Kölnpfad 2018- Klüngel der liebenswerten Art

Wir treffen Christian, Mitte 40, einen dieser Menschen, die sich voll und ganz ihrem Hobby verschrieben haben. Christian läuft gern. Laufen nicht in dem Sinne von Firmen- oder Stadtläufen. Ihn reizen die Strecken jenseits des Marathons. Alles über 42,195km würde man Ultra nennen. Das hätte nichts mit den Stadion Raufbolden beim Fussball zu tun, erklärt er mir und lacht. Sein Lachen ist ansteckend, ein Typ der in sich ruht, mache ich mir Notizen.

Wir haben Christian bei seinem letzten Lauf dem sog. Kölnpfad begleiten dürfen. Mit seinem Freund Christian aka Trailtiger erleben wir eine Strecke von unglaublichen 110km. Der Fernwanderweg verläuft einmal um ganz Köln und zeigt viele unterschiedliche Facetten der Rheinstadt. Die Gesamtlänge ist eigentlich 171km, aber sowas macht ja keiner erklärt uns “Tiger”.

Freitag Abend: Christian treffen wir zu Hause an, wie er gerade all seine Sachen und Ausrüstungsgegenstände fein säuberlich zusammen legt. Da habe jeder seinen eigenen Stil, so Christian. Später treffen wir noch seine Frau Nina und fragen sie nach dem Vorhaben. Angst habe sie nicht, die beide würden sich blendend verstehen und gut aufeinander aufpassen. Sie hätte ihn halt laufend kennen gelernt und unterstützt seine Vorhaben. Manchmal würde es ihr allerdings auch zu bunt, lacht sie.

Christian verabschiedet sich gegen 22:00 Uhr und geht zu Bett. Der Wecker ginge schließlich um 05:00 Uhr. 

Wir verabschieden uns und verabreden uns für Samstag 06:00 Uhr. 

Fröhlich öffnet Christian uns die Tür. Nervös, nein nervös wäre er nicht. Aber eine gewisse Aufregung gehöre schließlich dazu. Wir fahren gemeinsam zuerst Richtung Ruhrgebiet, um in einer Kleinstadt seinen Freund “Tiger” und gefühlt eine Woche Urlaubsgepäck einzuladen. Danach geht es weiter zum Zielbereich nach Köln, wo sich die beiden Namensvetter ihre Startnummern abholen und letzte Vorbereitungen treffen. Um 08:45 Uhr fährt sie und ca. 40 weitere Teilnehmer eine gecharteter Reisebus zum eigentlichen Start am Rheinenergiestadion. Im Bus herrscht gute Stimmung, Teilnehmer lachen und zeigen sich belustigt über die Wettervorhersage. 30 Grad sollen es wohl werden, so Tiger. 

Um kurz vor 10:00 Uhr versammeln sich alle Ultraläufer um den Veranstalter Tom Eller, der eine kurze Rede hält. Er weißt nochmals auf spezielle Streckenabschnitte und die Wärme hin. Trinken, trinken, trinken, so Eller. Gemeinsam zählen alle herunter und pünktlich setzt sich die Läuferschar in Bewegung. 

Das erste unerwartete Hindernis taucht noch am Rheinenergiestadion auf. Ein Ordner lässt die Läufergruppe nicht am Stadion vorbei. Nach kurzer Diskussion wird es diesem aber zu bunt und lässt zähneknirrschend die Sportler durch…

Der Kölnpfad ist einer von 14  Rundwanderstrecken, die vom “Kölner Eifelverein” betrieben und unterstützt werden. Dieser über 125 Jahre alte Wanderverein markiert mit einem weißen Kreis auf schwarzem Grund den Weg und ebnet dem Wanderer die Möglichkeit einzelne Etappen oder die komplette Strecke zu durchgehen.

Zurück zu unseren Hauptakteuren, die sich mittlerweile in einem eher ruhigen Lauftempo bewegen. Immer wieder kommt es vor das sie eines der Hinweistafeln übersehen. Teils durch rankende Pflanzen, teils durch Vandalismus. Kein Problem erklären beide: der sog. GPX Track sei auf den Handys und auf einem Handheld, einer Art Navigationsgerät für Wanderer geladen.

Nach ca 12km erreichen wir den ersten Verpflegungspunkt (VP). Die Läufer, die den kompletten Kölnpfad absolvieren, haben zu dem Zeitpunkt schon 75km in den Beinen. An jedem VP warten freiwillige Betreuer, die häufig selbst Ultraläufer sind oder einen besonderen, meist familiären Draht zur Szene haben. Ein freundliches Wort, ein Stück Melone, die Getränkeflaschen aufgefüllt, geht es schnell weiter.

Die Strecke wechselt immer wieder zwischen angenehm schattigen Stücken und offenen Grünflächen. Man merkt jetzt schon das es eine Hitzeschlacht werden wird.

Wir dürfen an den Gesprächen der beiden teilhaben:  zwischen ruhigen Momenten wird gelacht und gefoppt. Aber auch ernste und sogar kritische Töne werden angeschlagen. “Stell uns in ein paar Stunden mal eine Rechenaufgabe, da sind wir gaga” lacht Tiger. Der Körper würde auf Schonbetrieb umschalten und so bliebe halt nicht mehr so viel für das Rechenzentrum über.

Nach weiteren 13km kommen wir zum nächsten VP. Flüssigkeit auffüllen, eine Handvoll Studentenfutter, ein paar Stücke Melone. Diese Stationen sind wahre Oasen, liebevoll drapiertes Obst, Müsliriegel, allerhand unterschiedlicher Getränke lassen auch uns das Herz höher schlagen. Aber es geht weiter. 

Die nächsten Kilometer geht es direkt am Rhein entlang. Rechts der Fluss, links die überholenden Radfahrer. Man müsse sich halt arrangieren erklärt mir Tiger. Derweil der erste Gemütsausbruch von Christian. Haben wir ihn doch als einen ruhigen und sympathischen Läufer erlebt, raunzt er jetzt herum. Der Tiger lacht und erklärt: jetzt ist er in seinem Element. Christian könne sich gern an kleinen Dingen aufregen und die Wärme mache halt auch was aus. Aber so schnell sich Christian aufgeregt hat, kommt er auch wieder runter. Wir traben weiter am Rhein entlang, überqueren die Autobahnbrücke der A4 und folgen dem Fluss in die andere Richtung. Nach weiteren 11km erreichen wir wieder einen VP.

Dort erwarten uns liebe Menschen, die nicht nur eine Massage Liege und Zelte zur Erholung aufgebaut haben, einen Kühlschrank am Generator, oder eine Bierzeltgarnitur, sondern auch eine mobile Dusche installiert haben, die beide gleich nutzen um ihre T -Shirts nass zu machen. Kühlung ist das A und O. Hier erleben wir die Ultra Welt. Inning und verbunden. Nach 10min Oase geht es auch schon wieder weiter.

Wir sind unterwegs zum nächsten VP. Christian macht uns Sorgen. Er wird zunehmend schweigsamer und lässt sich einige Meter nach hinten fallen. Derweil erklärt uns der Tiger, daß das ganz normal sei. Es gebe halt Höhen und Tiefen im Ultra laufen. Man komme da selbst wieder raus, manchmal wüsste man halt nicht den Weg aus dem Dilemma. Christian greift zu seinen Kopfhörern. Selbst wir hören den stampfenden Technobeat, dem er sich jetzt hin gibt.

Wir kommen in ein Waldstück, schattig und angenehm. Der Kölnpfad ist zum Trampelpfad geworden. Wir müssen hintereinander laufen. Als ich mich umschaue, liegt Christian gerade auf dem Boden und rappelt sich auf. Den Sturz haben wir nicht mitbekommen. Wutentbrannt taucht er unter uns weg, setzt sich an die Spitze und läuft ein Tempo, welches viel zu schnell für dieses Unterfangen ist. Der Tiger hält mich zurück. Wir sollen ihn ziehen lassen, er müsse das jetzt mit sich ausmachen. Nach 5 Minuten ist der Spuk wieder vorbei. Wir bewegen uns wieder ruhig durch die Landschaft. Mittlerweile brennt die Sonne erbarmungslos auf uns nieder.  Auf einmal gibt es Unstimmigkeiten zwischen den beiden. Der nächste angekündigte Erholungspunkt ist nicht dort, wo er laut Briefing sein soll. Beide schauen auf ihre Handys, vergleichen und beratschlagen sich. Eine Lösung haben sie nicht, er wird schon kommen.

Er kommt auch. Dort erleben wir, wie zwei der Teilnehmer das Handtuch werfen. Sie sind raus, ein sog. DNF (did not finish) ereilt die beiden. Diese Momente sind die traurigen und dunklen Seiten der Ultraläufe. Häufig liegt es nicht an körperlicher Erschöpfung sondern das das Kopfkino den Sportler mürbe macht. Das könne jeden treffen, so Christian. Und solche Vorlagen brächten einen gerne selbst in Grübeln.

Was jetzt kommt wird in der Kölnpfad Comunity später liebevoll als Todeszone bezeichnet. 17km bis zum nächsten Verpflegungspunkt zur besten Nachmittagszeit ohne einen Schattenpunkt lassen uns erschaudern. Abwechselnd gehen und laufen wieder an. Die Sonne brennt, die Grillen zirpen, Wind, wenn überhaupt, weht warm über unsere Körper und fordert uns alles ab. Wir bleiben an einer Böschung stehen, die uns kurz Schatten bietet. Die Luft flimmert, weit vor uns ein Sportler, weit hinter uns ein anderer. Wir gehen alle an unsere Grenzen. Doch was dann passiert sind diese wunderbaren Momente, von denen die Ultras immer wieder berichten. Wir kommen an eine Biegung am Ende einer Wohnsiedlung. Dort hat der Besitzer einen Gartenschlauch mit einer Regendusche in seine Birke gehängt und unablässig rieselt das Wasser auf die Strecke. Einfach so. Wir kühlen uns ab, freuen uns für den Moment und traben weiter. Danke!!

Am Ende dieser Felder tauchen wir wieder in den Großstadtdjungle ein. Auf der linken Seite taucht auch ein Supermarkt auf. Christian schert aus und läuft Richtung Supermarkt. Kurze Zeit später kommt er mit Calippo Eis für alle wieder. Wir freuen uns über diesen tollen Zug.

Wir merken, das die Sonne nicht mehr so intensiv brennt, auch die Schatten werden länger. Das Schlimmste ist also überstanden. Am nächsten VP erwarten uns viele Teilnehmer die auf Isomatten im Schatten sitzen, ihre Blicke teils weit weg, teils auch im jetzt. Christian kommt mit einer Kartoffelsuppe wieder und freut sich. Wir stehen zusammen und leben die letzten Stunden noch einmal durch. Das war brutal sind wir uns einig. Nach 15 Minuten geht es langsam wieder weiter. Erst gehend, dann langsam anlaufend.

Plötzlich sind die beiden Christians nicht mehr allein. Sven hat sich zu ihnen gesellt. Sie kennen sich noch vom letzten Jahr und sind gleich auf selber Wellenlänge. Das Tal scheint durchschritten zu sein, es wird gelacht und gespaßt und allen tut die Abwechslung merklich gut.

Weiter geht es Richtung Bensberg. Die ursprüngliche Strecke sollte durch den Königsforst gehen, doch es gab Unstimmigkeiten zwischen Ämtern und Veranstalter. So laufen wir nicht durch  sondern quasi um den Königsforst. Der Schatten und die Kühle des Waldes gibt den dreien Energie zurück. Die Temperatur ist gerade hier im Wald deutlich angenehmer. Immer wieder gibt es kurze Gehpausen, aber es gibt insgesamt neue Zuversicht.

In Bensberg angekommen ist der nächste Verpflegungspunkt kurz vor dem Schloss fast an höchster Stelle auf einer Terrasse. Als wir ihn erblicken, werden auch wir gesehen. Athleten und Helfer klatschen und jubeln. Jeder feiert jeden. Ich muss mittlerweile meine Meinung über die wahnsinnigen Laufspinner endgültig über Bord werfen, erlebe ich doch immer wieder tolle Momente wie diese. Niemand ist allein, jeder fragt nach, sollte man den Eindruck haben das der oder die Überholte gerade durch ein Tief geht. Eine große wunderbare Gemeinschaft. Das gibt es nur bei den Ultraläufen, so Christian. Ab 42km werde alles viel entspannter, das Konkurrenz Denken sei vorbei.

Wir machen in Bensberg eine längere Pause, sitzen das erste Mal, tanken Körper und Seele auf. Auf meine Nachfrage wie weit wir sind, denke ich an die Rechenaufgabe vom Anfang. Ich bekomme unterschiedliche Aussagen. So ca. 80km lachen mich die drei an. Ist also nicht mehr weit.

Die Sonne geht langsam unter und wir laufen durch kleine Dörfer und überqueren Felder und Wiesen. Mal als Trampelpfad, mal als breiter Radweg. Dann kommen wir an einem Bauernhof vorbei und der Tiger schreit: “Christian, hier ist dein Kakaoautomat!” Was jetzt passiert wundert mich selbst nicht mehr: Christian schwenkt aus zu einem Automaten, an dem man Milch selbst zapfen kann. “Hier hat er letztes Jahr um 02:00 Uhr nachts einen Kakao gekauft und war selig. Verrückter Kerl…” erklärt Tiger.

Die Sonne ist mittlerweile verschwunden und wir laufen mit Stirnlampen. Immer wieder tauchen jetzt Wanderer auf, die sich an den 100km versuchen, die der Veranstalter auch organisiert hat. Reflektierende Marker an ihren Körpern und deren Equipment lassen sie von weitem schon ausmachen. Beim Vorbeilaufen jubeln wir ihnen zu und bekommen Szenenapplaus. Eine wunderbare heile Welt.

Ich war der Meinung alles heute schon erlebt zu haben, aber was die sog. Laufbrigade Oberberg auf einem Parkplatz aufzieht sucht seines gleichen. Ich fühle mich eher wie auf einem Rockertreffen. Laute Heavy Metal Musik und Grillwürstchen erwarten uns. Wer keine Wurst will bekommt warme Worte und Tomatensuppe. Eine ausgelassene Stimmung wie auf einem Gartenfest nimmt uns ein. Immer wieder helfende Hände betüddeln uns auf Herzlichste. Als wir wieder losziehen, beklatschen sie uns in die Nacht.  Noch 20km rechnet Tiger uns vor. Also weiter gehts.

Wir laufen durch Wälder und über Schotterwege. Kalt ist uns allen nicht. So langsam kommen selbst bei mir Gedanken auf, das Ziel des Kölnpfads zu finishen. Sven sagt, ich könne jetzt auch spazieren gehen, so viel Zeit sei noch bis zum Cut Off, dem Zielschluss. Weiter geht´s. Wir wechseln immer wieder waldige Passagen gespickt mit Weihern und kleinen feinen Wohngebieten. In einem Waldstück sind sich Tiger und Sven sicher: gleich kommt der letzte VP. Und wahrlich. Was uns dort erwartet lässt unsere Herzen höher schlagen: wie eine Einflugschneise einer Landebahn sind auf dem Waldweg rote Kerzen aufgestellt. Wir landen. Und sind glücklich. Es gibt für jeden noch einmal Getränke, Riegel, liebe Worte. Eine der Helferinnen fragt uns ob wir hinter uns jemanden gesehen hätten. Tiger antwortet, das wir jemanden von den 171igern überholt hätten, der gar nicht gut ausgesehen hätte. Schnell schnappt sie sich hier Kopflampe und sagt, das sie ihm mal ein Stück entgegenlaufen wolle, dann würde es ihm nicht so schwer fallen. Ich sinniere: was geht ihnen diesen Mensch bloß vor, stehen zusammen und helfen sich wo es nur geht. Alle für einen, einen für alle.

Wir machen uns auf zur finalen Etappe, sind es doch noch 10km von insgesamt 110km. Ein letztes Mal durch Wälder, an quakenden Fröschen vorbei, ein langes tristes Stück an einer Eisenbahn vorbei überqueren wir alsbald eine Wiese und tauchen ein letztes Mal ein in die Zivilisation. Der Tiger lacht. “Gleich kommt noch ein Waldstück, es ist noch nicht vorbei.” Wir traben durch die Nacht. Mittlerweile ist es 02:30 Uhr, wir sind seit 05:00 Uhr auf den Beinen. 

Der Wald spukt uns aus. Wir überqueren ein letztes Mal eine Straße und laufen in den Zielbereich. Es wird gejubelt, es wird geklatscht, die drei umarmen sich herzlich. Sie nehmen auch mich in den Arm, war es doch auch für mich ein unvergessliches Erlebnis. Geredet wird nicht mehr viel, zu müde sind wir alle.

Gegen 04:00 Uhr fahre ich die beiden Christians nach Hause, Sven mussten wir vorher Lebe Wohl sagen. Sie sind mir dankbar, Kupplung treten wäre jetzt uncool, grinsen sie. Etwa 05:00 Uhr ist auch meine Reise vorbei, mache es mir in meinem Auto gemütlich und schlafe ein paar Stunden. Ich denke noch so das ….und dann bin ich auch schon weg.

Was bleibt ist eines der tollsten Abenteuer die ich erleben durfte. Dieser Einblick in eine Gemeinschaft, die auch Fremde mit offenen Armen aufnimmt. Keiner ist allein, alle ziehen an einem Strang. Ich erinnere mich, das ich die beiden auf der Hinfahrt gefragt habe, ob laufen süchtig machen könne. Sie verneinten es, aber das drum herum wäre schon toll. Jetzt weiß ich warum sie es machen, dieses Ultra laufen, jenseits der 42,195km.

Vielen Dank Sven, Tiger und Christian.

 

Der (Lauf-) Weg zum Glück

Eigentlich wäre die Story zum Kölnpfad schnell erzählt: Christian @_trailtiger und ich  laufen beim Kölnpfad Ultra nicht die volle Strecke von 171km sondern die nächste Kleinere von 110km, kommen ins Ziel, sahnen die Gürtelschnalle ab und Tschüss.

Wenn da nicht noch ein paar Kleinigkeiten zu erwähnen wären:

Nachdem der Tiger und ich 2017 im Rahmen des Kölnpfads die sog. Kölsche Nachtschicht mit 75km gelaufen sind, war mir relativ schnell klar, das ich mich ein Jahr später an den 110km versuchen wollte. Allerdings sollte es mein Projekt werden, wollte ich doch keinen Druck von außen, sondern in Einzelkämpfer Manier triumphieren. Geht natürlich nicht! Irgendwann, irgendwo verplappert man sich und letztlich waren Sarah @bySarahSi, der Tiger und meine werten Freunde der Kuchencrew KCHNCRW André @AndreNO und Daniel von endurange.com im Boot. Fachliche Kompetenz und Wahnsinn gleichermaßen.

Die Tage gingen ins Land und ich stellte meinen Laufplan für 2018 auf: 50km Lauf in Rodgau mit hoffentlich neuer persönlicher Bestleistung (PB), Treppenwitz METM und dann der Kölnpfad sollten tolle Momente ergeben.

Nachdem ich wirklich Rodgau mit neuer PB gemeistert und den METM bravourös gemeistert hatte, war mein Selbstvertrauen so hoch, das ich ohne wirkliche Sorgen an die Vorbereitungen zum längsten Lauf meines Lebens gehen konnte.

Wären da nicht einige dunkle Wolken aufgezogen. Wolken in Form von Gedanken, die vermochten mich nicht vollends hinter das Projekt zu stellen, Gedanken die mich zögern ließen. Durch den METM hatte ich erstmalig das Gefühl in dieser Ultra Welt angekommen zu sein. Der außenstehende Betrachter wird sich zu Recht wundern: Rodgau, der doppelte Hermann, die Nachtschicht sind doch alles tolle Ultra Läufe. Du bist also ein Ultra. Nur ich hatte nie diese Gefühl. Erst der METM macht mich, so meine Meinung, ein Stück weit zu dem der ich immer sein wollte. 

Ich veränderte also meine Gedanken bezüglich Ultralaufen wie folgt: Der Kölnpfad sollte nicht nur Saisonhighlight sondern auch so etwas wie ein Schnitt und Abschluss in meinem weiteren Ultra Laufweg sein. Ich wollte nicht mehr nach einem riesigen Trainingsplan laufen, wollte nicht mehr Sonntag morgen um 04:00 Uhr aufstehen, wollte nicht mehr ein schlechtes Gewissen haben wenn aus den geplanten 35km nur 27km würden. Es reichte mir. War ich satt? War ich müde? Ich wusste es nicht. 

Ungefähr 2 Monate vor dem Kölnpfad bin ich dann eher durch Zufall mit dem sog. Streak Running angefangen. Streaken bedeutet täglich mindestens eine Meile (1600m) zu laufen. Das kam mir entgegen: lange laufen = Streak, kurz laufen = Streak, gar nicht laufen = 1600m laufen = Streak. Ich konnte so geschickt zwei “Welten” miteinander verbinden. Dieses Streak Running sollte mein Auffangnetz für die Zeit nach Köln werden, ohne in ein Loch fallen zu müssen, ohne sich wieder aufzurappeln und Glückseligkeit in der nächsten Wettkampf Anmeldung finden zu wollen…

 

Der Tag war endlich da: Samstag 05:09 Uhr klingelte der Wecker, aufstehen, frühstücken, Tiger abholen, nach Köln fahren, Startnummer abholen, Shuttlebus zum Start am Rhein Energie Stadion, Tom Eller, der Veranstalter, schickt uns mit einer kleinen Rede auf die Reise und somit auf den längsten Lauf meines Lebens. Unterwegs gesellte sich der liebe Sven noch zu uns und am Sonntag um 02:30 Uhr liefen wir als 5ter, 6ter und 7ter gemeinsam ins Ziel. Müde. Leer. Fertig. – Schnell die Gürtelschnalle als Medaille abholt, geduscht, Tiger weg gebracht, heim gefahren und 24h später machte ich den Motor des Autos um 05:09 Uhr wieder aus. Der Kölnpfad war Geschichte.

Wie jetzt? mag sich sich der geneigte Leser denken. Das ist die Kölnpfad Story? Klares JA.

Mein Gedanken und Erlebnisse sind so wie ein Tisch voller Urlaubsfotos. Zu jedem Bild gibt es eine Anekdote, eine kleine Geschichte. Aber welches Bild nun in das Album darf und welches nicht, werde ich in einem anderen Blog Post klären. Es ist alles zu frisch für mich.

Aber eine kleine Geschichte soll hier erwähnt werden: kurz vor dem Verpflegungsposten in Bensberg komme ich an einem Irish Pub direkt an der Strecke vorbei. Die Tür steht offen, man hört einen Fussball Kommentator reden. Ich gehe rein, der Wirt schaut mich an, als ob ich ein Alien wäre und ich bestelle die vermutlich allerbeste große Spezi meines Lebens. Totales Glück für 2,70 EUR. Die Kohlensäure kribbelt an der Nase, die feuchte Kälte des Glases in meiner Hand, der bezaubende Geschmack kreiert von der Lebensmittelindustrie und das Klackern der Eiswürfel zunächst am Glasrand, später dann unter meiner Mütze sind eines der ganz großen Momente die ich auf diesem Lauf erlebt habe. Häärlisch!!!

 

Am Sonntag Abend schnappe ich mir meine Laufsachen und laufe 1600m. Nicht schnell, nicht rund, aber so will es nun mal das “Streak Gesetz”.

Ich freue mich jetzt sehr auf die Zeit, in der der Trainingsplan nicht mehr das Maß der Dinge ist, wo ich (hoffentlich) wieder mehr gemeinsame Zeit für meine Frau haben werden kann. Und ich werde mich sicher weiter Sonntags morgens davon schleichen um 35km zu laufen. Und wenn es dann nur 27km werden ist das auch Recht. Viele würden sich danach sehnen, einmal in ihrem Leben einen Halbmarathon zu laufen. Ich sollte also entspannt sein.

Was bleibt?

Der Blog vom Kölnpfad kommt. Wenn alles gedacht, sortiert und abgeheftet ist. Oder wie ein deutscher HippHopper mal sang: “In einem schwarzen Fotoalbum mit ´nem silbernen Knopf, bewahr´ ich all diese Bilder im Kopf…” Und ich werde berichten, wie es für mich war, diese 110km zu laufen. Doch jetzt werde ich mich erst einmal mehr auf die nächsten tollen und wichtigen Laufmomente konzentrieren. Ich weiß auch nicht, ob das Streak Running mein Endziel ist oder wie lange ich es durchhalte. Ich habe geliefert und ich bin aus dem Tiefsten mit mir zufrieden. Ich habe mir gezeigt, das ich was kann. 

Und während ich die Zeilen so schreibe, kommt so langsam die Glückseligkeit dieses “längsten Laufs meines Lebens” in meinem Kopf an. Ich werde sicher noch einige Male von diesen Gefühlen übermannt werden und die ein oder andere Träne vor Freude über die Wange kullern lassen.

(so wie jetzt gerade…)

Alles neu macht der Juni

Diese Überschrift ist so ziemlich alles, was von meinem eigentlich Blog Post zum Köln Pfad 2018 und zum Streak Running übrig geblieben ist. Als ich das letzte Mal schaute, war ich bei 1100 Wörtern. Hatte mir die Seele frei geschrieben und am Ende kullerten sogar ein paar Tränen. 

Es ist müßig zu fragen, warum die automatische Sicherung nicht funktioniert hat. Ich könnte auch das Laptop aus dem Fenster werfen. Es würde sich nichts ändern…

Ich habe 3h Zeit versenkt. Und trotzdem fühle ich mich befreit, als ob ich dem Wirt an der Theke morgens um Drei mein Leben erzählt hätte.

…fange ich halt von vorne an.

Anders, vielleicht besser. 

Was mich wundert, ist diese Gelassenheit und Ruhe in mir. Ich kenne mich eigentlich ganz anders. Hat vielleicht mit dem zu tun was ich eben dem Wirt erzählt habe.

Gelassenheit ist schon was cooles, das wünsche ich Dir für heute!!!!

Ich geh jetzt erst mal einen Milchshake trinken…

Glück auf

 

Trepp trepp hurra

In dieser hoffentlich kurzweiligen Folge soll es um den Mt. Everest Treppenmarathon #METM im beschaulichen Radebeul bei Dresden gehen, wo seit 14 Jahren die Höhe des Mt. Everests bestiegen wird- und das nicht aus einem 4500m hohen Basislager sondern aus Meeresspiegelhöhe. Gut, die Luft ist deutlich dicker als auf dem realen Gipfel und auch Yetis und tibetanische Gottheiten stellen sich einem bei dem Aufstieg nicht in den Weg. Um diese Höhe in unseren Gefilden zu realisieren benötigt nur einen Bauunternehmer der die Möglichkeit hat, eine Treppe mit 39700 Stufen zu bauen. Jeder Statiker wird jetzt abwinken und jeder Mathematiker wird sagen: dann lauft doch eine Treppe mit 397 Stufen 100x rauf und runter, dann habt ihr es doch schon.

Das dachte sich wohl auch ein gewisser Ulf Kühne der in seiner ursprünglichen Heimat aus dem Küchenfenster sah, die Spitzhaustreppe zwischen idyllischen Weinbergen betrachtete und genau dieses Abenteuer erfand. Und da der Ulf so ein Zahlenjongleur war verlängerte er die Strecke auf ein Maß von gut 84km. Also 84km in der Horizontalen und dabei 8848m in der Vertikalen. Fertig ist der #METM.

2017 hatte ich schon einmal das Vergnügen in einer Dreier Gruppe mit Daniel @endurange und André @andre_No von Twitter diese Besteigung zu wagen. Es war ein tolles Erlebnis, was uns drei mächtig zusammen geschweißt hat.

Wir spielten alle schon mit dem Gedanken der Alleinbesteigung in diesem Jahr, doch hatten wir alle nicht Recht den Mumm es auch durchzuziehen. Wie es aber dann doch passierte ist eine kleine eingeschobene Geschichte wert: Ich weiß es noch genau, das ich auf dem Bett saß und mit dem Laptop spielte und sich das Anmeldefenster zum #METM 2018 erst abends um 22:00 Uhr öffnen würde. Doch um 21:40 Uhr konnte ich warum auch immer schon meinen Namen eintragen. Hm. Ein Klick weiter meine Adresse und weitere Daten. Hmmmmm. “…kann ja nichts schiefgehen” dachte ich mir, ist ja noch nicht 22:00 Uhr. Der nächste Klick dann “VIELEN DANK DAS DU DICH BEIM MT. EVEREST TREPPENMARATHON AM 21.04.2018 ANGEMELDET HAST…” Ach! Du! Sch….e!!! Mir zog es mein Bett unter den Füßen weg und ich meldete mich bei meinen Freunden. Und echte Freunde reagieren selbst in brenzligen Situationen wohl gesonnen und machen genau das Richtige. Keine 10min später waren André und Daniel auch angemeldet….

Die Vorbereitungen gingen ins Land, wir treppten und trainierten hier und dort. André musste auf Grund zu großer beruflicher Belastung leider zurück ziehen, bot sich aber als Supporter an um uns beide den Berg hoch zubringen. Jeder Alleingänger darf und sollte einen Edelhelfer mitbringen, der auf einen Acht gibt, aufpasst das man trinkt und isst, vllt ein bisschen ruht und der Seelenmülleimer sein muss. Meiner war und ist Christian @_Trailtiger, mit dem ich schon häufiger “Blödsinn machen konnte” und den ich bei seinem Versuch des 160km Laufs als Nachtbegleiter unterstützen werde.

Der Tag war gekommen: Christian und ich fuhren am Samstag morgen auf einer mal wieder sehr kurzweiligen Fahrt Richtung Radebeul um unser Camp Bereich herzurichten uns mit vielen alten und ein paar neuen Gesichtern zu treffen und das Briefing um 14:30 Uhr mitzumachen. Nacheinander wurden wir aufgerufen und mussten unsere Teilnahme (oder besser die Vollbeklopptheitsklausel) unterzeichnen und dann ging es um 16:00 Uhr bei traumhaftem Wetter für die Zuschauer los. Die Sonne knallte auf unsere Köpfe, Teile der Strecke waren windstill und der Sandstein der Spitzhaustreppe reflektierte die Wärme wieder nach oben. Meine Überlebenstaktik die ich mir zur Recht gelegt vor Folgende: Ich laufe nicht 100 Runden, sondern ich laufe immer 10 und mache dann eine Pause im Zelt, ich esse und trinke bei jeder Runde etwas um nicht in ein Loch zu fallen und vom unteren Wendepunkt zurück zur ersten Treppenstufe gehe ich anstatt zu laufen so uncool gehen ist. 

Die Sonne bemühte sich leidenschaftlich uns Teilnehmern den Akku so schnell wie möglich zu entleeren. Zum Glück wehte ein angenehmes Lüftchen und mit der Sonnencreme Lichtschutzfaktor 30 sollte auch nicht viel passieren. 

Nach 40 Minuten der erste (unfreiwillige) Boxenstop: durch die Wärme hatte ich in meinen FiveFingers Zehenschuhen so ein feuchtes Klima, das ich Sorge hatte mir schnell Blasen zu laufen.

Mein Edelhelfer Christian zeigte sich beeindruckt von meiner Konstanz. Ich lief immer ähnliche Zeiten. Manchmal hängt man einfach wie 6 LKWs auf der Autobahn hinten dran und kann nicht überholen, weil von oben zu viel Gegenverkehr ist. So schaut man seinem Vordermann oder Frau auf den Allerwertesten oder eben auf die Schuhe. Da ist wirklich alles vertreten: der geneigte Ultraläufer zeigt sich gern mit Hoka OneOne, sehr leichten Schuhen mit übermäßig dicker Sohle. Andere laufen in Salomon Speedcross, die auf harten Boden toll dämpfen, deren Profil nach einem Treppenwettstreit aber wohl glatt sein mögen. Einer lief in weißen Turnschuhen, wohlmöglich aus später DDR Fertigung. Und Kurt Hess, mit 65 Jahren ältester Teilnehmer und Zweitplatzierter über alles (124 Runden in 24h) lief mit zwei unterschiedlichen Schuhen. Er muss es ja wissen…

So verging Runde um Runde, die Sonne ging langsam unter und es kühlte sich auf angenehme Temperaturen ab. Die Nacht sollte trocken und klar werden, war es doch letztes Jahr das Vergnügen teilweise bei Schnee- und Graupelschauern zu laufen. Jetzt sollten also meine Sternstunden kommen. Ralf @ribscher sagte zu mir, wer die Nacht übersteht, hat gute Chancen die 100 Runden voll zu machen. Ich sagte ihm, das ich die Nacht ja lieben würde und er antwortete nur mit einem “wir werden sehen…”. Ich bin schon mehrmals mit dem Trailtiger durch die Nacht gelaufen, habe den #SCHLEM allein in der Nacht bewältigt und freute mich auf dieses Monotone auf und ab in der Nacht. Ich habe mich sogar mehrmals dabei erwischt irgendwelche Lieder zu summen, wenn das passiert ruhe ich in mir.

Über dem Wendepunkt lief eine große Stoppuhr mit dem Countdown zu Sonntag 16:00 Uhr herunter. Das war das einzige, was ich an Zeit wusste. Mir war es schlicht egal, ob es nun 01:45 Uhr, 02:27 Uhr oder wann auch immer war. 10 Runden, dann Pause. Das war der Deal. Die Pausen sahen dann so aus, das Christian genau passend wartete und mich aus dem laufenden Verkehr abholte, mich fragte wie es mir ging und was ich denn gern hätte. Auch da immer das gleiche Prozedere: ich holte mir einen Kaffee, smalltalkte kurz mit den durchweg unglaublich lieben und hilfsbereiten Versorgungshelfern, setzte mich dann ins wohl beheizte Teilnehmerzelt, nahm jeweils 3 Salz- und Magnesiumtabletten, eine herzhafte Brühe mit Nudeln, einen halben Becher Malzbier. Zurück ging es am Versorgungszelt vorbei um noch ein paar Krümel Sandkuchen zu vertilgen. Leider hat meine Pulsuhr mich zweimal im Stich gelassen, aber Ralf sagte mal das dieser Lauf ungefähr 9000-10000 kcal verbraucht (meine Uhr meinte sogar für die gemessene Teilstrecke von 65km sogar 11000 kcal zu bemessen).  Theoretisch könnte man also immer essen. Nur muss es leicht verdaulich sein, Energie bringen und dann auch noch schmecken. Ich habe mich während der 10 Runden immer mal wieder von einer Handvoll salziger Erdnüsse und ein paar Gummibärchen ernährt – man kann das irgendwann nicht mehr sehen. Aber was sein muss, muss sein…

Um die Nacht herum zu bekommen, habe ich mich die ganze Zeit auf das erste Vogelgezwitscher gefreut. Die Piepmätze können gerade im Frühling ja auch laut und nervig sein, aber das ist eine so wunderbare Melodie wenn man irgendwann den Ersten hört. Das ist dann DAS Zeichen, das es bald wieder Tag wird. Und dann war es wirklich soweit: erst Einer, dann viele. Das ist Musik in meinen Ohren gewesen. “Junge noch ´ne halbe Stunde, dann dämmert es (mir).” Und dann ging wirklich am oberen Ende der Spitzhaustreppe wieder das Licht an. Ein so toller Moment…

Viele der TeilnehmerInnen haben nachts auf den super bequemen vom Veranstalter zur Verfügung gestellten Feldbetten mal kurz geschlafen um sich zu erholen. Warum ich das nicht gemacht habe, weiß ich nicht. Irgendwie ging es. Was dieses Mal auch ging war mein Kopf. Der Trailtiger weiß es zu Genüge: wenn ich jammere und hadere bin ich in meinem Element. Diesen Wunsch konnte ich ihm dieses mal nicht erfüllen. Einer der Teilnehmer hüstelte und räusperte sich nachts immer wieder auf Treppe. Normalerweise konzentriere ich mich darauf und finde das irgendwann so nervig das mich alles “ankotzt”. Jetzt aber dachte ich mir nur er macht es ja nicht um mich zu ärgern, sondern weil er ein Problem hat. Ich habe es an einfach als sein persönliches Geräusch wahrgenommen und so wusste ich ob er gerade vor oder hinter mir war.

Als der Tag dann endlich angebrochen war gibt es diesen “lichten” Moment, wo die Straßenbeleuchtung abgeschaltet wird. So etwas kann man dann feiern, wie einen tollen großen Moment und den vollbrachten Beweis, die Nacht überstanden zu haben. 

Man sagt, das man bei Ultraläufen irgendwann nicht mehr denkt, weil es einfach nichts mehr zu denken gibt. Probleme hast du angegangen und entweder eine Lösung gefunden oder halt nicht. Das Gehirn schaltet auf Schongang und so kann ich mich einfach nicht an jede Runde erinnern. Aber es waren immer wieder die tollen Momente die einen gepusht haben: ein Lächeln von den Helfern oder die das Schmunzeln über die eigene Blödheit weil man die in der Hose gebunkerten Erdnüsse bei dem Versuch der Entnahme im Treppe abgehen neben seinen Mund führt und sie kullern zu Boden oder sich mit der Faust so verheddert das man den Taschenbeutel einfach auf links zieht und gar nichts mehr hat. Aber eine Runde später hat man neue Möglichkeiten…

Zum Vormittag gab die Sonne wieder Gas, nur der Wind bleib aus – es wurde merklich wärmer und es sollten laut Wetteraufzeichnung bis zu 24 Grad gewesen sein. Ich war sehr froh über das mitgebrachte weiße Laufshirt und die weiße Mütze, die regelmäßig in das Becken mit den Schwämmen tauchte und mir Kühlung brachte. Irgendein Engel verteilte zwischenzeitlich Eiswürfel. Eiswürfel im Mund und unter der Mütze können ein tolles Gefühl sein…

Als die achtzigste Runde anbrach, kam mir erstmalig das Gefühl auf, dieses Ding wirklich zu rocken, was aber gleichzeitig die Ungeduld heranzieht und mit der Wärme eine gewisse Zähigkeit in den Runden aufkommen lässt, die einen verzweifeln lassen. Es gibt bei Youtube den Filmemacher Billy Yang der mit seiner eindrucksvollen Art Ultraläufe in den USA filmt und selbst läuft. In  seinem Film “The Why” läuft er selbst einen 100 Milen Lauf und sagt bei einer Verpflegungsspause zum Team: “Give me 60 seconds to feel sorry for myself” (16´29″). Dieses Gefühl musste auch bei raus. Ich saß nach 90 Runden in meinem Gartenstuhl, setzte die Brille ab, zog meinen Buff über die Augen und die Tränen kullerten. Eine Runde Selbstmitleid. Der Trailtiger ganz nah, wahrte die Distanz und wartete einfach ab. Nach 90  Sekunden war der Spuk vorbei, ich zog den Buff ab, setzte meine Sonnenbrille wieder auf. Kaffee, Brühe, 3 Salz- und Magnesiumtabletten, ein halber Becher Malzbier und am Versorgungszelt ein paar Kuchenkrümel. Weiter geht es.

Die ersten Läufer kamen mir mit ihren Medaillen und traditionell mit einem Kirschblüten Sträußchen, die sie am unteren Ende von #METM Maskottchen Clara bekommen. Das pusht, das will man auch. Und so wie man diesen Läufern gratuliert und sie abklatscht will man das GENAU SO!! Nur leider ist das Gehirn auf Schongang. Und so habe ich mich mit der letzten Runde vertan und es war meine Vorletzte. Also nochmal alles mobilisieren und die wirklich aller aller allerletzte Runde, die sog. Lächelrunde angehen. Bedanken bei den THWlern die die ganze Nacht aufgepasst haben, bedanken bei Clara, die mir das Sträußchen und die Medaille übergibt. Clara ist übrigens 15 und wohnt mit Ihren Eltern direkt an der Treppe. In den ersten Jahren war sie das Maskottchen in einer Wiege, später dann wohl an der Hand ihre Eltern bei der Medaillenvergabe dabei. Mittlerweile so groß, das sie die Übergabe selbst macht. Viele der Wiederholungstäter kennen sie von klein auf.

Du kommst also mit deiner Medaille die letzten 300 nochwas Stufen hoch, die anderen Teilnehmer gratulieren dir international und oben warten die Zuschauer und deine Freunde und feiern dich. Über die Lautsprecher hörst du Deinen Namen und alle freuen sich. Herz was willst du mehr. Mehr geht wahrscheinlich nicht. Ein unbeschreiblicher Moment. Gut 20h, 39700 Stufen runter, 39700 Stufen hoch, dazu 84km in der Horizontalen. Nicht in Worte zu fassen und wahrscheinlich der Grund für die Wiederholungstäter. Stand heute: ich nicht.

Ich muss mich jetzt erst einmal erholen, Kraft tanken, Emotionen einsortieren und werde wohl noch etwas an Zeit benötigen um dieses Abenteuer zu verarbeiten.

Das hab ich gut gemacht 🙂

 

 

Der SCHLEM 2018

In 5 Tagen ist der SCHLEM, mein Marathon in der Einfahrt. 

Ach je – wo fange ich an, wo höre ich auf. Ich könnte im Vorfeld einen Bericht schreiben und anfertigen, in dem alles super gelaufen ist, Wetter und Teilnehmer waren die wahre Wonne und überhaupt tätowiere ich mir SCHLEM auf die Stirn. Ich könnte auch wahrheitsgemäß schreiben, das die Teilnehmer nicht nur wegen schlechter Organisation und üblem Wetter, sondern mir auch auf den social media Kanälen entfolgt sind und mit mir keiner mehr spielen will.

Oder aber, ich warte es einfach mal ab und erzähle derweil was ein Veranstaltungsrookie so treibt:

Dabei nehme ich mir Beispiele an anderen Laufveranstaltungen und stelle fest: Es gibt bei mir kein einheitliches Logo. So tüfftel ich immer wieder wieder mit unterschiedlichen Schriften, stelle mir vor, wie schön es sein könnte. Caps, Pullis, Rucksäcke, Gürtelschnallen… alles über den Onlineshop erhältlich. Die Realität sieht etwas anders aus. – Ich möchte ein Logo, welches nicht zuletzt meine Art und Weise, meine Denke und Geschmack widerspiegelt. Während die Schriftbilder in jeglichen Gazetten weicher und runder werden, möchte ich eine harte gerade Line. Und endlich ist etwas gefunden! In meinem Hirn erwacht schon der nächste Schritt: Starterbeutel müssen her. Coole Starterbeutel mit tollem Inhalt. Somit entscheide ich mich für wieder verwert- und verwendbare Baumwolltragetaschen auf die ich mit einer Schablone das Logo sprühe. Als ich also die erste Schablone mit einem scharfen Cutter bearbeite, stelle ich fest, dass z.b. das kleingeschriebene “e” in Schlem nicht cut-bar ist. Ähnlich ist es mit “0” und “8” in 2018. Somit fliegen Schablone und Vorlage in den Müll und alles wieder auf Anfang. 

Später dann ist ein neues Logo gefunden, die Probleme minimiert und ich besprühe den ersten Beutel mit Logo.  “Sieht scheisse aus, stolz bin ich trotzdem” – das ist mein erster Gedanke. Ich verfeinere Technik, setze auf Dinge wie Geduld und Muße und komme voran…

Als nächstes müssen all diese Beutel befüllt werden. Da ich die Starterbeutel und den Inhalt auf meine Finanzkappe nehme und nicht über die Startgebühr finanzieren möchte, kann ich mir nur kleine Dinge erlauben. Doch kleine Weingummitütchen, diverse Kosmetika und Energieriegel von einem Drogisten machen sich hervorragend.

Hervorragend macht sich auch meine Frau, die einmal mehr mit Enthusiasmus meinem Projekt und noch mehr Geduld mir gegenüber agiert. DANKE, DANKE, DANKE.

Doch nicht nur die SCHLEM Bastelschmiede kommt langsam auf Touren. Ich habe mich lange gessträubt, eine private Veranstaltung bei Facebook zu posten. Was ist, wenn ich etwas falsch mache und plötzlich 173627192926 Millarden Menschen in der Einfahrt stehen und den SCHLEM laufen wollen…? Mir wird warm und kalt als ich auf den Button “Veranstaltung erstellen” klicke. Aber es scheint alles gut zu gehen.

Ich freue mich wie ein Kind, wenn sich wieder ein Laufverrückter dazu entschließt, teilzunehmen. Mittlerweile bin ich bei 17 “Willigen”. Egal, wieviele wirklich die 238 Runden laufen werden, es ist unfassbar für mich. Und während ich das schreibe, wird mir einfach nur wohlig warm. Wie kann es nur sein, das ein Verrückter schreit und 17 Verrückte schreien zurück. Die VerSCHLEMisierung des Abendlandes,  denke ich mir und grinse. 

Und ich muss auch noch ein kurzes Wort der Teilnehmerschaft loswerden: Ihr seit unglaublich! Unglaublich kreativ, hilfsbereit, ideenreich und geduldig mit mir. Ich kenne zum diesem Zeitpunkt nicht mal alle von Euch, was die Sache noch viel bekloppter macht. Meinen DANK an Euch!!!

Und ich hadere wegen der nicht zu machenden Wetterprognosen hin und her. Vorgestern 8 Grad Sonne, gestern 16 Grad und Regen. In zwei bis drei Tagen werde ich wohl endlich eine gewisse Richtung wissen. Auch wenn ich altklug immer wieder und in jeder Lebenslage Sätze wie: “gescheite Wetterprognosen kann man mit den heutigen Mitteln maximal 3 Tage vorher berechnen…” von mir gebe, kann ja so eine klitzekleine Aktualisierung der Wetter App schon sieben Tage vorher nicht schaden. Um mich noch lächerlicher zu machen, versuche ich mich an Handy und Tablet um doch unterschiedliche Prognosen zu orakeln. Schmarrn ist das!

Moment, ich klick nochmal. Hm…

Beeindruckend finde ich auch folgendes: Ich habe den Fotograf und Mitläufer Jan Garbe gefragt, ob er im Vorfeld noch weitere Bilder von der Location haben möchte. Seine professionelle Antwort, er habe die Adresse gecheckt, ob es Probleme mit  der Flugfreigabe der Drohne gäbe, es wäre aber alles ok. Ja dann…

Toll finde ich auch, das ich im Vorfeld einer noch niemals durchgeführten Veranstaltung mehrfach gefragt wurde ob es die Möglichkeit gäbe, vielleicht 2019 zu starten. Das ehrt mich zutiefst. Das Logo hätte ich… 😉

Ich warte einfach ab und schließe vorerst das Protokoll.

 

In 4 Tagen ist der SCHLEM

Ich habe eben für die Aktiven eine Mail geschrieben und auf die letzten Punkte aufmerksam gemacht.

Nach und nach plätschern Rückmeldungen ein und alle freuen sich. Wie verrückt ist das eigentlich alles: Menschen treffen sich an Ihrem freien Tag um stundenlang  in einer leider immer noch nicht grünen Einfahrt zu laufen. Herrlich!!! Hoffentlich kann ich die Ansprüche die jedeR hat zumindest halbwegs halten…

Wetter -1 bis 11 Grad, trocken, heiter bis wolkig.

Memo an mich: kauf endlich noch Starterbeutel, sonst gibt´s Ärger

 

In 2 Tagen ist der Schlem

Endlich kann ich mit meinen Wetterprognosen so konkret werden, das es vermutlich trocken bleiben wird bei 12 Grad und ein bisschen Sonne

Die letzten Einkäufe sein getätigt und eigentlich sitze ich jetzt nur noch die Zeit ab, bis ich endlich loslegen kann.

 

SCHLEMDAY 🙂

Der Wecker geht um 05:00 Uhr und ich schleiche mich davon. Meine Frau lass ich noch ein wenig Ruhe und Wärme. Mein Tag beginnt damit, das ich mich erst einmal ganz gemütlich neben meine Kaffeemaschine auf die Arbeitsplatte setze und und mir meinen Lieblingskaffee zaubere. Erst dann geht es los:

Anziehen, Mütze auf, Kopflampe auf, Schuppen auf, Partyzeltgestänge zusammen bauen, Plane rüber, ausrichten, verankern, anstrapsen, Bierzeltgarnituren schleppen, Tische aufbauen, Verlängerungskabel für 230V und LAN legen, Musik testen, WLAN testen, WLAN Repeater neu programmieren, Auto wegfahren, die ersten Getränkekisten wuppen, mit der Kaffeemaschine flirten, über den Winter eingesponnene Gartenstühle mit dem Gartenschlauch reinigen, dabei feststellen, dass die Pistole undicht ist, selbst nass werden, fluchen, nachdenken, …

Meine Frau ist mittlerweile aufgestanden und wir checken die Lage und machen weiter. Plötzlich wieder eine gute Idee: endlich weiß ich wo ich die großen Start/ Ziel Banner von geborgt von einem lieben Menschen im Runner´s Point aufhängen kann. Stark! Das macht schon wieder einen besseren Charakter. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, das nicht die großen Aufgaben Zeit fressen, sondern die kleinen Sachen, von denen man hinterher gar nicht mehr weiß, was man alle gemacht hat.

Wir ziehen uns erst einmal zurück und frühstücken gemeinsam. Danach geht es auch schon weiter…

Um 08:45 Uhr wird es endlich ernst: Läufer, Fotograf und Drohnist Jan @jandrea kommt als erster mit Equipment für ein gut sortiertes Foto Geschäft Jan als Profi Fotograf checkt die Lage und baut seine Drohne für erste Bilder auf. “Das Licht wäre gerade so toll…” Bitteschön!!!

Christian, dem Orga vom 6h Lauf in Münster ist auch dabei: in seinem Schlepptau eine riesige digitale 7 Segment Wettkampfuhr, die gleich aufbaue und mich wie ein Kind freue.

Nach und nach tauchen immer mehr StarterInnen auf und endlich sind “wir” komplett. Insgesamt 18 Menschen die verrückt genug sind, dem Ruf des Bekloppten zu folgen. Ich stelle mich auf einen Stuhl und halte eine Rede. Davor hatte ich keinen Bammel, aber es gab Punkte es die ich erwähnen wollte. So sind diverse Augenpaare und Objektive auf mich gerichtet. 

Um Punkt 09:30 Uhr stelle ich mich zu den Startern und wir zählen gemeinsam runter. Jan, der Fotograf hat sich sich passend positioniert. “10, 9, 8, 7, 6, 5” – “STOP” brüllt Jan, irgendwas scheint zu klemmen. Dann grünes Licht: “4, 3, 2, 1” Jubel. Zeitgleich drücke ich per Fernbedienung die Wettkampfuhr auf Start. Der SCHLEM startet. Mein SCHLEM irgendwie, obwohl ich heute das Geschehen von der anderen Seit des VPs sehe. Gemeinsam schicke ich alle auf die ersten Runden und weise während der ersten Runde auf die Tücken und Gefahren hin. Ein großes Hallo folgt mir auf dem Fuße. Nach zwei Runden gehe ich raus und sehe mir das Spektakel genüsslich an. 

Als Race Director (so schimpfe ich mich heute) ist es mein Wunsch allen Gerecht zu werden. Es sollen alle es gut wie möglich haben und die Veranstaltung genießen. Ich habe mir zum Ziel gesetzt mit allen Ausdauersportlern 1-2 Runden zu laufen und ihnen Gesellschaft zu leisten. Und der Knaller: durch die Bank alle sind froh und glücklich, haben Spaß und genießen die Gesellschaft der Gleichgesinnten. Das wird mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Menschen können (so) einfach glücklich sein.

Großes Gekicher und Gequatsche während des Lauf. Alle fühlen sich wohl. 

Die Zeit vergeht für mich wie im Fluge. Aus der Erinnerung heraus habe ich keine wirklich erwähnenswerten Details zu dem was ich so treibe. Abends höre ich von meiner Frau mehrmals, das ich so glücklich und zufrieden ausgehen habe. Ich habe mich auch die ganze Zeit pudelwohl gefühlt, war hier, da und dort. 

Es wird sicher noch einiges zu lesen und zu schreiben geben, diverse Filmemacher, Blogger und Podcaster waren heute dabei, die sich en detail zu diesem Lauf ausleben können. An die möchte ich gerne verweisen. Ich bin sehr gespannt….

Nach gute 4:50 h ist auch der letzte Läufer im Ziel. Ich nenne bewusst keine Statistiken. Hier ist jeder heute Sieger, egal welche Strecke er oder sie gemacht hat!!!! Und Sieger bekommen eine Urkunde, so will es das Gesetz.

Natürlich reden oder posten ihren vermutlich beklopptesten Lauf des Jahres ( Ever?).  

 

 

Liebe Teilnehmer:

Es ist nichts kaputt gegangen – DANKE EUCH DAFÜR

Es gab überhaupt keinen Müll auf der Strecke -DANKE EUCH DAFÜR

Es gab keinen der sich weh getan hat – GUT AUFGEPASST ALLE ZUSAMMEN

Es ist nichts weggekommen – DANKE EUCH DAFÜR

Und 1000x Dank, das Ihr das alles möglich gemacht habt. Ohne Euch wäre das alles nicht machbar gewesen.

So stelle ich mich nach 5.20h wieder auf den Stuhl und halte eine ganz kurze Dankesrede. Und mit dem Einverständniß aller Anwesenden schalte ich die Wettkampfuhr ab – Der SCHLEM ist Geschichte.

Ich bin selig. 

wierklich

Das war toll!!

 

 

Wir stehen noch gemeinsam zusammen und grillen ein paar Würstchen, bevor sich die letzten auf den Weg machen.

Dann heißt es kurz nachdenken, Gartenstühle stapeln, Getränkekisten wuppen, Bierzeltgarnituren wegstellen, Auto holen, Verlängerungskabel zusammen rollen, Partyzelt abbauen und so viele Kleinigkeiten, die man morgens gemacht hat und sich abends wundert, wie viel Zeit das in Anspruch nimmt.

Meine Laufuhr zeigt abends knapp 34000 Schritte und mein Handy etwa 300 Tweets oder Erwähnungen. Geht schon 😉

 

PS. vielleicht tätowiere ich mich doch SCHLEM auf die Stirn.

PPS. und evtl blogge ich irgendwann noch was zum SCHLEM, jetzt ist mein Kopf erst mal müde, leer und k.o. Aber auch, glücklich, zufrieden und ein kleines bisschen stolz. Und bitte nehmt mir nicht übel, das ich euch nicht alle einzeln erwähnt habe. Seht es als großes Ganzes. Ihr wart real dabei.

 

Und ohne dich liebe Barbara als so tolerante und offene Vermieterin, wäre dieses wunderbare Erlebnis nie existent gewesen. Auch Dir meinen Dank! 

 

 

 

 

 

 

 

Der rodGaU – Der richtig ordentlich durchkommen, Gas aufdrehen Ultra 2018

Und Zack, wieder ein Jahr herum. Das ist jetzt schon das dritte Mal, das ich über Rodgau schreibe. 2016 gefinisht auf Ankommen mit 5h 09min, 2017 alle möglichen lieben Leute supportet, insgesamt 37km mal hier mal da gelaufen. Nun sollte der Fokus 2018 wieder auf mich und meinen Lauf stehen. 

Wann mir genau der Gedanke kam, mich auf eine bessere Zeit zu konzentrieren, weiß ich nicht nicht mehr genau. Doch die ersten Erinnerungen dazu habe ich zum Tetraeder Treppenlauf September 2017 in Bottrop, wo ich meinem Laufbuddy Christian @trailtiger davon berichtete. 

Und so studierte ich diverse Ultra Laufpläne, kopierte, formulierte – aber so recht war nichts dabei, was mir recht war. Also schmiedete ich meinen eigenen Plan: Sonntag langsam und lang, Dienstag zügig bis 20km, Donnerstag Intervalle im Stadion, Samstag Lauf ABC und eine kleine Runde hinten dran. Dazu ein paar Stabiübungen während des Zähneputzens und Meditation um mich auf das Ziel zu konzentrieren. Als wichtige Stütze und “Mentaltrainer” holte ich mir Matthias Kunz @derJubelnde (Marathon 2h41min) mit ins Boot, den ich immer wieder fragen konnte und der mir auf seine charmante Art und Weise Ratschläge gab oder mir mit einem Lächeln antwortete.

Im Laufe des Trainings zeigte sich, dass eine Einlaufzeit von 04h30 drin sitzen könnte. Doch da ich meine Hausaufgaben immer fleißig machte – mal wieder den aller größten Dank an meine Frau, die mich hat Sonntag morgens um 04 Uhr 30 aufstehen und laufen lassen und nicht derweil das Schloss der Haustür wechselte – spürte ich, dass auch eine 04h25 oder sogar 04h20 drin sitzen könnte. Und insgeheim spielte ich mit der 04h15, sagte aber keinem mehr was davon, man will ja nicht größenwahnsinnig werden.

Das Rodgau Wochenende war da: Der Trailtiger, Nina und ich übernachteten wie jedes Jahr bei Freunden in einer Nachbargemeinde, fuhren Freitag Abend zur #twitterlauftreff Pastaparty, um viele alte und wieder neue Gesichter zu treffen, zu lachen und zu fachsimpeln. Das ist eines DER Gründe nach Rodgau zu fahren und sicher nicht 10 Runden auf einer an sich langweiligen Laufstrecke zu absolvieren.

Am Morgen fuhren der Trailtiger und ich dann nach Rodgau, die Startnummern abholen und das #twitterlauftreff Basecamp aufzubauen. Ich hektisch, er ruhig. Wir passen sehr gut zusammen 🙂

Schon während des Einreihens in den Startblock verlor ich Christian, traf dafür Gunter @GUracell und Bert @Trailgrip. Freudige Aufregung, dann der Startschuss und wie so oft hingen wir im Verkehr fest. (Memo an mich: man muss einfach mehr Mumm haben und sich weiter vorne einreihen). 

So verlief die erste Runde etwas holprig mit vielen Stop and Gos, in der zweiten Runde hatten wir uns etwas freigestrampelt und auch der Trailtiger fand sich ein. Die Herren GU und Tiger wollten es wohl wissen und so ließ sich Bert schnell zurückfallen. ich blieb tapfer dran. 

In Runde 4 und 5 gab es keine besonderen Vorkommnisse, an die ich mich en detail erinnere.

In Runde 6 zündeten dann Christian und Gunter ihre Geheimwaffe. Worauf mich niemand vorbereitet hatte und mir mental zusetzte war die Tatsache, dass die beiden anfingen sich ultraflache- und schlechte Kanibalenwitze zu erzählen. Darauf konnte ich einfach nicht wechseln, beide lachten, ich war mal wieder genervt. Ich ließ mich etwas zurückfallen, blieb aber in Sichtweite und ließ sie  ca 30m vor mir laufen.

In der siebten Runde zog Christian dann einer programmierten Maschine gleich seine 5nMin. Runde, Gunter ließ sich am Verpflegungspunkt hinter mir zurück fallen und so war ich mit mir alleine und kämpfte mich durch die Runden. Mein Mantra war eine Ausspruch von Geordie @vienarunning: Wenn es nicht weh tät, könnte es ja jeder.  Ja dann…

Die Oberschenkel machten zu und die linke Wade meldete ein Fröhliches: “Noch einen Schritt schneller und ich bekomme einen Krampf. Noch einen Schritt schneller und ich bekomme einen Krampf. Noch einen Schritt …” JAHAAA, ich hab es verstanden. “Noch einen Sch..!” HALT ENDLICH DIE KLAPPE!!! 

Mein Kopf hatte endlich wieder was zu tun. So biss und kämpfte ich mich durch die Runde acht.

Runde 9 bei Km42 folgender kleiner Dialog:

Körper “Klasse, dann sind wir ja gleich fertig.”

Kopf: “Hä? Wieso?”

Körper: “Wir laufen doch einen Marathon!” 

Kopf: “Wer sagt denn sowas? Wir laufen hier Ultra, also 50km. Nicht 42,195km!”

Körper: “Nö, davon weiß ich nichts, also ich bleibe an der Marathonmarkierung einfach stehen. Das reicht mir für heute…”

Kopf: “Wenn Ihr das macht, dann ist aber wirklich was los hier!!!”

Körper nörgelt…

So ungefähr waren die Gespräche in mir. Alle Übungen vorab, ich sollte an etwas schönes denken, ich sollte ruhig atmen, ich sollte an nichts denken verpufften in den kleinen Spielchen in mir.

Ich war dankbar, als endlich die letzte Runde anbrach, konnte mich gedanklich vom VP, von den DJs und der Strecke verabschieden. Und so rumpelte ich nach 04h 20min 05sek ins Ziel.

MEIN PLAN WAR AUFGEGANGEN. MEGA GLÜCKLICH UND ZUFRIEDEN!!!!!!!

Vollkommen k.o. lehnte ich mich an einen Baumstumpf, kurze Zeit später hörte ich auch schon wieder die sorgsame und vertraute Stimme von Christian, der mir eine Decke reichte und einfach nur da war. TIGER, du bist der Größte. Danke dafür!!!! 

Im Nachhinein ist man ja immer schlauer: die 5 sek nerven mich ein bisschen: 1 mal  Pipi machen weniger, ein Becher Cola weniger nachschenken, die bescheuerten Gels, die nicht aus der Tasche kamen und für die ich stehen bleiben musste, der zu eng geschnürte rechte Schuh, den ich nachschnüren musste, gedankenlose Bummelei, der Stau zu Anfang. Irgendwo habe ich diese blöden 5-6 sek verloren, sonst hätte ich eine 4h:19min:59sek. Damit muss ich leben. Ärgern tut es mich trotzdem… 

UND DOCH: ICH BIN STOLZ WIE BOLLE.  Das kann und das schafft nicht jeder. Alles richtig gemacht! Dauergrinsemodus ist aktiviert.

Tschüss, bis nächstes Jahr mein Rodgau…

 

Epliog 1:

Whats App Dialog zwischen Matthias Kunz (MK) und mir:

MK: “Suuuuuper! ich freue mich soooo sehr für dich 🙂 🙂 🙂 🙂 🙂 :-)”

Ich: “Danke Dir. Es war brutal. ich habe nichts von dem angewendet was du mir gesagt hast. Alles vergessen!”

MK: “So geht es mir auch immer ;-)”

 

Epilog 2

Isabell @Laufspatz ist letztes Jahr 4h21min gelaufen und ich sagte ihr, das wäre ja unmenschlich. Keiner könnte das. Tja… Dieses Jahr ist sie 3h53min gelaufen. Und das ist ja unmenschlich. Keiner kann das!

 

 

#Kreuzberg50 – ein magisches Wochenende

Nach so einem intensiven, positiven Erlebniswochenende, sind die Bruchlandungen in der Alltagswelt fast schon vorprogrammiert. Nichtsdestotrotz wo soll ich meine Geschichte beginnen und was sollte alles rein?

Eigentlich ist die Story zum #Kreuzberg50 schon über ein Jahr alt: da will Flo @Suppenkelle in Eigeninitiative einen 50km langen Traillauf privat organisieren und lädt dazu Menschen aus seinem social media Umfeld ein, die quasi als Prototypen dieses Event erleben sollen, auf das sich diese Veranstaltung mittelfristig als kleiner feiner Lauf etablieren möge. Und dann zerreißt es diesen Herren kurz vor knapp gesundheitlich so dermaßen, das die Veranstaltung abgesagt und 2017 neu angeschoben wird…

Und nun sitze ich hier, keine 48h später nach einem absolut grandiosem Wochenende und versuche meine Erlebnisse in Worte zu fassen. 

T -7 Tage: Ich freue mich wie ein kleines Kind auf das #Kreuzberg50 Wochenende, voller positiver Energie – gerade aus dem Urlaub kommend.

T-5 Tage: meine mich begleitende Frau unterbreitet mir Bedenken, ob ihr Mitkommen wirklich richtig und sinnvoll sei.

T-3 Tage: meine mich nicht mehr begleitende Frau unterbreitet mir, doch mit kommen zu wollen, egal was komme.

T-1 Tag: Wir reisen also Samstag morgen ab Richtung Kronach, sammeln noch kurzfristig den hier schon häufig erwähnten Christian @_Trailtiger ein und so fahren wir gemeinsam ins Fränkische. Gegen 16:20 Uhr stürmen wir den lokalen Supermarkt und kaufen noch ein paar Kleinigkeiten für die beste pastalose Pasta Party des Jahres ein. Einer der Running Gags (ha ha) etabliert sich mit dem sympathischen fränngischen: “Sammelt Sie Dreuebungte?” Welch lustiges Völkchen diese Franken doch sind…

Wir checken noch kurz im Hotel ein und starten zum Treffpunkt: Eine  ausgeräumte Scheune, die von Flos wohlmöglichen Schwiegereltern in Spe, oder der Einfachheit halber, des “Flos Freundin Franzi der ihre Eltern” zur Verfügung gestellten Räumlichkeit. Ein so großes und herzliches Hallo aller Beteiligten und Anhänge habe ich selten erlebt: es war einfach großartig wie sich diese Filterblase von Laufverückten mehrmals im Jahr aus ihren social media Kokons wagt und sich und das (Lauf-) Leben feiert. Neben Bier (Frankenstoff) vom Fass und Gegrilltem, gab es gute Laune und tolle Gespräche. Und mittendrin Franzis Eltern, die wie Heinzelmännchen im Hintergrund die Fäden zusammen halten und augenscheinlich selbst erstaunt sind von dem ganzen Trubel.

Dann das obligatorische Briefing, durch den angekündigten Sturm ist der Start des Laufs am Sonntag von 06:00 Uhr auf 08:00 Uhr verlegt. 

Wir verlegten unsere Körper auch relativ frühzeitig ins Hotel, etwas müde von Fahrerei und Aufregung.

T-4h. Sturm Herwart wütet draußen vor dem Fenster, das Rollo klappert, der Regen kommt von von allen Seiten, nur nicht von oben. ich verkrieche mich weiter unter die Bettdecke, kann aber nicht wirklich tief schlafen – Wettkampfmodus.

T -1h: welcher Vollidiot, denke ich mir, stellt den Wecker so knapp vor ein Rennen. Hektik kommt auf, auschecken müssen wir auch noch und dann rasen wir mit selbst verordneten Sonderrechten durch das noch verschlafene Kronach zum Start. Herwart hat sich zwischenzeitlich überlegt einen Gang rauszunehmen, es klart sogar ein wenig auf.

T -10min: die ersten Teilnehmer sammeln sich zum obligatorischen Gruppenfoto, Christian und ich “frickeln” unsere Startnummern noch an uns bzw. das Startnummernband.

T-7min: Aufstellung zum Gruppenfoto: 1 Hund, eine Dame und 15 Herren posieren glücklich und freudestrahlend in die Objektive der internationalen Presse.

Dann endlich der Start: Wir laufen gemeinsam los, folgen Flo, der uns “seine” Strecke mit all seinen Widrigkeiten und Schönheiten zeigt. Das Feld zieht sich schnell in die Länge, nach 3km sammeln wir uns wieder: einer fehlt! Daniel @endurange knickt nach 2km um und holt sich eine Außenbandruptur des Fußgelenks und humpelt zurück. Augenzeugen berichten später, das der sonst so redselige quirlige Kerl über eine halbe Stunde ohne jegliche Regung ein Loch in die Wand starrt…

Wir aber laufen weiter, steile Anstiege, seifige und durchgefurchte Wiesen, lange Anstiege, die zu steil zum laufen aber zu flach zum gehen sind, knöcheltiefe Seenlandschaften nicht zu vergessen. Am Basecamp werden wir von unseren Freunden und Angehörigen bestens verpflegt. Runde 1 ist durch.

Es bilden sich kleine Gruppen und so laufen Christian und ich gemeinsam in die nächste Runde. An einer der Anhöhen läuft Chris Herzog @chrshrzg zu uns auf, den ich lachend mit einem: “Tschsch Tschsch! Geh weg! Wir wollen dich nicht” vertreibe. Der Trailtiger kommt aus dem lachen nicht mehr raus, ich aber entschuldige mich schnell bei Chris und wir lachen gemeinsam. Die beiden harmonieren heute toll, ich muss zusehen, das ich dran bleibe. Während ich mich quäle, scherzen die beiden und gehen mir mit ihrer Lockerheit zunehmend auf die Nerven. Am Basecamp steht der Hausherr mit einem Lächeln am Gartentörchen, macht uns auf und empfängt uns warmherzig. Wir werden wir von unseren Freunden und Angehörigen bestens verpflegt und umsorgt. Runde 2 ist durch.

Die nächste Runde starte ich allein, bin nicht wirklich zu Späßen aufgelegt und will meine Ruhe haben. Ich acker mich voran, sehe die beiden Christians weit hinter mir, ich muss mich sputen das sie mich nicht einho – RUMMS da liege ich auch schon im Dreck! Schnell rappel ich mich wieder auf, das Malheur hat weiter Sekunden gekostet. Da sind sie wieder! Gut gelaunt quatschend sind sie da, überholen mich, nerven mich. Einerseits will ich dran bleiben, andererseits geht mir die Laune dieser Spaßvögel auf die Nerven und raubt mir Kraft. Ich lasse die Christians ziehen. Knicke zwischenzeitlich im Acker um, rappel mich wieder auf und beiße. Mein Kopf hat endlich was gefunden um den Körper zu bearbeiten. Doch am Basecamp steht der Hausherr  weiter mit einem Lächeln am Gartentörchen, macht uns auf und empfängt uns warmherzig. Wir werden wir von unseren Freunden und Angehörigen bestens verpflegt, umsorgt und aufgepäppelt. Der Trailtiger empfängt mich mit offen Armen, ich bleibe einige Sekunden umarmt an ihm stehen. Wir sind keine Konkurrenz, wir sind Freunde, die sich zu schätzen wissen und uns gegenseitig fordern aber auch fördern. Meine Frau hingegen sorgt sich sich, mein Körper ist schwach und meine Augen leer. Und das nach 30km – das hatte ich mir auch anders vorgestellt. Der Hausherr entlässt mich wieder. Einfach klasse.

Die vierte Runde bleibt mir als Ätzrunde in Erinnerung. Die beiden Christians sind vor mir, hinter mir, ich weiß es nicht. Zwei mal knicke um, schreie auf, und verfluche Himmel und Erde lauthals. Wie schön, sowas ist nur im kaum besiedelten Kronacher Umland möglich. Ich gehe viel. Laufe abwechselnd. Ich ackere mich durch die Runde, jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Was hab ich denn nur getan? Aber dann hat das Schicksal ein Einsehen, denn der schon früher ausgestiegene Sascha @trailrunnersdog läuft mir die letzten Meter entgegen und begleitet mich ins Basecamp, wo wen wundert es ein sichtlich gut gelaunter Hausherr das Gartentörchen für seine Gäste öffnet und ich von unseren Freunden und Angehörigen bestens verpflegt, umsorgt, aufgepäppelt und verwöhnt werde. Der Hausherr entlässt mich mit einem Lächeln.

Die letzte Runde starte ich durch: nicht mit kenianischer Pace sondern mit der Genugtuung mich von den Teilabschnitten zu verabschieden. Oben angekommen zeige ich der langen Steigung wahrlich den Mittelfinger, winke dem Segelflugterminal zu, grinse den Stein an, über den ich gefallen bin und freue mich einfach nur auf den Hausherren und sein Gartentörchen. Ich habe keine Ahnung, wie viele Teilnehmer noch im Rennen sind, wo, wer… So langsam habe ich wieder Spaß und denke sogar über eine weiter Runde nach. Den Tiefpunkt überstanden, bin ich jetzt im Kilometerfresser Modus. Wie schnell oder langsam – egal. Die letzten 300 m läuft Sascha wieder mit, erklärt mir das alle auf mich warten. Ich stutze. Ich bin der Letzte? Nein, er korrigiert mich: ich bin einer von Vieren, die überhaupt die 5 Runden durchgelaufen sind. Wahnsinn!!! Ich freue mich wie doof, als alle im Gartentörchen stehen und mir zujubeln und mich beklatschen. Das hat sich wie ein Tattoo in meinem Gehirn. genagelt. Sollte ich einmal auf einer Laufstrecke untergehen, werden ich mich an diesen magischen Moment erinnern. Nach 6h 32min bin ich endlich im Ziel. Ein Denis und 3 Christians. Krasses Ding. Ich habe viel gelernt über mich.

Wir feiern noch ein bisschen, gerädert geh ich duschen und lasse mir den Dreck von der Haut waschen. Ich bin für mich und grinse…

 

Epilog:

Mein besonderer Dank geht an Flo, Franzi und Franzis Eltern. Ich habe an diesem Wochenende soviel Menschlichheit, Höflichkeit, Freundlichkeit, Repekt und Wärme erfahren. Ihr wart toll.

Mein Dank geht aber auch an den Rest der Bande: ohne euch wäre das ein verregnetes langweiliges Sturmwochenende geworden. Grau in grau. Dadurch aber wurde es unglaublich bunt und herzlich. Ich würde es jederzeit wieder tun. Und ich weiß: Ihr auch. Also bis 2018…

Und: Danke Dir Nina, das du dich eingelassen hast, dieses Spektakel mitzuerleben :-*

 

 

 

 

Operation Wolfgangseelauf

Mein Kopf ist voll mit Emotionen, Bildern, Adrenalin und ich liege wach. Nicht zuletzt als Memo und Ventil dient dieser Blog.

Wo fängt also diese Operation Wolfgangseelauf genau an? Und was ist genau der Wolfgangseelauf?

Ich lasse nach spontaner Buchung einer Ferienwohnung im Salzkammergut via Twitter Direktnachrichten bei meinen österreichischen Lauffreunden durchsickern, das ich in ihrem Land bin und prompt meldet sich der Gunter @GUracell, das ich ja mit ihm einmal Intervalle laufen könnte oder noch vielleicht besser einmal um den Wolfgangsse, bei dem er gemeldet sei. Er macht mir da schon den Mund wässrig, wie toll dieser 27km lange Lauf wäre.

Nach Rücksprache mit meiner Frau (Danke dafür 🙂 )melde auch ich mich an. Was soll schon sein: 27km um den See. Klingt flach und schön.

Die Tage gehen ins Land und wir fahren endlich Richtung Salzkammergut. Die vermutlich  ultimativ beste Woche dieses Herbstes erwischen wir und es strahlt uns die Sonne die ganze Zeit über fröhlich an. Der goldene Herbst, dieses kitschig romantisch daher Gesagte, wird hier Wirklichkeit. Der blaue Himmel und die Berge, die Seen und die Eindrücke machen diese Woche zu etwas ganz besonderem.

Am Donnerstag laufe ich morgens um 6 Uhr mit Stirnlampe und elektronischen Track auf dem Handy los und erkunde unsere Gegend. Steil und verwurzelt geht es einen Kamm hoch bis auf 1350m. Mit Gipfelkreuz. “Mein” Gipfelkreuz. Auf der anderen Seite geht es die steileren und losen Geröllmassen wieder ins Tal. Welch ein Abenteuer. Später am Tag lese ich über diese Strecke in einem Guide: Ideal für Kinder… 

Am Samstag treffen wir uns noch mit Chrstian @alpinextreme und seiner Frau Babsi @running_kitty im Kaffee Klimt am Attersee. Dort hat der berühmte Maler das Bild “der Kuss” gestaltet, werden wir aufgeklärt. Wir genießen die Stunden, lachen viel und meine persönliche Pastaparty ist ein Teller Kaiserschmarrn, den ich nur mit Hilfe meiner Frau auf bekomme. Christian brieft mich noch bezüglich Wolfgangseelauf: Es ginge durch den Ort, nach ca. 3km dann den steilen Falkenstein hoch. Steil denke ich – wenn man so wie er 1h 45min für die 27km benötigt, dann wird der Falkenstein steil sein. Naja… Auf der anderen Seit dann wieder runter, um dann die restlichen 21 malerischen Km zu nehmen. Ich bin sehr gespannt!

Sonntag morgen das übliche Race Prozedere, treffen wir uns dann etwas zu früh mit Gunter in St. Wolfgang. Er ist in der Tat alter Fuchs und erklärt uns vieles über den Ort und mir insbesondere über den Lauf. Bei noch kühlen 7 Grad warten wir an einem Fleckchen in der Sonne, das es losgeht. Er erklärt: Wenn die ersten Männer und Frauen den Falkenstein oben erreicht haben, ertönen Böllerschüsse, das ist so in der 46 Jahre dauernden Veranstaltung so entstanden. 

Wir laufen uns warm, Gunter zeigt mir ein paar Ecken vom Ort und es geht eine Rampe zum See runter. Ich höre ihn sagen: so ist der Falkenstein, vielleicht noch steiler. Ich stutze. Kann ja nicht, ist ja ein Lauf um den See…

10:34Uhr – mein Block startet und wir laufen durch den Ort. Vorgenommenes Zeitziel zwischen 2h 15min und 2h 30min. Im Nachhinein so naiv eine Zeitvorgabe aufzustellen die auf der flachen Straße funktioniert. Blauäuig, aber so lernt man nie aus…

Ich lasse den 02:29:59 Pacemaker noch im Ort hinter mir und kurz vor dem Falkenstein höre ich die Böllerschüsse. Die scheinen noch gar nicht so weit gekommen zu sein. Ein Witz!!! Denn was jetzt kommt lässt jeden gut trainierten Hermannslauf Routinier erschaudern: es geht ca 1,5km einfach bergauf, wie eine Wand. Schnell komme ich ins gehen, will nicht überpacen. Die Schuhe rutschen durch, um mich herum wird geschnauft. Es wird stiller unter uns. Am Ende sehe endlich das Flachstück, da ist also oben. 

Falsch! Da ist die Kehrtwende hoch, jetzt geht es richtig “zünftig” zu. Das ist wirklich beeindruckend, was dort abgeht. Wir quälen uns stillschweigend hoch und irgendwann oben angekommen geht es auf der anderen Seite genauso wieder herunter. Menschen rasen an mir vorbei, meist deutlichst unerfahrene Trailläufer die ohne Sinn und Verstand auf dem Laub den Berg runter laufen ohne zu wissen was unter ihnen ist. Ich halte mich bedeckt, jetzt nichts riskieren. Die Bergwacht an disponierten Stellen wartend, fängt dort so manchen auf, der doch den Schotter geküsst hat.

Unten wieder angekommen sehe ich die Markierung 6km. Jetzt beginnt der restliche Halbmarathon. Ich versuche meinen Puls und meine Oberschenkel wieder in den Griff zu bekommen. Die Strecke führt teilweise direkt am See entlang, so schön, so malerisch. es ist wirklich ein wunderschöner Lauf. Du kannst schauen und du findest immer wieder neue Eindrücke. Einheimische klatschen, Asiaten filmen… Alles wie immer!

Ungefähr bei km 13 überholt mich der zweieinhalb Stunden Pacemaker wieder mit seinem laufenden Anhang. Ich muss ihn ziehen lassen, kann das Tempo nicht halten. Da geht sie hin meine Mindestzeit, ich komme also noch langsamer ins Ziel als ich wollte.

Aber irgendwie reiße ich mich zusammen: dem See kaum Blicke schuldend, hänge ich mich an andere Läufer und Läuferinnen die etwas schneller sind als ich und so kann ich wieder langsam zum Pacemaker aufschließen. An den VPs stoppe ich jetzt immer kurz, ich halte es für besser: gescheit Wasser oder Iso aufzunehmen als es schwappend in mein Gesicht zu kippen. Wieder ist der Pacer weiter weg. Mich überholen zwei Jungs mit “Transalpin2017” TShirts. Wenn die es nicht können, dann keiner denke ich mir und hänge mich dran. Und wirklich: bei km 22 bin ich wieder dran. Mein Tempo und meine Atmung haben sich stabilisiert, die Pace ist gerade richtig angenehm. Es läuft und macht Bock. Ich merke die Pace gar nicht und ziehe bei km 24 an ihnen vorbei um noch ein paar Sekunden gut zu machen. 

Im Ort selbst ist ordentlich was los: der Zieleinlauf ist gesäumt von jubelnden Menschen, die enge Gasse voll, der Schall sammelt sich zwischen den Häusern und ich erreiche in 02:24:34 mein Ziel. Wahnsinn! Ich freue mich so sehr, einmal wieder einen Lauf mit einer strammen Zeit abgeliefert zu haben, ohne spezifisches Seelauftraining.

Ich treffe Gunter wieder und auch meine Frau und wir analysieren gemeinsam den Lauf und die Strecke, während meine Frau tolle Fotos von Start und Ziel von uns beiden zeigt.

Der Tag geht in die vierzehnte Stunde, aufbrechen wollen wir alle nicht. Die Sonne, der See, die Emotionen. Wir sind so aufgeladen von alledem, doch leider ist unsere Urlaubszeit vorbei und wir haben noch 850km vor uns. Also verabschieden wir und voneinander und fahren heim. Mit Bildern des Urlaubs und des Laufs. Es war eine fantastische Woche!!

Danke Gunter, das du mich ermutigt hast beim Wolfgangseelauf mitzumachen. Danke für deine Erklärungen und die tollen Gespräche. Es war famos!

Meine Frau und ich werden wohl noch lange an diese gute Zeit denken. Gerade wenn sich der Herbst von seiner nassen und dunklen Zeit zeigen wird, kann man im tiefsten Inneren ein Fenster öffnen und das goldene Herbstlaub wieder leuchten lassen. DAS nimmt uns keiner. Danke Salzkammgut, es war mir ein Fest!

 

… und die wunderschön gestaltete zweifarbige Medaille an gelben Band nimmt mir auch keiner.

 

Learning by doing – Der ERWEL

Der Emsradweg ERW ist ein Fernradweg von 375km Länge beginnend in Hövelhof in der Senne und endend in Emden, wo die Ems dann in die Nordsee fließt. 

Was wäre also, wenn man den ERW nicht mit einem Fahrrad und Muskel- oder Elektrokraft sondern per pedes erläuft oder erwandert…?

Wie lange sich diese Idee wohl schon in meinem Kopf aufhält musste ich selbst schmunzelnd erfahren, nachdem ich im Internet gesurft habe und recherchierte, ob es schon jemand vorgemacht hat. Dabei stieß ich in einem Unterpunkt eines Radforums auf einen Eintrag aus dem Jahr 2014, bei dem ein gewisser Chrissi1 genau diese Frage stellte. Spannend las ich seine Beiträge und die etwas misslungenen Antworten der Forumsteilnehmer. Und so langsam graute es mir: Chrissi1 war ich selbst :-). Verdrängt durch Antworten “warum sollte man das tun etc…” betrat ich das Forum nicht mehr und vergaß. Das Internet vergisst allerdings nicht und so weiß ich jetzt das die Idee aus dem Jahr 2014 stammt…

Irgendwann in Frühjahr 2017 grub ich also die Idee wieder aus und plante und formte an den Basics. Große Dinge der Welt brauchen ein Schlagwort oder neudeutsch Hashtag unter dem alles vereint wird. Und so war #ERWEL17 (Ems Rad Weg Etappen Lauf 2017) geboren.

Ich experimentierte zunächst mit dem Equipment welches ich mittlerweile über die Laufjahre zusammen gesammelt hatte. Unter anderem einen 25l Deuter Bike Rucksack mit spezieller Zirkulation im Rückenteil. Gefüllt mit ca. 5kg Gewicht lief ich los. 1,8km! weiter brach ich das Experiment ab.  Ein schmerzendes und brennendes Gefühl machte sich auf den Schulterblättern breit. Der Blick im Spiegel verriet Wundstellen. Krass! Nach nicht mal 2km war mein Rücken k.o. Fein, dachte ich mir: brauche ich wohl einen neuen Rucksack. Nichts ist schöner neues Equipment zu kaufen wenn es einen wirklichen Grund dafür gibt. Später wurde ich bei Salomon mit dem Peak 20 fündig…

Nächster wichtiger Punkt war die Überlegung der Bleibe: Möglichkeit 1 ein Tarp (ein Zelt ohne Boden verspannt zwischen 2 Bäumen oder auf Trailstöcken) oder Möglichkeit 2 ein Bivy (ein wetterfester Schlafsacküberzug). Ich habe mich länger mit der Möglichkeit eines Tarps beschäftigt und in der Folge aus Neugier und Wissenshunger ein Tarp selbst genäht und darunter im Garten übernachtet. Letztlich habe ich mich aber doch aus Gewichtsgründen für ein Bivy von Millet entschieden. Als Isomatte kam nur die Thermarest Zlite in Frage. Unkaputtbar gegen Glut, Dornen etc. hat sie sich bei mir etabliert. Feintuning blieb dann bei den restlichen Sachen wie Pro/contra Kocher, Powerbank, Ersatzklamotten etc. Wer da Fragen hat, kann sich gerne melden…

Meine Ausrüstung komplett inkl. diverser Riegel und 1,5l Wasser lag dann bei 6200gr. Ob das viel oder wenig ist muss ein jeder selbst beurteilen. Leichter geht immer habe ich gelernt. Besonders leicht wird dabei das Portemonnaie.

Und dann kam endlich der Tag der Tage: der Schnupperkurs #ERWEL17 begann. Meine Frau setzte mich nachmittags in Telgte (dem nächsten Punkt der Ems zu unserem Heim) ab. Die Sonne und das Wetter konnten nicht besser sein und so war ich auf mich gestellt. Wow!!! Ich setzte mich erst einmal auf eine Bank, atmete tief durch und sammelte mich. Jetzt sollte es also losgehen! Die ersten Meter wandernd, schaltete ich irgendwann auf Laufschritt um. In Ultralauf Tempo ging es langsam stadtauswärts und ich genoss die Freiheit.

Erstes wirkliches Highlight (so ein “da wollte ich schon immer mal hin!”) war die Kanalüberführung der Ems. Unten Ems, oben drüber im rechten Winkel der Dortmund Ems Kanal. Man kann quasi unter dem Kanal herschauen und die Ems sehen, Wahnsinn dass das immer so geht, hält und funktioniert.

Gegen Abend kam ich dann 26km später in Greven an. Als Unwissender hatte ich mir zu wenig bzw. zu spät Gedanken über meine nächtliche Bleibe gemacht und mehr und mehr übermannte mich die Dunkelheit. Als ich einen tolles Plätzchen gefunden hatte stellte ich fest, das es eine Zufahrt zum örtlichen Golfplatz war. Schmuntzelnd stellte ich mir vor, wie mich morgens ein älterer Herr in Bonbon farbigen Carohosen in seinem Caddy aufgegriffen und mir mit seinem Eisen3 Schläger Beine machen würde. Hier konnte ich also auch nicht bleiben. Letztlich fand ich eine Stelle an einem Maisfeld, halbwegs Sicht geschützt. Aber! neben einem leckeren Apfelbaum. Ich baute mein Nachtlager auf und schlief bald ein. Es war eine unruhige Nacht. Bei jedem Rascheln lauschte ich und wartete darauf ob eine Wildschwein Rotte meinen Weg kreuzen würde…

Ich überlebte. Der Sonnenaufgang war toll und ich kochte mir einen Kaffee auf meinem Esbitkocher. Hmmmm. Die Edelstahltasse war so knall heiß das ich mir gleich mal die Lippen verbrannte. Jetzt war ich wach! Ich packte meine Sachen zusammen und machte mich bald auf den Weg zum erstbesten Supermarkt. Frühstück im Backshop und Getränke bunkern. Dann ging es auch endlich los.

Einen erlebnisreichen Ort erreichte dann mit dem sog. Sachsenhof. Eine Rekonstruktion eines Hofplatzes aus dem 6. – 8. Jhd n. C. mit einem unglaublichen schönen Kräuter- und Nutzpflanzgarten. Hier wächst u.a. Hirse, Linsen, Buchweizen und Emmer. Endlich konnte ich mal die Pflanzen die sehen die teilweise morgens im Müsli habe. Aus Ton gebaute Öfen, Schmiedestellen, Webhäuser uvm. rundeten das Bild ab. Toll!

Auf dem Weg zur nächsten Ort nach Emsdetten durchquerte ich eine wunderschöne zugewachsene Hügellandschaft mit vielen Kiefern. Auf einem Schild war zu lesen, das ich mich auf Binnendünen befände. Sand, die der Wind am Ende der Eiszeit vor ca 10.000 Jahren hier her gepustet hatte, hatte Dünen von bis zu 20m Höhe aufgetürmt. Warum also ans Meer fahren, wenn das Schöne ist so nah. 

In Emsdetten selbst sprach mich eine Frau an, die wohl beobachtete, wie ich etwas hilflos auf mein Telefon starrte. Sie erklärte mir, das ich gerade in Emsdetten wär (aha!) aber viel wichtiger, wo der nächste Supermarkt zum Wasser auffüllen wäre. Sehr freundlich von ihr.

Den Emsradweg Organisatoren muss ich hier einmal ein großes Kompliment machen. Toll ausgeschildert mit einem ineinander verschachtelten “E” kann man sich auf dem Emsradweg auch quasi ohne Karte oder Navi nicht verlaufen. Ich schon! In Träumer Modus hatte ich eine Abbiegung verpasst und war vom Weg abgekommen. Zum Glück gibt es die Karte in Offline Modus als App fürs Handy. Diese hatte ich mir schon vorab runter geladen und konnte den nächsten Wiedereinstieg finden. 

Ich hatte mir in meiner Fantasie ausgemalt, wie ich an der Ems entlang laufe und immer wieder den Fluss sehe. In der Realität ist das (zumindest auf meinem Teilstück) eher weniger der Fall. Man läuft vielfach landwirtschaftliche Wege gesäumt von hoch stehendem Mais und tollen westfälischen Höfen. 

Auf dem Weg nach Rheine fing es dann an zu regnen. Ich schlug mich in einen Wald, schaltete das Handy vom stromsparenden Flugmodus in den normalen Betrieb und schaute in einer Wetter App. 30min. sollte es dauern. Ich setzte mich auf meinen Isomatte und kochte mir einen Tee. Der Becher war heiß, das wusste ich jetzt und so stand der Becher Tee vor mir und kühlte erst mal wieder ab. Tee kochen und dann nicht trinken – kann ich. Und auch über die linke Wade kippen. Autschi…

Ich juckelte weiter. Mal laufend mal marschierend kam ich Reine immer näher. Dort angekommen kaufte ich neues Wasser im DM und zwei ca. 12 Jahre  alte Jungs beobachteten mich, wie ich aus allen möglichen Rucksacköffnungen Flaschen rausholte, umfüllte und mischte. Dann gab es Eis. Eis kann nie schaden, NIE!

Mein Wunschziel innerhalb dieses “Ausflugs” war es die niedersächsische Landesgrenze zu erreichen. Als Zielpunkt setzte ich mir also Salzbergen. Weitere 11km Strecke, würde ich also heute die 50km voll machen… Etwas schlecht in Gänge kommend kam ich an der Klosteranlage Bentlage vorbei. Ich stellte mir vor wie dicke Mönche mir bemitleidenswerten Rastlosen ein Mahl mit Klößen und Braten reichen würden. Ich wartete. Und wartete. Aber nichts. Es kam weder Mönch noch Braten. Statt dessen die Information dass das Kloster ein Kulturportal sei. Mist!!

Auf dem Weg nach Salzbergen haben die findigen Gastronomen immer wieder Schilder aufgestellt: “Hunger? Noch 5,6km bis in unsere gemütliche Altstadt.” Oder “Lust auf Kuchen? Noch 4,2km bis in unsere gemütliche Altstadt”. Das ist eine Frechheit. Wenn man den ganzen Tag von energiereichen Riegel und Iso Getränken lebt ist das Folter pur…

2,7km vor Salzbergen fand ich eine gemauerte Schutzhütte die mein Nachtlager sein sollte. Ich merkte mir die Stelle genau, hier könnte ich bleiben… Weiter Richtung Ortskern kam ich an einem Sole-Pumpenhäuschen vorbei – daher hat Salzbergen wohl seinen Namen. 

Als ich endlich den Ortskern Salzbergen erreichte drückte ich gegen 16:30 Uhr meine Uhr ab; 54km mit 6kg Gepäck. Ich gratulierte mir und suchte mir eine Gastronomie mit Außeneinheit aus um schwer verschwitzt zu rasten. Bei einer großen Spezi und einem kühlen Alster kam die Müdigkeit. Irgendwie war die Luft raus. Ich hatte mein Ziel erreicht! Ich genoss meine Pause und überlegte lange, wo ich denn die nächste Nacht bleiben sollte. Schlussendlich ging ich den direkten Weg zur Schutzhütte zurück und saß da nun rum. Und genau hier wurde mir bewusst, das die Idee einen Emsradweg zu erlaufen keinen Sinn ergibt. Entweder läuft man ca. 4-5h pro Etappe und langweilt sich die restlichen 8h des Tages herum (natürlich kann man sich etwas ansehen oder bummeln, dann sind es noch 6h zur Überbrückung) oder man läuft so wie ich 7,5h, ist abends total alle und hat keine  Kraft für den nächsten Tag. Vielleicht sieht das zu zweit oder in einer Gruppe ganz anders aus, alleine ist das schon sehr speziell. Und man muss Ziele haben ähnlich wie Pilger auf dem Jacobsweg, die am Abend an einer speziellen Bleibe sein wollen. Dort angekommen sind dort andere Pilger und Unterhaltung. Essen, Duschen und Verpflegung.

Ich hatte noch gute 3h bis es dunkel sein würde und so saß ich also in einer gemauerten Schutzhütte darauf wartend das es Dunkel würde. Etwas geknirscht. 

Ich googlete ob es möglich sei, von Salzbergen mit dem Zug nach Hause zu kommen. Bingo: für 14,40 EUR käme ich noch diesen Abend nach Hause. So packte ich all mein Kram wieder zusammen und machte mich auf zum Bahnhof. Müde vom Tag, müde eine andere Bleibe zu finden war ich mit mir im Reinen. Um 22:00 Uhr stand ich unter der besten Dusche seit langem.

Was bleibt ist die stolze Erkenntnis, mal wieder etwas in Angriff genommen zu haben; eine “spinnerte” Idee umzusetzen und viel, sehr viel, zu lernen. Das was ich hier alles aufgesogen habe, kann ich sicher noch mal gebrauchen. Das Equipment habe ich jetzt, wenn ich eine neue Idee bekomme: ich bin dabei. Auch wenn ich mir das Finish zugegebener Weise deutlich glücklicher vorgestellt habe: 82km (26 + 54km) sind eine mega Leistung mit dem ganzen Gepäck. Ich habe tolle Sachen erlebt. 

Und ein Wort an Euch: macht mal was blödsinniges! Seit ein bisschen wie Kinder die vor der Herdplatte stehen und die Mutter sagt “es ist heiß!”. Und trotzdem ist diese Lust da, dieses Verlangen da drauf zu fassen und sich wahrscheinlichst zu verbrennen. Es ist einfach zu viel öder Alltag da draußen. Man muss ja nicht gleich nach Uganda um ein kleines Abenteuer zu erleben. Kommt und gebt eurem Leben einen Spritzer Farbe. Was habt ihr zu verlieren? Im nachhinein werdet Ihr stolz sein auf das Geleistete. So wie ich mit dem ERWEL. Es war spannend und ein bisschen aufregend!

Auf die Plätze, fertig, LEBT!!!!

Nachtrag: 20min später Twitter ich dem @trailrunnersdog: “Jetzt wo ich weiß wie es geht, kann ich jederzeit “ausbrechen” und mir ne 24h Auszeit nehmen”. DAS IST ES WOHL!!!!!

 

Ego Shoot

2015 bin ich im Rahmen des Berlin Marathons einen Halbmarathon Testlauf gelaufen. Ich kann mich noch wirklich gut daran entsinnen. Zum einen hatte ich dort eine bis dato stehende PB 01:41:59 erreicht. Zum anderen lief ich im “Windschatten” zwei älterer Herren mit, die auf Grund der Pace nicht zu überholen waren. Der Unterschied: ich lief gefühlt im roten Bereich, sie unterhielten sich entspannt über ihre Gärten, Autos, Baumärkte und Kegeltouren. Demütigend. Es erinnert mich sehr an meine seltenen Bahnenschwimmversuche, bei denen ich kurz vor dem Ertrinken bin, während zwei Bademützen behäubte Damen entspannt an mir vorbei ziehen und Buttercremetortenrezepte austauschen. Demütigend…

2017: ich habe dieses Jahr schon so einige (Lauf) Dummheiten vollbracht. Zur Zeit hänge ich zwischen Diversen herum und laufe ohne Plan oder Vorgaben mal schnell mal langsam an meinen Trainingstagen. Ich kombiniere auch gern mal und tausche laufen gegen rollern. Allerdings merkte ich in letzter Zeit eine gewisse Freude an Tempoläufen. Die Zeiten und Ergebnisse könnten sich für meine Verhältnisse durchaus sehen lassen.  Um einen kleinen Anreiz in mein Training zu bringen schmiedete ich einen Plan: ich suche mir einen Halbmarathon in meiner Region und versuche dort an meine PB heran zu kommen. So nah es geht. Vielleicht mit einem Laufbuddy zusammen, den ich als Tempomacher “missbrauchen” könnte.

Schnell war der Halbmarathon in Münster Hiltrup entlang des Kanals gefunden und den ersten Buddy, den als Hasen nutzen könnte, gab grünes Licht. Christian @_trailtiger, mit dem ich dieses Jahr schon des Nachts durch Kölner Wälder gezuckelt bin, sagte nach kurzer Rückfrage bei seiner Freundin, zu.

So trafen wir uns am Sonntag morgen in Münster. Christian begrüßte mich in seiner charmanten Art mit einem “so siehst du also bei Tag aus!”

Die Startnummern befestigt warteten wir mit ca. 350 anderen oftmals nervösen Teilnehmern auf den Startschuss. Der Moderator zählte runter: “10, 9, 8, 6, 7”. Großes Gelächter. “… 2, 1, Start!!!”

Wir hingen die ersten Meter im Verkehr fest und kämpften uns langsam nach vorne. Angetrieben von ordentlich Rückenwind auf dem Kanalhinweg und dem Adrenalin liefen wir zu schnell an. Natürlich… 

Wir beide können es einfach nicht lassen unterwegs Blödsinn und dummes Zeug zu reden. Ob die anderen Läufer das wollen oder nicht unterhalten wir schon mal andere Teilnehmer. Der Tiger rechnete mir unsere Zeiten vor, bremste mich auch mal ein und wir liefen ein schönes Tempo. Bei unserem Getratsche musste ich an die beiden Herren denken, die oben erwähnt, über Gott und die Welt redeten. Und wie bei mir seinerzeit liefen andere schnaufend im roten Bereich, während wir quatschten. Und doch hielten wir uns gegenseitig bei Tempo.

Gegen Km 15 kam die Sonne heraus. Warm wurde uns. Wir beide hatten mittlerweile Funkstille da auch wir ein zielsicher Richtung Tachoanschlag liefen. Oder nur ich??? Christian rechnete nur noch irgendwelche Zeiten, von denen ich eigentlich nie etwas was wissen will. 

Km 18: Christian faselt irgendetwas von 1:40. Mir fällt es mittlerweile schwer das Tempo zu halten, aber es bildet sich eine kleine Gruppe bei det jeder mal Tempoarbeit leistet. Ich auch. “Wie so Kenianer” denke ich mir und grinse.

Km20: Christian zieht nochmals an oder werde ich langsamer? Er ist jetzt ca 30m vor mir. Winkt mit dem Arm ich solle Gas geben. Ja doch!

Km21: Christian aka “ich-darf-an-der-letzten-Steigung-nicht-so-viel-Druck-auf-die-Wade-geben” knallt diese hoch, ich muss abreißen lassen. Die letzten 300m holt er wohl noch alles aus sich heraus und prescht vor.

Ziel: ich laufe fast noch ein kleines Kind um welches im Zielbereich den Weg kreuzt und stoppe meine Uhr: 01:39:54. BAMMMM! Ich staune ungläubig.

Wir klatschen uns ab, Christian ist sogar noch 25sek schneller und wir freuen uns wie Kinder beide heil und mit neuer PB im Ziel zu sein. 

Grinsend gehen wir beide zurück zu m Parkplatz, reden noch kurz, verabschieden uns und fahren von dannen.

Was bleibt ist die Gewissheit und auch Genugtuung, das ich obwohl steigenden Alters auf einer Formwelle surfe, die ich mehr als genieße. Es fühlt sich gut an!!! Das darf gerne noch ein bisschen so bleiben.  Toi toi toi!

Und weiter geht’s im (Lauf-)Leben. Schalten Sie wieder ein wenn es heißt: “welch bescheuerte Idee war das nun wieder…?”