 54min bogen wir in die Zeilgerade ab und freuten überglücklich diesen krassen Lauf bestanden zu haben. Zuschauer und Teilnehmer klatschten uns zu und wir waren im Ziel. Ein tolles Gefühl. Wir standen am Getränkestand und genossen unsere Cola.

Ich fragte die Dame, wo wir uns denn für die Endzeitenabnahme melden sollten und dann kam der Hammer: ob wir von links oder rechts in Ziel heran gelaufen wären. Von links bestätigte ich. Darauf sie toternst, dann wäre dieser (im Ziel stehende!!!!!) Stand nur ein Checkpoint und wir müssten noch 5 weitere Kilometer über einen Berg laufen. Nach 80 km, nach 50 Meilen sagt dir jemand, du hast zwar 50 Meilen aber hier ist nicht Schluss. Und so sind Marina und ich zu einem der Veranstalter und fragten nach. Übersetzt sagte er so was wie: Ja ihr müsst noch 5 weitere Kilometer laufen. 50 Meilen sind schließlich immer nur ungefähr 80 km. Und wenn wir diese tollen Medaillen haben wollten, müssten wir halt noch die 5km machen. Das stehe schließlich so in der Ausschreibung. (Gefunden und gelesen haben wir es auch hinterher nicht. Nebenbei waren die 5km nicht als GPX Track verfügbar). Eine Laune der Natur.

Das war ein bisschen viel für uns. Marina polterte von dannen, ich mit einigen Metern hinterher. Ich stand an einem Zaun und rief ihr nach, das ich nicht weiter laufen würde. Es wäre mir egal, dann wäre es halt ein DNF ( did not finish) und ich würde jetzt zum Auto gehen. Ich würde mir nicht von einem Belgier sagen lassen, wann ich einen Rennen zu Ende laufen müsse, wenn ich die Strecke doch gelaufen bin. Usw…

Marina “brüllte” widrum mich an und triggerte mich irgendwie doch weiter zu machen. Das waren die einzigen 5 Km, die wir nicht zusammen liefen. Sie hatte nach Absprache Musik in den Ohren und war nun etwas vor mir.

Die letzten 5km hatten es noch einmal in sich: die 5 waren in Wirklichkeit 7 km mit noch einmal 180 Höhenmetern, viel Sonne und Gegenwind auf dem Wiesenplateau. An der Steigung wieder Krämpfe. Ätzend. Ich kam mir vor wie Messner beim Aufstieg zum Gipfel. Ich schickte meiner Frau Sprachnachrichten mit all der Enttäuschung und Wut. Ich kam nicht mehr weiter. Man hatte mir damit so den Stecker gezogen, das ich einfach stehen blieb und mich nicht mehr bewegte. Ich wusste nicht mehr weiter.

Ich habe es mit Musik probiert, das klappte nicht. Ich habe mir irgendwelche Mantras rausgekramt. Nichts. Dann rief ich meinen Freund Christian aka Trailtiger an. Ich hörte noch wie er ans Telefon ging. Meine ersten Worte waren: “Tiger du musst mir helfen, ich weiß nicht mehr weiter!” Es sprudelte aus mir heraus. Was ich nicht wusste, das zwischenzeitlich die Verbindung einseitig unterbrochen war, er mich hören konnte, ich ihn aber nicht. Ich legte verzweifelt auf. Und dann bewegten sich meine Beine. Irgendwie ging es. Vielleicht musste es nur aus meinem Kopf heraus. Ich ging ein Stück, lief ein Stück, ging wieder ein Stück. Es war die Hölle. Ich kann mich nicht erinnern jemals beim laufen mental so belastet gewesen zu sein.

Irgendwann, gefühlt Stunden später, es waren real doch nur 45min erwartete mich Marina schon mit ihrer Medaille im Ziel und wir liefen Hand in in Hand die letzten Meter gemeinsam.

Als ich endlich meine Medaille hatte, verfluchte ich den Veranstalter ein weiteres Mal persönlich mit einem Lächeln, wir gaben uns wie Ehrenmänner die Hand, ich bekam meine Medaille und ging erst einmal ein paar Tränen vergießen.

Dann Leere. Wir waren einfach k.o. Fix und fertig…

Auf der Rückfahrt waren Marina und ich wieder besserer Laune und wir witzelten: Es gäbe halt die amerikanische und belgische Meile. Die belgische Meile sei etwas länger und wenn man sich bei etwas nicht sicher sei, sollte man immer die belgische Meile als Maßstab nehmen. Nicht die Amerikanische.

Dieser Lauf ist mein bisheriges Meisterstück. Klar bin ich schon weiter gelaufen, aber mental war es das absolut härteste was ich je gemacht habe. Marina erinnerte mich nach lesen des Blogs daran, das ich wohl zweimal von meinem persönlichen Barkley geredet hätte und von einem verschrobenen Belgier, der im Ziel an einer gelben Schranke stehen würde…

Ich werde auch aus diesem Lauf lernen und wenn es mal nicht geht, werde ich an die belgische Meile denken.

P.s. Marina: du bist mental einfach ein harter Hund. Auch von dir kann ich noch eine Menge lernen. Danke für deine Zeit mit mir!

3 commentaires sur “Die belgische Meile

  1. Wildes Handgeklapper!
    Danke für den Bericht. Un dich dachte immer, es geht nur mir so. Alle anderen laufen immer nett und fröhlich winkend durch und ich bin der einzige, der sich auf den nächsten Baumstumpf setzen und bockig sein will… 😀

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