Die Streakerei…

Angefangen ist es vor gut 250 Tagen. Ich wollte eine sog. Peak week machen und möglichst viele Kilometer in einer Woche zusammen bekommen. Warum weiß ich gar nicht mehr, bestimmt um mich für eine andere Verrücktheit vorzubereiten. Dann kam halt noch eine Woche hinzu und noch eine. Ob man wohl vier Wochen täglich laufen könne, das fragte ich mich. Das funktionierte. Und so bin ich mehr und mehr in diesen Trott gekommen und bin mal weiter und mal weniger weit gelaufen. “Schlimm” war der Tag nach dem 110km Lauf in Köln. Da bin ich in Schneckentempo eine kleine Runde gelaufen. Und erstaunt, wie gut es ging. So mit hat mir die tägliche Lauferei den Allerwertesten gerettet. Einige meiner Laufbekannte sind nach Erfüllung ihres Traumziels in ein Loch gefallen und haben in eben diesem länger verbracht, als ihnen recht war. Ich hatte direkt nach meinem 100km Traum eine Aufgabe zu bewerkstelligen und kam so gar nicht erst auf dumme Gedanken. Es hat alles gemildert und abgefedert…

Um in meinem Hirn etwas aufzuräumen und auszumisten, habe ich die mir wichtigen Gedanken zu diesem Thema einfach niedergeschrieben. So ist Platz für neues….

  1. Wann ist man genau ein Streaker? Diese Frage habe ich auch mal Lutz @unserweg gefragt, seine Antwort: theoretisch schon am zweiten Tag. Doch dieses Gefühl habe ich nach gut 250 Tagen immer noch nicht. So wie ich kein Läufer bin, sondern laufe und so wie ich kein Streaker bin, sondern streake. Ich laufe und ich streake gerade zufälligerweise.
  2. Wie lange streake ich noch? Darauf kann ich keine Antwort geben. Vielleicht wache ich eines Morgens auf und irgendwas sagt mir: Junge es ist vorbei… Ich hoffe auf diese Stimme, dann wäre es ein Impuls tief aus mir drinnen und keine Krankheit oder Verletzung. Ich stehe morgen auf und werde wohl laufen äh streaken.
  3. Was hat sich geändert? Geändert hat sich das Gefühl und die Grundeinstellung zum laufen. Früher war es vielleicht die Erfüllung des Trainingsplans, die Umsetzung und das Aufreiben an persönlichen Bestzeiten. All das ist zur Zeit nicht der Fall. ich genieße diese Stresslosigkeit einfach laufen zu gehen, so lange, so schnell, so weit ich will oder kann. Es müssen halt 1600m sein, die tagtäglich da stehen und “abgearbeitet” werden müssen. Das ist leider auch gleichzeitig die Kehrseite der Medaille. Im November bin ich in eine Art Streak Depression gefallen. Es machte mir überhaupt keinen Spaß mehr zu laufen. Ich war müde, kaputt, genervt von der Lauferei. Das tägliche laufen brachte mir keine glücklichen Momente mehr. Ich überlegte, was ich tun könnte und kam auf die (nachträglich) glorreiche Idee, eine Woche lang wirklich nur täglich 1 Meile zu laufen. 800m hin und 800m zurück. Dabei merkte ich schnell, das ich körperlich ausgelaugt war. Der Kopf war vollkommen frei und zufrieden, nur waren die Umfänge in letzter Zeit für mich zu hoch, das der Körper in den restlichen 23h zu wenig Möglichkeit und Raum hatte, zu regenerieren. Schon nach einer Woche der Erholung, gingen meine Umfänge wieder nach oben, Körper und Kopf waren wieder im Einklang und zogen an der selben Seite. Ich kenne somit hoffentlich in der nächsten Krise eine Möglichkeit, mich aus dem Schlamassel wieder heraus zu ziehen. Geändert hat sich auch der Raum zu Hause, den die Streakerei einnimmt. Ich bin jetzt morgens einfach mal eine Runde drehen und das halt um den Streak am leben zu halten. So langsam bekomme ich auch einen “Überblick” über die Strecken. Zu Anfang dachte ich schleicht weg, das dieses Gelaufe in immer selben Runden super langweilig sein muss. War es auch. Wenn man immer die selbe Runde dreht, sieht man immer das selbe, man achtet auf die Pendler, die Schulbusse, wundert sich das der Zeitungsmann in seinem Smart nicht da ist und und und und. ABER mit der Zeit entwickelt die immer gleiche Routine etwas beruhigendes, geradezu meditatives. Es ist jeden Morgen: 2 Gläser Wasser, einen dünnen Kaffee und ab in die Laufsachen. Dann geht es auf die Laufrunde. Aktuell variiere ich mal weit mal kurz, mal schnell, mal langsam. Doch wenn ich 3-4 Tage die selbe Strecke laufe, bin ich schnell in einem Flow Zustand, ich habe schlichtweg alles gesehen und kann mich auf meine Gedanken konzentrieren, auf den Atem, die Haltung oder auf nichts. Ich werde 2km weiter wieder “wach” und wundere mich, was ich in der letzten zeit gemacht haben könnte. Diese Momente sind der Hochgenuss. Einfach weg sein… Geändert hat sich erstaunlicher Weise auch meine Regenerationsfähigkeit. Höhere Intensitäten stecke ich viel besser weg, obwohl ich keine wirklich langen Läufe absolviere. Das freut mich natürlich sehr. Und mein Trainingszustand, scheint ganz ok zu sein, habe ich doch im Advent mehrfach weitere Strecken hinter mich gebracht.
  4. Was ist geblieben? Geblieben ist das Laufen als solches. Das Equipment, das schlechte Wetter, der Schweinehund, die Müdigkeit, die seltene Lustlosigkeit. Aber auch das Glück, die Entspannt- und Ausgeglichenheit. Und das hilflose Gesuche nach der Stirnlampe, der Mütze oder sonstigem, weil ich es einfach nicht schaffe mein Laufleben so zu managen, das alles an seinem Platz ist.
  5. Was kann ich besser machen? Wie schon gerade kurz angedacht: mein Textil- Lampen- Schlüssel- Handy- Orgamanagement ist noch nicht optimal. Mittlerweile haben Stirnlampe, Mütze und Handschuhe einen eigenen Platz- es wird.
  6. Wie ich mich motiviere? Da dieses Gelaufe (immer) noch nicht in meinen vollständigen Automatismus übergegangen ist, gibt es unterschiedliche Ziele, die mir helfen. Laufbuddy Sven @svnksswttr sagte mir mal, seine längste Streakreise waren 73 Tage – die wollte ich unbedingt knacken. 74 Tage sind ja schon fast 100. Also: nächste Haltestelle 100 Tage. Und so hangel ich mich immer weiter und denke mir kleine Spiele aus, die mich fordern.
  7. Ist das nicht gefährlich? JA, ist es. Wie alles, was zu exzessiv angegangen wird, ist auch die Streakerei ein Ding, was Körper und Geist in Mitleidenschaft bringen kann. Ich habe ja selbst schon gemerkt, das mein Körper mit den zwischenzeitlichen Laufumfängen nicht mehr zurecht kam und rebellierte. Ich vertraue da meinem Bauch, der nicht nur sehr sensibles Organ, sondern auch ein feiner Antwortengeber ist, dem wir aber im allg. immer weniger Aufmerksamkeit schenken. [Werbung: Ich empfehle hier das Buch “Darm mit Charme” von Gulia Enders].
  8. Ist Streaken auch was für mich? Weder bin ich Pädagoge, Lehrmeister, Sportphilosoph oder sonstiger Messias. Aus meiner jetztigen Erfahrung heraus würde ich sagen, das jeder, der sich bewegen kann auch Streakrunner werden kann und es auch einmal probieren sollte. Es kann weder schaden, noch was kaputt gehen. Und wie bei allem: nicht übertreiben.
  9. Kann ich Streaken in meinen Laufplan einbauen? Warum nicht! An den lauffreien Tagen einfach die Schuhe schnüren und die 1600m bewerkstelligen. Aus eigener Erfahrung sind 1600m einfach lästig und das An- und Ausgeziehe dauert genauso lang, wie der Lauf.

Diese Zeilen sollen weder ein How to sein, Streaker zu werden, noch werde ich es wagen mich als erfahren in diesem Gebiet zu bezeichnen. Es sind einfach ein paar Gedanken die ich zu meiner aktuellen Leidenschaft los werden wollte und auch sicher nicht vollständig sind. Danke für die Zeit, die Du dir zum lesen genommen hast. Bei Fragen oder Anregungen melde dich einfach. Und sorry, wenn du eine spannende Laufgeschichte erwartet hast, dieses Mal nur Gedankenschnipsel.

Der (Lauf-) Weg zum Glück

Eigentlich wäre die Story zum Kölnpfad schnell erzählt: Christian @_trailtiger und ich  laufen beim Kölnpfad Ultra nicht die volle Strecke von 171km sondern die nächste Kleinere von 110km, kommen ins Ziel, sahnen die Gürtelschnalle ab und Tschüss.

Wenn da nicht noch ein paar Kleinigkeiten zu erwähnen wären:

Nachdem der Tiger und ich 2017 im Rahmen des Kölnpfads die sog. Kölsche Nachtschicht mit 75km gelaufen sind, war mir relativ schnell klar, das ich mich ein Jahr später an den 110km versuchen wollte. Allerdings sollte es mein Projekt werden, wollte ich doch keinen Druck von außen, sondern in Einzelkämpfer Manier triumphieren. Geht natürlich nicht! Irgendwann, irgendwo verplappert man sich und letztlich waren Sarah @bySarahSi, der Tiger und meine werten Freunde der Kuchencrew KCHNCRW André @AndreNO und Daniel von endurange.com im Boot. Fachliche Kompetenz und Wahnsinn gleichermaßen.

Die Tage gingen ins Land und ich stellte meinen Laufplan für 2018 auf: 50km Lauf in Rodgau mit hoffentlich neuer persönlicher Bestleistung (PB), Treppenwitz METM und dann der Kölnpfad sollten tolle Momente ergeben.

Nachdem ich wirklich Rodgau mit neuer PB gemeistert und den METM bravourös gemeistert hatte, war mein Selbstvertrauen so hoch, das ich ohne wirkliche Sorgen an die Vorbereitungen zum längsten Lauf meines Lebens gehen konnte.

Wären da nicht einige dunkle Wolken aufgezogen. Wolken in Form von Gedanken, die vermochten mich nicht vollends hinter das Projekt zu stellen, Gedanken die mich zögern ließen. Durch den METM hatte ich erstmalig das Gefühl in dieser Ultra Welt angekommen zu sein. Der außenstehende Betrachter wird sich zu Recht wundern: Rodgau, der doppelte Hermann, die Nachtschicht sind doch alles tolle Ultra Läufe. Du bist also ein Ultra. Nur ich hatte nie diese Gefühl. Erst der METM macht mich, so meine Meinung, ein Stück weit zu dem der ich immer sein wollte. 

Ich veränderte also meine Gedanken bezüglich Ultralaufen wie folgt: Der Kölnpfad sollte nicht nur Saisonhighlight sondern auch so etwas wie ein Schnitt und Abschluss in meinem weiteren Ultra Laufweg sein. Ich wollte nicht mehr nach einem riesigen Trainingsplan laufen, wollte nicht mehr Sonntag morgen um 04:00 Uhr aufstehen, wollte nicht mehr ein schlechtes Gewissen haben wenn aus den geplanten 35km nur 27km würden. Es reichte mir. War ich satt? War ich müde? Ich wusste es nicht. 

Ungefähr 2 Monate vor dem Kölnpfad bin ich dann eher durch Zufall mit dem sog. Streak Running angefangen. Streaken bedeutet täglich mindestens eine Meile (1600m) zu laufen. Das kam mir entgegen: lange laufen = Streak, kurz laufen = Streak, gar nicht laufen = 1600m laufen = Streak. Ich konnte so geschickt zwei “Welten” miteinander verbinden. Dieses Streak Running sollte mein Auffangnetz für die Zeit nach Köln werden, ohne in ein Loch fallen zu müssen, ohne sich wieder aufzurappeln und Glückseligkeit in der nächsten Wettkampf Anmeldung finden zu wollen…

 

Der Tag war endlich da: Samstag 05:09 Uhr klingelte der Wecker, aufstehen, frühstücken, Tiger abholen, nach Köln fahren, Startnummer abholen, Shuttlebus zum Start am Rhein Energie Stadion, Tom Eller, der Veranstalter, schickt uns mit einer kleinen Rede auf die Reise und somit auf den längsten Lauf meines Lebens. Unterwegs gesellte sich der liebe Sven noch zu uns und am Sonntag um 02:30 Uhr liefen wir als 5ter, 6ter und 7ter gemeinsam ins Ziel. Müde. Leer. Fertig. – Schnell die Gürtelschnalle als Medaille abholt, geduscht, Tiger weg gebracht, heim gefahren und 24h später machte ich den Motor des Autos um 05:09 Uhr wieder aus. Der Kölnpfad war Geschichte.

Wie jetzt? mag sich sich der geneigte Leser denken. Das ist die Kölnpfad Story? Klares JA.

Mein Gedanken und Erlebnisse sind so wie ein Tisch voller Urlaubsfotos. Zu jedem Bild gibt es eine Anekdote, eine kleine Geschichte. Aber welches Bild nun in das Album darf und welches nicht, werde ich in einem anderen Blog Post klären. Es ist alles zu frisch für mich.

Aber eine kleine Geschichte soll hier erwähnt werden: kurz vor dem Verpflegungsposten in Bensberg komme ich an einem Irish Pub direkt an der Strecke vorbei. Die Tür steht offen, man hört einen Fussball Kommentator reden. Ich gehe rein, der Wirt schaut mich an, als ob ich ein Alien wäre und ich bestelle die vermutlich allerbeste große Spezi meines Lebens. Totales Glück für 2,70 EUR. Die Kohlensäure kribbelt an der Nase, die feuchte Kälte des Glases in meiner Hand, der bezaubende Geschmack kreiert von der Lebensmittelindustrie und das Klackern der Eiswürfel zunächst am Glasrand, später dann unter meiner Mütze sind eines der ganz großen Momente die ich auf diesem Lauf erlebt habe. Häärlisch!!!

 

Am Sonntag Abend schnappe ich mir meine Laufsachen und laufe 1600m. Nicht schnell, nicht rund, aber so will es nun mal das “Streak Gesetz”.

Ich freue mich jetzt sehr auf die Zeit, in der der Trainingsplan nicht mehr das Maß der Dinge ist, wo ich (hoffentlich) wieder mehr gemeinsame Zeit für meine Frau haben werden kann. Und ich werde mich sicher weiter Sonntags morgens davon schleichen um 35km zu laufen. Und wenn es dann nur 27km werden ist das auch Recht. Viele würden sich danach sehnen, einmal in ihrem Leben einen Halbmarathon zu laufen. Ich sollte also entspannt sein.

Was bleibt?

Der Blog vom Kölnpfad kommt. Wenn alles gedacht, sortiert und abgeheftet ist. Oder wie ein deutscher HippHopper mal sang: “In einem schwarzen Fotoalbum mit ´nem silbernen Knopf, bewahr´ ich all diese Bilder im Kopf…” Und ich werde berichten, wie es für mich war, diese 110km zu laufen. Doch jetzt werde ich mich erst einmal mehr auf die nächsten tollen und wichtigen Laufmomente konzentrieren. Ich weiß auch nicht, ob das Streak Running mein Endziel ist oder wie lange ich es durchhalte. Ich habe geliefert und ich bin aus dem Tiefsten mit mir zufrieden. Ich habe mir gezeigt, das ich was kann. 

Und während ich die Zeilen so schreibe, kommt so langsam die Glückseligkeit dieses “längsten Laufs meines Lebens” in meinem Kopf an. Ich werde sicher noch einige Male von diesen Gefühlen übermannt werden und die ein oder andere Träne vor Freude über die Wange kullern lassen.

(so wie jetzt gerade…)