#RUNTZEE – Wir machen doch nur Spaß…

Damit meine Streakerei gerade in den Wintermonaten nicht zu langweilig wird, kam mir Mitte Dezember eine im nachhinein ziemlich bekloppte Idee. Mit diesem Aufmacher kann ich wahrscheinlich keinen mehr überreden weiter zu lesen. Doch in diesem Fall lohnt es sich wirklich. 🙂 Also am 01. Januar 1 km (1,6 km als Streak Erhalt) laufen, am 2. Januar 2 km laufen, am 03. Januar 3 km laufen, … bis zum 31. Januar und dann halt 31 km laufen. Nicht mehr, nicht weniger. In erster intensiver Klausur stellte ich eine kleine Überschlagsrechnung der Wochenumfänge an und stellte fest, dass die erste Woche mit 28 km locker machbar wäre, die zweite Woche mit um die 70 km so lala, die dritte Woche mit mehr als 120 schwerst machbar, Woche 4 zumindest für mich nicht möglich. Der daraus resultierende Gedanke war nun, die Laufkilometer so zu setzen, wie ich kann und will, aber immer nur einmalig. Ergo am 03. Januar z.B. 12 km, am 22. Januar 4 km, … Somit sind 12 und 4 km in dieser Challenge “verbrannt” und können zwar noch gelaufen, aber nicht mehr als Ergebnis genutzt werden. Es erschien mir wie eine Art “Kniffel”-Spiel zu sein. Da wir alle so schrecklich modern denken (ich größenwahnsinnig gleich an was Globales wie den Marcothon dachte) und sich die globale Kniffel Bezeichnung “Yahtzee” schimpft, habe ich meine Challenge #RUNTZEE getauft. “O.k. Runtzee! What is the next goal to run?” Sounds, äh klingt doch gut…

Nun noch ein bisschen Mathematik: unter der Suche “der kleine Gauß” findet man eine Formel um die Summe eine Zahlenreihe schnell zu errechnen, hier die maximalen Gesamt Kilometer. Man muss also nicht 1+2+3 +4 … addieren sondern nutzt die Formel und tataaa: es kommen unglaubliche 496 km dabei heraus. VIER! HUNDERT! SECHZUNDNEUNZIG!
Ganz klar, soweit kann man ( kann ich ) nicht laufen, ich werde also streichen müssen.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Gau%C3%9Fsche-Summenformel-Beispiel.jpg

Sodann habe ich mir für das #RUNTZEE Spiel folgende Regeln “erarbeitet” (wer sich auf den Schlips ge-gender-t fühlt, kann sich gerne melden):

  1. Der Spieler kann so häufig oder selten im Monat laufen, wie er mag. Sollte er mehrmals am Tag gelaufen sein, geht die zuerst gelaufene Km Leistung als Wertung in den für alle Teilnehmer sichtbaren Spielplan ein.
  2. Gewertet werden dabei nur abgerundete km (15,8km –> 15km)
  3. Jede Eingabe gibt es exakt einmal also 1x 1, 1x 2, 1x 3,… (Januar 31, Februar 28…)
  4. Sollte der Spieler mehr als 31km gelaufen sein (z.B. Marathon) werden maximal 31km am entsprechenden Marker gewertet
  5. Das Ranking dient ausschließlich dem persönlichen Vergleich und darf zu keiner Zeit negativ gegen andere Spieler verwendet werden. Wie immer gilt beim laufen und eintragen absolutes “fair play”
  6. Jeder Spieler kann so viele Tage streichen ( X ) wie er mag oder muss (Kniffel Gedanke)
  7. Spieler können natürlich vorzeitig aussteigen, aber auch später einsteigen. Der Einstiegstag gilt als Mindestwertungstag
  8. Es können alle Kilometer Marker bis zur gelaufenen Strecke genutzt werden: 15 gelaufene Kilometer kann z.B. als “14” platziert werden, wenn 15 schon vergeben ist.
  9. Alles bei #RUNTZEE dient dem persönlichen Nutzen, der Motivation und dem Spaß. Es dient in keinster Weise dazu, sich oder andere zu schaden, zu kränken oder anderweitig übel mitzuspielen.

So einfach und so gut.

In der Theorie…

Ich habe meinen Laufbuddy Sven @svnkswttr angesprochen, der mir freundlicherweise eine tolle Tabelle konzipiert hat, in die man nur das aktuelle Datum an den jeweiligen Kilometer einträgt und der Rest wie Gesamtstrecke, Ranking, etc. angezeigt werden. Danke Dir Sven.

Wo ich schon bei Sven bin: ich habe Sven und seine Freundin Elli dazu überreden können, sich als Tabellentester zu herzugeben, habe die jetzt häufiger erwähnte (wahnsinnige) Marina und auch meine Frau ködern können, dort mitzumachen. Meine Frau allerdings in der Sonderwertung Rad fahren.

Und dann kam der 1. Januar…

Alle Teilnehmer waren hochmotiviert und eifrig dabei, die jeweiligen Läufe einzutragen. Sven und Elli im Trainingsmodus für die 50km in Rodgau preschten mit schier absurden Umfängen vorne weg. Uns blieb nur das Nachsehen. Sven war, wie nicht anders zu erwarten auf Platz 1 des Rankings, knapp dahinter Elli. Meine Frau, Marina und ich tauschten und wechselten die Plätze.

Da keiner mit einer gescheiten Taktik ans Werk ging, wurden die kleineren Kilometer fleißig aufgefüllt, man ließ sich die größeren Umfänge offen um dieses ggf. zu streichen. Ist ja alles nur Spaß.

Marina und ich liefen am 6. Januar die 45km in Bielefeld und durften somit stolz die “31” streichen, Sven und Elli zogen nach, da sie noch einen langen Lauf als Trainingsvorbereitung für Rodgau machten. Die beiden zogen es beängstigend durch. So beängstigend, das ich Sven zwischendurch sagte, das ich die Challenge nicht dafür erfunden hätte, das er sie gewinnen sollte. Sven winkte aber gleich ab, da die Rodgau Vorbereitungen sich dem Ende näherten.

Ich hatte richtig Lust auf #RUNTZEE, war es doch ein kleines Spiel um Taktik und eigener Genugtuung, nach dem Lauf wieder eine Zahl zu streichen.

Was ich nicht bedacht hatte, war die Tatsache, das immer mehr lockere Läufe “verbraucht”, aber noch viele größere Weiten übrig blieben. Ich holte mir Motivation bei Marina, die einmal mehr voller Schwung war und alles super fand…

Circa 10 Tage später:

Meine Frau fährt tapfer Rad, selbst weitere Strecken, die sie sich nicht zugetraut hat, absolviert sie und ist stolz über ihre Motivation. Marina und ich verfallen in den ersten Trashtalk und versuchen durch liebesvolles Bitten und um Sorge des Anderen Gesundheit doch einfach mal ein bis zwei Tage zu streichen. Doch unsere Bitten bleiben unerhört. Jeder versucht seine Läufe zu absolvieren und der Linie treu zu bleiben. Ist ja eh alles nur Spaß.

Weitere fünf Tage später:

Sven und Elli machen ihr Ding und sie laufen, so wie es ihnen beliebt. Meine Frau macht ihr Ding und sie fährt so, wie es ihr beliebt. Marina nervt mich mit ihrer Lustlosigkeit, ich nerve sie mit meiner Müdigkeit. Noch immer hat keiner ein “X” gesetzt. Das stimuliert das natürlich ungemein, will man sich doch nicht die Blöße geben, negativ gedacht könnte es sein, das es nur ums verheizen geht. Klar, Marina kann alles und nichts laufen, ist aber selbst am Limit, Sport, Beruf und Privates unter einen Hut zu bekommen. Ich schlafe seit einigen Tagen jede Nacht im Prinzip 60 – 90 Minuten weniger als üblich, so das ich die langen Läufe noch vor der Arbeit platzieren kann. Ich erwische mich immer häufiger dabei, dass die Tageszeitung unberührt bleibt und dass das Frühstück aus zwei Hand salzigen Erdnüssen und ein Kaffee im stehen besteht. Für mehr ist keine Zeit. Nur Spaß? Eher leicht nervöses Zucken.

In der dritten Woche laufe ich insgesamt 162km. Das sind 45km mehr als meine “ewige” Bestleistung aus dem November. Alles verrückt. Jetzt bloß keinen Infekt, umknicken oder sonstiges. Schon lange habe ich mich, haben wir uns davon verabschiedet, einen Lauf zu streichen. Das Battle zwischen Marina und mir ist in vollem Gange. Und doch sind wir große Sportsgeister, bleiben fair und gehen ehrlich miteinander um.

Einen Morgen schreibt mir Marina, das sie mir zu meinem Sieg gratuliert, weil sie eine Muskelverhärtung hätte und sie sich einen Husten (sie nennt ihren Husten Ralph [mit ph!!] ) eingefangen hätte. So will ich nicht gewinnen. Ich biete ihr an, das ich auch einen Tag streiche, sie widerum schiebt alles auf mich und sagt ich solle es für uns beide zu Ende laufen – noch am gleichen Tag knetet sie ihr Physiotherapeut halbwegs zusammen und sie läuft fortan mit Ralph. Respekt Marina!! Irgendwo zwischen Wahnsinn und Irrsinn ist sie zu Hause..

Immer häufiger krame ich beim laufen motivierende Sprüche raus, muss mich selbst einmal zum weiterlaufen anschreien. Die mich beobachtenden Rehe müssen sich schwer gewundert haben, das da ein Mensch mit Stirnlampe plötzlich stehen bleibt, sich an schreit und dann langsam weiter trabt. Alles bekloppt. Jetzt haben nur noch die Rehe Spaß.

Am vorletzten Tag stemme ich dann eine neue virtuelle Tür auf: dadurch, das ich nicht immer nur die Mindest Kilometer gelaufen bin, komme ich am 30.01.2019 um 08:07 Uhr an den Punkt, an dem ich die 500 km Schallmauer durchschreite. Marina muss zu diesem Zeitpunkt auf Grund eines weiteren Ultras im Januar ca. 540 km auf der Uhr haben. Mit normalem Spaß hat das alles wenig zu tun. Selten freuen wir uns aber so auf den Februar, fragen uns aber auch was wir mit der ganzen Zeit anstellen sollen. Naja, zugegeben, es ist einiges liegen geblieben und ich freue mich besonders auf ein Frühstück im sitzen.

30.01.2019 21:32 Uhr: morgen soll ich also den letzten #RUNTZEEE Lauf machen, einundzwanzig winzige Kilometerchen* um das Ziel der maximalen 496km zu bestehen. Na dann, gute Nacht. – *Wie verächtlich, oder? Ich muss mich bei all denen entschuldigen, die einmal in ihrem Leben von einem Halbmarathon Finish träumen.

31.01.2019 – Ich werde gegen 03:10 Uhr wach, nervös liege ich im Bett und versuche wieder einzuschlafen. Ich wälze mich hin und her. Wenn ich um 04:15 Uhr loslaufen und gemächlich die letzten 21km laufen würde, wäre ich um 07:00 Uhr aus der Dusche, könnte meine Frau wecken und mit ihr frühstücken. Mein Körper heizte sogleich an, von liegen bleiben war eh keine Rede mehr. So zockelte ich um 04:07 Uhr los durch den frisch gefallenen Schnee, blieb immer wieder stehen, schaute mir die Spuren der Tiere an, zeichnete “WER SCHNEE FÜR SICH ALLEINE HABEN WILL, DER MUSS FRÜH AUFSTEHEN <3 ” in den Schnee und filmte das ab. Gib mir Schnee und ich bin Kind – herrlich. Im Stadion lief ich mit den Hasen eine Ehrenrunde und zuckelte dann weiter. Ich musste mich etwas ranhalten, damit mein Frühstücksplan aufgehen sollte…

Gegen 06:30 Uhr war es dann soweit, etwa 1500m vor zu Hause durchlief ich den 21. Kilometer, blieb kurz stehen, lächelte und machte mich wieder auf. So schnöde das hier steht, war es auch. Kein Jubel, kein Sekt, keine Raketen. Einfach laufen, laufen, laufen laufen, laufen….

Ich habe im Januar insgesamt 525 km in 50h 34min absolviert – reine Laufzeit, in den letzten drei Tagen alleine 70km, Geschätzte 40h davon waren morgens im Dunkeln, mal mit Regen, mal klar und kalt. Dazu noch das An- und Ausgeziehe, Gedusche und was auch alles dazu gehört. Ich glaube, das war alles ziemlich bekloppt, bin mir aber nicht sicher. Doch wenn ich rechne, wie lange der “gemeine” 3x die Woche 8km Jogger für die Strecke benötigt, nämlich gute 5 Monate zuckt meine Oberlippe kurz und ich grinse in mich hinein. Für mehr bin ich zu müde.

Und nun, wer ist hier der Sieger? Keiner? ALLE!!! Meine Frau ist ist im Januar so viel Rad gefahren wie noch nie im Januar, vielleicht auch in ihrer ganzen Streak-Radel-Zeit. Und somit ganz klar Siegerin. Elli ist Siegerin, weil sie in Rodgau durch Fleiß und Können ihre Bestzeit um gut 10 min unterboten hat und danach nicht schlapp gemacht hat. Sven ist Sieger, weil er die Tabelle erstellt hat und gerade am Anfang durch seine Läufe Schwung in den Laden gebracht hat. Marina ist Siegerin, weil sie es trotz privatem Trubel und Ralph so hammerhart durchgezogen hat und insgesamt noch mehr Kilometer gemacht hat. Sehr geil, krank und verrückt. Ja und ich bin auch einer. Warum? Denken Sie sich etwas aus…

Welch ein Schwachsinn, welch Gaudi, welch Drama. #RUNTZEE ist besser als jede Seifenoper, sie fordert und fördert. Ich, nein wir alle haben alles gegeben. Ob ich noch einmal in meinem Leben in einem Monat so weit laufe (12,5 Marathon Strecken) so weit in einer Woche (162,5 km), so viel laufe (ungefähr 51 Std. netto) weiß ich nicht. Jetzt muss ich erst mal ausruhen, den normalen Lauf Alltag einkehren lassen, Kraft tanken und erholen. Bis morgen lieber Streak… DANKE EUCH ALLEN!!! GEILE FÜNFER BANDE! Es war mir ein Fest. Ein besonderer Tripp und ein Erlebnis. Und Ralph verzieht sich jetzt, sonst gibt es mal richtig Ärger…

Nach 500 km ist man in Paris, in der Schweiz oder in Polen…

Die Streakerei…

Angefangen ist es vor gut 250 Tagen. Ich wollte eine sog. Peak week machen und möglichst viele Kilometer in einer Woche zusammen bekommen. Warum weiß ich gar nicht mehr, bestimmt um mich für eine andere Verrücktheit vorzubereiten. Dann kam halt noch eine Woche hinzu und noch eine. Ob man wohl vier Wochen täglich laufen könne, das fragte ich mich. Das funktionierte. Und so bin ich mehr und mehr in diesen Trott gekommen und bin mal weiter und mal weniger weit gelaufen. “Schlimm” war der Tag nach dem 110km Lauf in Köln. Da bin ich in Schneckentempo eine kleine Runde gelaufen. Und erstaunt, wie gut es ging. So mit hat mir die tägliche Lauferei den Allerwertesten gerettet. Einige meiner Laufbekannte sind nach Erfüllung ihres Traumziels in ein Loch gefallen und haben in eben diesem länger verbracht, als ihnen recht war. Ich hatte direkt nach meinem 100km Traum eine Aufgabe zu bewerkstelligen und kam so gar nicht erst auf dumme Gedanken. Es hat alles gemildert und abgefedert…

Um in meinem Hirn etwas aufzuräumen und auszumisten, habe ich die mir wichtigen Gedanken zu diesem Thema einfach niedergeschrieben. So ist Platz für neues….

  1. Wann ist man genau ein Streaker? Diese Frage habe ich auch mal Lutz @unserweg gefragt, seine Antwort: theoretisch schon am zweiten Tag. Doch dieses Gefühl habe ich nach gut 250 Tagen immer noch nicht. So wie ich kein Läufer bin, sondern laufe und so wie ich kein Streaker bin, sondern streake. Ich laufe und ich streake gerade zufälligerweise.
  2. Wie lange streake ich noch? Darauf kann ich keine Antwort geben. Vielleicht wache ich eines Morgens auf und irgendwas sagt mir: Junge es ist vorbei… Ich hoffe auf diese Stimme, dann wäre es ein Impuls tief aus mir drinnen und keine Krankheit oder Verletzung. Ich stehe morgen auf und werde wohl laufen äh streaken.
  3. Was hat sich geändert? Geändert hat sich das Gefühl und die Grundeinstellung zum laufen. Früher war es vielleicht die Erfüllung des Trainingsplans, die Umsetzung und das Aufreiben an persönlichen Bestzeiten. All das ist zur Zeit nicht der Fall. ich genieße diese Stresslosigkeit einfach laufen zu gehen, so lange, so schnell, so weit ich will oder kann. Es müssen halt 1600m sein, die tagtäglich da stehen und “abgearbeitet” werden müssen. Das ist leider auch gleichzeitig die Kehrseite der Medaille. Im November bin ich in eine Art Streak Depression gefallen. Es machte mir überhaupt keinen Spaß mehr zu laufen. Ich war müde, kaputt, genervt von der Lauferei. Das tägliche laufen brachte mir keine glücklichen Momente mehr. Ich überlegte, was ich tun könnte und kam auf die (nachträglich) glorreiche Idee, eine Woche lang wirklich nur täglich 1 Meile zu laufen. 800m hin und 800m zurück. Dabei merkte ich schnell, das ich körperlich ausgelaugt war. Der Kopf war vollkommen frei und zufrieden, nur waren die Umfänge in letzter Zeit für mich zu hoch, das der Körper in den restlichen 23h zu wenig Möglichkeit und Raum hatte, zu regenerieren. Schon nach einer Woche der Erholung, gingen meine Umfänge wieder nach oben, Körper und Kopf waren wieder im Einklang und zogen an der selben Seite. Ich kenne somit hoffentlich in der nächsten Krise eine Möglichkeit, mich aus dem Schlamassel wieder heraus zu ziehen. Geändert hat sich auch der Raum zu Hause, den die Streakerei einnimmt. Ich bin jetzt morgens einfach mal eine Runde drehen und das halt um den Streak am leben zu halten. So langsam bekomme ich auch einen “Überblick” über die Strecken. Zu Anfang dachte ich schleicht weg, das dieses Gelaufe in immer selben Runden super langweilig sein muss. War es auch. Wenn man immer die selbe Runde dreht, sieht man immer das selbe, man achtet auf die Pendler, die Schulbusse, wundert sich das der Zeitungsmann in seinem Smart nicht da ist und und und und. ABER mit der Zeit entwickelt die immer gleiche Routine etwas beruhigendes, geradezu meditatives. Es ist jeden Morgen: 2 Gläser Wasser, einen dünnen Kaffee und ab in die Laufsachen. Dann geht es auf die Laufrunde. Aktuell variiere ich mal weit mal kurz, mal schnell, mal langsam. Doch wenn ich 3-4 Tage die selbe Strecke laufe, bin ich schnell in einem Flow Zustand, ich habe schlichtweg alles gesehen und kann mich auf meine Gedanken konzentrieren, auf den Atem, die Haltung oder auf nichts. Ich werde 2km weiter wieder “wach” und wundere mich, was ich in der letzten zeit gemacht haben könnte. Diese Momente sind der Hochgenuss. Einfach weg sein… Geändert hat sich erstaunlicher Weise auch meine Regenerationsfähigkeit. Höhere Intensitäten stecke ich viel besser weg, obwohl ich keine wirklich langen Läufe absolviere. Das freut mich natürlich sehr. Und mein Trainingszustand, scheint ganz ok zu sein, habe ich doch im Advent mehrfach weitere Strecken hinter mich gebracht.
  4. Was ist geblieben? Geblieben ist das Laufen als solches. Das Equipment, das schlechte Wetter, der Schweinehund, die Müdigkeit, die seltene Lustlosigkeit. Aber auch das Glück, die Entspannt- und Ausgeglichenheit. Und das hilflose Gesuche nach der Stirnlampe, der Mütze oder sonstigem, weil ich es einfach nicht schaffe mein Laufleben so zu managen, das alles an seinem Platz ist.
  5. Was kann ich besser machen? Wie schon gerade kurz angedacht: mein Textil- Lampen- Schlüssel- Handy- Orgamanagement ist noch nicht optimal. Mittlerweile haben Stirnlampe, Mütze und Handschuhe einen eigenen Platz- es wird.
  6. Wie ich mich motiviere? Da dieses Gelaufe (immer) noch nicht in meinen vollständigen Automatismus übergegangen ist, gibt es unterschiedliche Ziele, die mir helfen. Laufbuddy Sven @svnksswttr sagte mir mal, seine längste Streakreise waren 73 Tage – die wollte ich unbedingt knacken. 74 Tage sind ja schon fast 100. Also: nächste Haltestelle 100 Tage. Und so hangel ich mich immer weiter und denke mir kleine Spiele aus, die mich fordern.
  7. Ist das nicht gefährlich? JA, ist es. Wie alles, was zu exzessiv angegangen wird, ist auch die Streakerei ein Ding, was Körper und Geist in Mitleidenschaft bringen kann. Ich habe ja selbst schon gemerkt, das mein Körper mit den zwischenzeitlichen Laufumfängen nicht mehr zurecht kam und rebellierte. Ich vertraue da meinem Bauch, der nicht nur sehr sensibles Organ, sondern auch ein feiner Antwortengeber ist, dem wir aber im allg. immer weniger Aufmerksamkeit schenken. [Werbung: Ich empfehle hier das Buch “Darm mit Charme” von Gulia Enders].
  8. Ist Streaken auch was für mich? Weder bin ich Pädagoge, Lehrmeister, Sportphilosoph oder sonstiger Messias. Aus meiner jetztigen Erfahrung heraus würde ich sagen, das jeder, der sich bewegen kann auch Streakrunner werden kann und es auch einmal probieren sollte. Es kann weder schaden, noch was kaputt gehen. Und wie bei allem: nicht übertreiben.
  9. Kann ich Streaken in meinen Laufplan einbauen? Warum nicht! An den lauffreien Tagen einfach die Schuhe schnüren und die 1600m bewerkstelligen. Aus eigener Erfahrung sind 1600m einfach lästig und das An- und Ausgeziehe dauert genauso lang, wie der Lauf.

Diese Zeilen sollen weder ein How to sein, Streaker zu werden, noch werde ich es wagen mich als erfahren in diesem Gebiet zu bezeichnen. Es sind einfach ein paar Gedanken die ich zu meiner aktuellen Leidenschaft los werden wollte und auch sicher nicht vollständig sind. Danke für die Zeit, die Du dir zum lesen genommen hast. Bei Fragen oder Anregungen melde dich einfach. Und sorry, wenn du eine spannende Laufgeschichte erwartet hast, dieses Mal nur Gedankenschnipsel.

Hünenburg Vertical

Jan lud, ich lief. Ende.

Ok, das reicht wohl nicht…

Jan ist Jan-Olof, ein selbst verrückter Weitläufer, der rund um “seinen” Teutoburger Wald immer wieder tolle kleine Einladungsläufe organisiert und somit auch der Veranstalter des sog. Hünenburg Vertical ist. Namensgeber ist der Fernmeldeturm Hünenburg, der auf einer Anhöhe des Teutoburger Walds bei Bielefeld steht und normalerweise von weitem sichtbar ist. Ziel, so ist in Jans Ausschreibung zu lesen maximal 15 Runden mit á 3km und 140hm zu bewerkstelligen um sich den Gold Status zu sichern. Ist man mit weniger Runden zufrieden, erreicht man entsprechend Silber oder Bronze Status. Aber wie so oft geht es nicht darum sich zu mit anderen zu messen sondern seinen nachweihnachtlichen Schweinehund ein wenig um die Häuser zu treiben.

So meldete ich mich kurzfristig an und fragte die hier im Blog mittlerweile bekannte Marina, ob sie auch Spaß daran haben würde. Welch Frage….

Sonntag morgen trafen wir uns also auch halber Strecke und fuhren gemeinsam ins Ostwestfälische. Kurz vor dem Fahrziel zeigte ich Marina den im Nebel nicht zu sehenden Fernmeldeturm, was gleichzeitig die Wettersituation wider spiegelte. Luftfeuchtigkeit 100%, 6 Grad, Nieselregen. Spitze!

Dann der der krasse Kulturschock. Wie tektonische Platten knallte die ruhrpottliche Fröhlichkeit mit einem lauten “GUUTEN MOOORGEN” von Marina auf die ostwestfälische Gruppe von Athleten, die schier erschrocken zusammen zuckten und mit einem leisen zögerlichen “morgen!” antworteten. Ich erklärte Marina im Laufe des Tages etwas spöttisch, das man das auch nicht machen dürfe und das selbst zwei Ostwestfalen 6h fest steckend in einem Aufzug vermutlich nicht oder nur das absolut notwendige miteinander sprechen würden…

Um 08:50 briefte uns Jan zur Strecke mit den Worten, das der letzte Teil wetterbedingt etwas matschig sei… Wer Jan und sein schelmisches Grinsen kennt, weiß, das er mal wieder untertreibt. Und so ging es pünktlich um 09:00 Uhr los und wir liefen als Gruppe von ca. 35 SportlerInnen gemeinsam die erste Runde. Direkt vom Start- und VP Punkt geht es die 140hm auf teils waldigen Wegen aufwärts, kleinere Schlammpfützen markierten unseren Weg. Nach 1,3km ist auch schon der höchste Punkt erreicht und es geht auf einem asphaltierten Weg etwa 1km abwärts. Gefolgt von ca 700m Singletrail, der der etwas matschige Teil des Unterfangens darstellen sollte. Selbst mit Trailschuhen war es eine lustige Schlidderei – und mit jeder Runde wurde der durchweichte teutoburger Boden schlammiger und schlickiger. Gestürzte Athleten konnte man schon von weitem an ihrer camouflage ähnlichen Bekleidung erkennen. Zum Glück blieb uns ein Sturz bis zu letzt erspart.

Nach der ersten Runde ging es wieder zum VP, dort hing ein Brett aus, an dem man ganz old school hinter seiner aufgelisteten Startnummer einen Strich machen sollte um eine gelaufene Runde zu markieren.

Dann ging es auch schon wieder aufwärts. Das Feld zog sich schnell auseinander und zwischenzeitlich war weder vor noch hinter uns jemand zu sehen.

Wenn man insgesamt gut 6 Stunden miteinander laufend verbringt, tratscht man über Gott und die Welt. Was auf dem Trail geredet wird, bleibt auf dem Trail. So will es das Gesetz. Aber es ist schon cool, wie ähnlich Marina und ich ticken und uns über die gleichen Dinge aufregen können. Ein kleines Beispiel kann ich aber doch anführen: Wir hörten am VP einer Unterhaltung eines Sportlers und Jan zu. Thema: sind es nun 138 oder 140m Höhe pro Runde – da kann man nur den Kopf schütteln. Thema verfehlt.

Und nach 15 Runden und 6 Stunden später war der Spuk auch schon wieder vorbei. Passiert ist nichts. Keine Dinosaurier, Hubschrauberabstürze oder Lawinen. Einfach ein schöner Lauf bei dem es einzig und allein darum geht, draußen zu sein. Wir machten mit Jan noch einige Fotos, verabschiedeten uns und zogen von dannen. So schnell ist ein Sonntag um und so schnell ist das Spektakel vergangen.

Was bleibt? Es hat gut getan nach den Weihnachtstagen den Kopf durchzupusten, an frischer Luft zu sporteln und eine gute Zeit zu haben. Und es muss auch nicht immer spektakuläres passieren, mit dem man seinen Blog ausfüllt. Es muss einfach der Seele gefallen haben.

Es war schlicht und ergreifend ein guter Tag. Nicht mehr und nicht weniger.

Advent, Advent, die Sohle brennt

Was hat mich denn jetzt schon wieder geritten? Der Deal ist eigentlich ganz einfach: an jedem Adventssonntag einen Marathon zu laufen. So aus dem nichts heraus… Jetzt, wo ich die Zeilen schreibe, ist zumindest der 2. Advent herum und der Dritte in Lauerstellung. Und zum Glück kann ich von mir  nach der ganzen Streakrei bei denen ich die langen Läufe zur Vorbereitung eines Marathons vernachlässigt habe, behaupten, das ich es noch kann.

Mit ins Boot und zur Unterstützung habe ich mir die liebe Marina geholt. Kennengelernt erst persönlich beim 1. Baldeney Ultrasteig im November, scheint es aber zwischen uns zu passen. Ich muss mich eigentlich verbessern. Ich kann von “dem jungen Ding” noch viel lernen, wenn es darum geht fröhlich unbekümmert in ein Laufabenteuer zu gehen und jegliche Qual und Sorge einfach wegzulachen. Also Schluppe: Kopf aus!!!!

Wir schrieben uns ein paar mal und dann war die Sache klar: Marina macht mit. Für sie eher ein kleiner Trainingslauf am Wochenende, freute ich mich mit ihr zusammen den ersten Adventsmarathon zu laufen. 

Drei Tage zuvor geht mein Telefon. Marina. Was ich denn Samstag machen würde. Ich sage, nichts, ich müsste halt arbeiten. Ob es ihr nicht auskäme am Sonntag. “Doch, doch” sagte Marina, aber man könne doch am Samstag auch schon einen Marathon laufen, quasi als Doppeldecker. Meine Kinnlade fiel herunter. Womit hatte ich mich also bei dieser Person eingelassen…

So lief Marina schon am Samstag einen Marathon und am Sonntag halt noch einen mit mir. Kinderkram.

Marina verspätete sich am Sonntag etwas und dann ging es um 08:30 Uhr los. Bei Regen. Mal mehr Regen. Mal weniger Regen. Mal von links. Mal von rechts. Von oben oder von vorne. Es regnete eigentlich immer. Eine Eigenschaft, die Laufverrückte haben und teilen müssen, ist der Galgenhumor. Wir redeten uns ein, wie doof es bei Sonne wäre, Sonnencreme in den Augen, der Schweiß und überhaupt. Dabei liefen wir entspannt durch die westfälische Tiefebene, immer mal wieder an meinem Auto vorbei, welches als VP diente und uns zumindest bei den Pausen einen dann überflüssigen Wetterschutz  bot. Nass bis auf die Knochen tratschten und quatschten wir über vergangenes und zukünftiges. 

Nach gut 4,5 Std war der Spuk vorbei, Marina verabschiedete sich und unser erster Adventsmarathon war Sack.

Den zweiten Advent würden wir getrennt laufen. Marina zog es ins Siebengebirge zum Trailmarathon. Ich entschied mich auf Grund noch schlechterer Wetterlage ins örtliche Stadion. Runden laufen mal mit Gegenwind, mal mit Rückenwind. Hallali, regnete es nicht. Es schüttete. Meine oberste Kleidungsschicht war ein Regenponcho. Dicht gegen jegliches Wetter, so dicht, das sich darunter ein feuchtfröhliches Mikroklima bildete. Der Poncho klebte an meinen Sachen. Zum Glück war mir nicht kalt. 

Marina und ich schickten uns traditionell vorweihnachtliche Wetterflüche und Anfeuerungen per Sprachnachricht. So waren wir nicht ganz so allein. 

Nun lief ich Runde um Runde – bis ich auch den 2. Adventsmarathon erfolgreich beendet hatte. Schnell in etwas trockenere Sachen, zum Bäcker Brötchen holen und ab nach Hause….

Jetzt ist Donnerstag: Marina wird am Sonntag in Belgien den Bello Gallico laufen, also 80km durch den belgischen Matsch. Ich sage ja, die Frau hat ´nen Knall 😉 Ich für mich weiß noch nicht, wie ich genau meinen Lauf gestalten werde. Vielleicht laufe ich in den Advent hinein – durch die Nacht…

Eine Woche später, Freitag Abend und so langsam habe ich mich vom dritten Marathon erholt. Es war ein reiner Arbeitslauf, der mir noch bis Mittwoch in den Knochen steckte. Auf Grund von Terminüberschneidungen am Sonntag gab es für mich nur die Möglichkeit Samstag Abend loszulaufen und früh am Sonntag Morgen zu finishen. Damit wäre Marathon und Streak gerettet. Ich bin also um 20:30 Uhr los. Es war kalt (-2 Grad) feucht, dunkel, ungemütlich, einsam und launisch. Trotz Hörbuch, trotz Musik hat sich dieser Lauf wie Kaugummi gezogen und gefühlt war das der härteste Marathon, den ich je gelaufen bin. Ich habe keine guten Gedanken daran, war nicht stolz, nicht glücklich – einfach nur leer, müde – abgehakt. Wie ein Besuch bei nervigen Verwandten.

In zwei Tagen ist dann Nummer 4 an der Reihe. Ich freue mich schon jetzt drauf, nicht ein Etappenziel zu erreichen, sondern “nach Hause” zu laufen. Mit jedem Kilometer 1000m näher am Ziel. Das wird toll…

Samstag; der Countdown läuft. Es soll NICHT regnen. Das wäre mehr als phantastisch, sind wir doch die letzten drei Läufe mehr oder minder bis auf die Knochen nass geworden…

Sonntag morgen 08:00 Uhr: Marina trifft pünktlich ein und wir laufen wirklich bei Trockenheit los. Der Himmel ist grau und verhangen bei + 7 Grad, leichtem Wind. Laut Wetter App soll es erst um 13:00 Uhr anfangen zu regnen. So laufen wir beide um die Felder und reden und tratschen. Marina meint, man solle Männer immer bei einem Ultra daten, dann wüsste man wie sie sich in Extremsituationen verhalten, welche Schimpfwörter sie drauf haben und wie sie in (Not -(durft)- )Situationen mit dem Problem umgehen. Eigentlich keine so schlechte Idee. Und obwohl wir uns “nur” auf der Marathon Distanz beschnuppern, scheint die Wellenlänge doch ähnlich zu sein. Unsere Gespräche sind derbe und könnten verstörend wirken, deswegen gehe ich nicht ins Detail. Wir laufen und wir lachen, die Zeit läuft und die km ticken so runter. Und als ob der Himmel vor Glück weint, fängt es bei km 41 an zu regnen. Wir lachen darüber, klatschen uns ab und freuen uns über die letzten anstehenden Meter. Zum großen Finale laufen wir noch zwei Runden auf der #SCHLEM Traditionsstrecke und dann ist der vierte Marathon vollbracht. Ganz cool eigentlich!! Ich freue mich, Marina freut sich. Wir umarmen uns und dann ist sie auch schon wieder verschwunden.

Was bleibt: Nach dem #Kreuzberg50 im Oktober bin ich keine wirklich langen Strecken mehr gelaufen, bin vor mich hingestreakt, mal mit richtig vielen Wochen Kilometern, manches Mal vor mich hin dümpelnd. Als ich mich dazu durchgerungen habe vier Marathone an vier aufeinander liegenden Wochenenden zu laufen, wusste ich nicht, was mich erwartet. Zum Glück hatte ich mentalen Support von Marina und viel Raum und Zeit, die mir meine Frau gab um an einem Sonntag einfach mal 4-5 Std. fernzubleiben. Besonders deswegen, weil wir nur den Sonntag als gemeinsamen freien Tag haben. Danke Dir!!! 

Wieder einmal habe ich mir bewiesen, das ich etwas kann, auch wenn es kein monster weiter Ultra mit 70.000 Treppenstufen rückwärts mit verbundenen Augen gewesen ist, war es eine Herausforderung für den Kopf und zudem eine beeindruckende Regenerationsfähigkeit meines Körpers. Auch wenn die werte Leserschaft natürlich sagen wird: natürlich kannst du was – ab und zu muss man sich das halt auch selbst beweisen.

In diesem Sinne: bis zur nächsten Beklopptheit auf diesem Kanal.

 

 

 

 

Kreuzberg50 – reloaded

Mittwoch morgen 02.42 Uhr – ich liege bauchlängs auf meinem Hotelbett in Weimar und mein Kopf dröhnt. Viele Bilder rasen durch meinen Kopf. War ich doch heute an der Gedenkstätte in Buchenwald und habe mir angesehen, wozu Menschen fähig sind. 

Ob es jetzt eine gute Idee ist, mich an den sog. #Kreuzberg50 zu erinnern um mich auf andere Gedanken zu bringen…?

Drehe ich meine Geschichte auf den 29. Juni zurück: der Kölnpfad und somit für mich längste Lauf ever liegt hinter mir und ich bin zum Glück seit ca 40 Tagen am streaken. Gemeint ist damit ein tägliches Laufen von mindestens einer Meile, also 1,6km. Warum? Lutz Balschuweit @unserweg, der das schon Jahre lang vollzieht würde sagen “weil ich es kann”. Und ich? Ich habe daruf noch keine abschließende Antwort gefunden. Aber es lässt mich nach Köln nicht in ein Loch fallen, es konfrontiert mich häufiger mal mit dem Schweinehund, aber lässt mich auch zu Ruhe kommen in hektischen Zeiten. 

Der Job läuft ok, aber mein Pa muss Ende Juli ins Krankenhaus. Sein Alter fordert Tribut, der menschliche Akku ist leer, so das er sich von den Strapazen des Lebens nicht mehr erholen kann und so stirbt er am 15. August im Beisein meiner Mutter so friedlich ein, wie man eben friedlich entschlafen kann. – In der ganzen Zeit streake ich. Meine Akkus selbst mittlerweile am Limit, bin ich doch jeden Abend nach dem Job noch im Krankenhaus, komme gegen 22.00 Uhr erst nach Hause, schlafen, aufstehen, streaken, arbeiten. Ich laufe häufig nur 2km, die kleinste Runde die es bei mir zu laufen gibt. Aber ich laufe….

Laufen gibt mir die Kraft, zumindest halbwegs die letzten Wochen zu verarbeiten. Laufen gibt mir Zeit für mich. Ich genieße es, nicht mehr nach Trainingsplänen zu laufen, sondern so wie ich es will. Sonntags morgens um 04.30 Uhr zum Long Run? Geschichte. Tempoläufe? Geschichte! Ich genieße vollends meine läuferische Freiheit und durch das tägliche Laufen habe ich Wochenumfänge von ca 60 – 70 km. Beste Wochenleistung waren 92. Warum? Weil ich es kann… 

Sprung: Anfang Oktoberber steht also auch wieder dieser #Kreuzberg50 an – ein Lauf der uns letztes Jahr glücklich, scheinbar selig gemacht hat. Wer den K50 2017 nochmal erleben will, kann gerne in mein Archiv schauen. 

Mir war es wichtig, an dem Vorabend dabei zu sein, alte Freunde wieder zu sehen, neue Leute kennenzulernen und diese spezielle Stimmung aufzusaugen. Aber dort mitlaufen? Keine Ahnung. Kann ich das (noch)? So weit, mit etlichen Höhenmetern oder bin ich raus, weil zu wenig Training? Ich war mir die ganze Zeit nicht sicher. Und erst am Freitag, Stunden vor der Abreise erwische ich mich dabei, wie ich mein Equipment checke, Wetterberichte studiere und das passende Zeug rauslege. Mein Kopf scheint augenscheinlich zu wollen, mein Körper weiß davon nichts. Ich motiviere mich also, das es schon gut gehen wird, mein Kopf wird mich durch den Lauf tragen, egal wie schnell, wie langsam…

Der Vorabend ist wieder unfassbar. Unsere Herbergseltern Steffi und Norbert ( Flo’s Quasi Schwiegereltern) sind mit Seele dabei – Steffi wuselt akribisch im Hintergrund, Norbert mit seiner Trompete und den Freunden samt Blaskapelle im Vordergrund. Spaß haben alle, Die Band, die Teilnehmer, Flo und Franzi, die die Race Directors sind. 

Ich komme zeitig und mit deutlich weniger Frankenstoff, das Bier unseres Hauptsponsors, als letztes Jahr ins Bett und freue mich zu laufen.

Sonntag morgen 07.00 Uhr – Norbert und Steffi geben ihr Eß- und Wohnzimmer her, damit wir dort frühstücken dürfen, haben Spaß und sticheln uns gegegnseitig. Laufen bräuchte hier keiner, zusammen sitzen, reden, essen, leben. Das sollten wir. Doch das Rennen will es, das sich ca 15 Teilnehmer am Start einfinden und wir uns pünktlich um 08.00 Uhr jolend auf die Strecke treiben.

Die erste Runde laufen wir verhalten an. Es gibt kleine Änderungen in der Strecke, die möchte ich mir erst einprägen. Vorne preschen die Schnelleren davon, ich befinde mich im Mittelfeld.

Die erste Runde ist um, ich kehre in die Verpflegungszone und Norbert, die gute Seele, steht wieder an seinem Törchen, lässt jeden rein und schickt jeden mjt einem Lächeln in die nächste Runde. Ein Ritaul der aller feinsten Sorte.

Meine zweite Runde gebe ich Gas – immer Druck auf dem Schuh, ich lasse es krachen. Es machg einfach Lust durch die Kühle des Morgens zu laufen und die Frische einzuatmen. Ich lebe und genieße. Rauf und Runter geht es am Kreuzberg durch die Trails. 

Natürlich rächt sich das.

Natürlich überpace ich.

Natürlich habe ich zu viel Laktat in den Beinen.

Und natürlich quäle ich mich durch die dritte Runde. Vorbei ist es mit gazellenartiger Leichtigkeit, vorbei mit der Agilität. Würde man einen Seismografen an der Strecke installieren, könnte man mein Gestampfe auf der nach oben offenen Richter Skala deutlich wahrnehmen.

Rums – da liege ich schon auf der Nase. Unachtsamkeit und Gedankenlosigkeit auf dem Trail führt dazu das ich über ejne Wurzel stolpere, mich mit den Händen auffange, doch in der linken habe ich die Handheld, aus der es nun Isogetränk fontänenartig spritzt. Lehm und Dreck am Mundstück, dreckige Knie. Egal, ich rappele mich wieder auf. Weiter geh… Rums, liege ich schon wieder. Ich mache meiner eigenen Blödheit ein wenig Luft, viel schlimmer ist allerdings, das diese zwei Stürze mein Kopfkino ermutigt haben kurz über die Sache des Laufens nachzudenken und alles mehr als dämlich zu finden. 

In mir ist jetzt richtig was los. Mein Kopf rebelliert lautstark und will auf der Stelle aussteigen. Bescheuert, doof, dreckig, albern. Alles. Die ganze Veranstaltung… zu guter Letzt gehen mir plötzlich wieder Bilder von meinem Pa durch den Kopf. Keine schlimmen Bilder, aber das bremst mich vollends aus. Ich gehe, ich hadere, ich grübele, laufe wieder an, bleibe wieder stehen… Quäle mich aber weiter. In mir tobt ein Sturm und ich beschließe nach 3 Runden, ergo 30km auszusteigen. 30km sind schließlich ein toller Erfolg und auf Grund meines nicht vorhandenen Trainings im Vorfeld ein tolle Leistung.

Norbert erwartet mich wieder am Törchen, ich stampfe Richtung Scheune, wo der Verpflegungstisch ist, schnappe mir was zu futtern und setze mich auf die Stufen. Ekläre Flo was gerade mit mir ist und er ignoriert mit stoischer Ruhe meine Pläne. Auch meine Frau kommt hinzu, redet mir gut zu und bearbeitet Körper und Kopf. Ich hasse gerade den ganzen Scheiss… Alles. Und das schlimme ist, das es Flo egal ist. Meine Frau betüdelt mich weiter, ich reiß mich am Riemen und gehe doch in die nächste Runde. Norbert am Törchen, Steffi im Gewusel und der Rest im Applaus. 

Auf der ersten Steigung hadere ich weiter mit mir. Vielleicht 500m habe ich jetzt geschafft und denke gerade darüber nach doch aufzuhören. Einfach umkehren, ich könnte humpeln, wäre ungeknickt – kann doch passieren…? Da kommen mir ca 30 Wanderer entgegen. Aus dem Nichts. Umkehren und an denen vorbei laufen? Wie blöd ist das denn denke ich mir, also mache ich weiter. Ich stackse weiter, komme aber nicht wirklich in den Lauf. Minuten später sitze ich an einer Wiese im Gras und sinniere vor mich hin. An laufen ist zur Zeit nicht zu denken. Umkehren und aufgeben ist jetzt das Mittel der Wahl. 

Als ich mich also dazu entschließe gegen die eigentliche Streckenrichtung wieder heim zugehen, kommt mein Lauf Buddy Christian aka @_trailtiger mal wieder und wie so oft in meinem Laufleben ins Spiel. Da Christian knapp hinter mir liegt würde ich ihm quasi in die Arme laufen und müsste mir sein ‘Singsang’ vom in die falsche Richtung laufen und aufgeben auch noch anhören müssen. Bah, wie ätzend. Also gibt es für mich nur die Flucht nach Vorn. Danke Christian, das du mir mit deiner Nicht Anwesenheit so in den Hintern getreten hast, das ich weiterlaufe!

Trotzdem stakse ich mehr oder weniger rum. Gedanklich schreibe ich schon meinen Blogartikel vom famosen #Kreuzberg40 und bin mit mir zufrieden. 40km sind schließlich ein toller Erfolg und auf Grund meines nicht vorhandenen Trainings im Vorfeld eine tolle Leistung.

Norbert und alle anderen erwarten mich wieder. Mich #Kreuzberg40 Bezwinger, mit mir im Reinen, alles so gut gemacht zu haben und jetzt Wetter und später auch Dusche zu genießen… Blöd nur das Flo und meine Frau Nina das ganz anders sehen. Wer 40km läuft kann auch 50 laufen, aufgeben wäre jetzt keine Option, wie doof, dumm und albern wäre das… und überhaupt: das macht doch keiner! Doch ich – denke ich mir. Einfach mal machen. Die beiden ‘nerven’ aber so lange, das ich mich auf die letzte Runde begebe.

Und was jetzt passiert ist natürlich klar: so bald mein Kopf wieder Ruhe gibt, laufe ich wieder ruhiger und entspannter. Es ist nicht so, das es leicht läuft, rein körperlich habe ich schon 40km und gute 1000 Höhenmeter in den Knochen, aber es geht halt irgendwie. 

Ich mache immer mal wieder Gehpausen, das Anlaufen fällt schwer aber ich will! diese Runde jetzt auch zu Ende bringen…

Auf dem letzten langen Gefälle höre ich Laufschritte hinter mir, schnell näher kommend gleichförmige Schritte, die ich ganz genau denke: der Tiger läuft auf mich zu, ich halte ihm meine linke Hand raus, er klatscht mich kurz ab und knallt an mir vorbei. Ich rufe ihm ” Lauf, mein Pferdchen, lauf!” hinterher, ein anwesendes Pärchen muss schmunzeln. 

Sein Temoo kann ich ungefähr 14m mitgehen, also lasse ich ihn ziehen..

Etwa 5 Minuten später als er komme ich ins Ziel. Norbert am Törchen, die Menge jubelnd, Flo nimmt mich kurz, meine Frau lange in den Arm und der #Kreuzberg FÜNFZIG ist Geschichte.

Wir warten noch die restlichen famosen Teilnehmer ab, nehmen die Siegerehrung mit und fahren weiter nach Weimar, wo wir uns eine Tage einquartiert haben…

Was bleibt? 

Ich muss allen Teilnehmern, Mithelfern, Anwesenden und natürlich meiner Frau den größten Dank aussprechen. JedeR von euch kann stolz und glücklich sein, ein Teil dieses tollen Wochenendes zu gewesen zu sein. Danke an Steffi und Norbert für eure schreckilich unkomplizierte Art und Danke Franzi und Flo, ihr habt einen tollen Job gemacht. Nina, du sowieso.

Was bleibt mir? Die Erkenntnis das mein Kopf mal wieder und immer noch Streiche mit mir spielt, das ich immer noch laufen kann, das ich weiter streake, das ich ein Stück mehr den Tod meines Pa verabeitet weil darüber geredet habe. Gute, sehr gute Erkenntnise.

Und das ich mich am Vorabend des Laufs dazu habe hinreißen zu lassen mit Flo im April 2019 ein Wanderung zu machen. Über ein ganz paar Kilometer…. *hust

Ob das so richtig war, wird die Zeit zeigen. Wie alles…

Kölnpfad 2018- Klüngel der liebenswerten Art

Wir treffen Christian, Mitte 40, einen dieser Menschen, die sich voll und ganz ihrem Hobby verschrieben haben. Christian läuft gern. Laufen nicht in dem Sinne von Firmen- oder Stadtläufen. Ihn reizen die Strecken jenseits des Marathons. Alles über 42,195km würde man Ultra nennen. Das hätte nichts mit den Stadion Raufbolden beim Fussball zu tun, erklärt er mir und lacht. Sein Lachen ist ansteckend, ein Typ der in sich ruht, mache ich mir Notizen.

Wir haben Christian bei seinem letzten Lauf dem sog. Kölnpfad begleiten dürfen. Mit seinem Freund Christian aka Trailtiger erleben wir eine Strecke von unglaublichen 110km. Der Fernwanderweg verläuft einmal um ganz Köln und zeigt viele unterschiedliche Facetten der Rheinstadt. Die Gesamtlänge ist eigentlich 171km, aber sowas macht ja keiner erklärt uns “Tiger”.

Freitag Abend: Christian treffen wir zu Hause an, wie er gerade all seine Sachen und Ausrüstungsgegenstände fein säuberlich zusammen legt. Da habe jeder seinen eigenen Stil, so Christian. Später treffen wir noch seine Frau Nina und fragen sie nach dem Vorhaben. Angst habe sie nicht, die beide würden sich blendend verstehen und gut aufeinander aufpassen. Sie hätte ihn halt laufend kennen gelernt und unterstützt seine Vorhaben. Manchmal würde es ihr allerdings auch zu bunt, lacht sie.

Christian verabschiedet sich gegen 22:00 Uhr und geht zu Bett. Der Wecker ginge schließlich um 05:00 Uhr. 

Wir verabschieden uns und verabreden uns für Samstag 06:00 Uhr. 

Fröhlich öffnet Christian uns die Tür. Nervös, nein nervös wäre er nicht. Aber eine gewisse Aufregung gehöre schließlich dazu. Wir fahren gemeinsam zuerst Richtung Ruhrgebiet, um in einer Kleinstadt seinen Freund “Tiger” und gefühlt eine Woche Urlaubsgepäck einzuladen. Danach geht es weiter zum Zielbereich nach Köln, wo sich die beiden Namensvetter ihre Startnummern abholen und letzte Vorbereitungen treffen. Um 08:45 Uhr fährt sie und ca. 40 weitere Teilnehmer eine gecharteter Reisebus zum eigentlichen Start am Rheinenergiestadion. Im Bus herrscht gute Stimmung, Teilnehmer lachen und zeigen sich belustigt über die Wettervorhersage. 30 Grad sollen es wohl werden, so Tiger. 

Um kurz vor 10:00 Uhr versammeln sich alle Ultraläufer um den Veranstalter Tom Eller, der eine kurze Rede hält. Er weißt nochmals auf spezielle Streckenabschnitte und die Wärme hin. Trinken, trinken, trinken, so Eller. Gemeinsam zählen alle herunter und pünktlich setzt sich die Läuferschar in Bewegung. 

Das erste unerwartete Hindernis taucht noch am Rheinenergiestadion auf. Ein Ordner lässt die Läufergruppe nicht am Stadion vorbei. Nach kurzer Diskussion wird es diesem aber zu bunt und lässt zähneknirrschend die Sportler durch…

Der Kölnpfad ist einer von 14  Rundwanderstrecken, die vom “Kölner Eifelverein” betrieben und unterstützt werden. Dieser über 125 Jahre alte Wanderverein markiert mit einem weißen Kreis auf schwarzem Grund den Weg und ebnet dem Wanderer die Möglichkeit einzelne Etappen oder die komplette Strecke zu durchgehen.

Zurück zu unseren Hauptakteuren, die sich mittlerweile in einem eher ruhigen Lauftempo bewegen. Immer wieder kommt es vor das sie eines der Hinweistafeln übersehen. Teils durch rankende Pflanzen, teils durch Vandalismus. Kein Problem erklären beide: der sog. GPX Track sei auf den Handys und auf einem Handheld, einer Art Navigationsgerät für Wanderer geladen.

Nach ca 12km erreichen wir den ersten Verpflegungspunkt (VP). Die Läufer, die den kompletten Kölnpfad absolvieren, haben zu dem Zeitpunkt schon 75km in den Beinen. An jedem VP warten freiwillige Betreuer, die häufig selbst Ultraläufer sind oder einen besonderen, meist familiären Draht zur Szene haben. Ein freundliches Wort, ein Stück Melone, die Getränkeflaschen aufgefüllt, geht es schnell weiter.

Die Strecke wechselt immer wieder zwischen angenehm schattigen Stücken und offenen Grünflächen. Man merkt jetzt schon das es eine Hitzeschlacht werden wird.

Wir dürfen an den Gesprächen der beiden teilhaben:  zwischen ruhigen Momenten wird gelacht und gefoppt. Aber auch ernste und sogar kritische Töne werden angeschlagen. “Stell uns in ein paar Stunden mal eine Rechenaufgabe, da sind wir gaga” lacht Tiger. Der Körper würde auf Schonbetrieb umschalten und so bliebe halt nicht mehr so viel für das Rechenzentrum über.

Nach weiteren 13km kommen wir zum nächsten VP. Flüssigkeit auffüllen, eine Handvoll Studentenfutter, ein paar Stücke Melone. Diese Stationen sind wahre Oasen, liebevoll drapiertes Obst, Müsliriegel, allerhand unterschiedlicher Getränke lassen auch uns das Herz höher schlagen. Aber es geht weiter. 

Die nächsten Kilometer geht es direkt am Rhein entlang. Rechts der Fluss, links die überholenden Radfahrer. Man müsse sich halt arrangieren erklärt mir Tiger. Derweil der erste Gemütsausbruch von Christian. Haben wir ihn doch als einen ruhigen und sympathischen Läufer erlebt, raunzt er jetzt herum. Der Tiger lacht und erklärt: jetzt ist er in seinem Element. Christian könne sich gern an kleinen Dingen aufregen und die Wärme mache halt auch was aus. Aber so schnell sich Christian aufgeregt hat, kommt er auch wieder runter. Wir traben weiter am Rhein entlang, überqueren die Autobahnbrücke der A4 und folgen dem Fluss in die andere Richtung. Nach weiteren 11km erreichen wir wieder einen VP.

Dort erwarten uns liebe Menschen, die nicht nur eine Massage Liege und Zelte zur Erholung aufgebaut haben, einen Kühlschrank am Generator, oder eine Bierzeltgarnitur, sondern auch eine mobile Dusche installiert haben, die beide gleich nutzen um ihre T -Shirts nass zu machen. Kühlung ist das A und O. Hier erleben wir die Ultra Welt. Inning und verbunden. Nach 10min Oase geht es auch schon wieder weiter.

Wir sind unterwegs zum nächsten VP. Christian macht uns Sorgen. Er wird zunehmend schweigsamer und lässt sich einige Meter nach hinten fallen. Derweil erklärt uns der Tiger, daß das ganz normal sei. Es gebe halt Höhen und Tiefen im Ultra laufen. Man komme da selbst wieder raus, manchmal wüsste man halt nicht den Weg aus dem Dilemma. Christian greift zu seinen Kopfhörern. Selbst wir hören den stampfenden Technobeat, dem er sich jetzt hin gibt.

Wir kommen in ein Waldstück, schattig und angenehm. Der Kölnpfad ist zum Trampelpfad geworden. Wir müssen hintereinander laufen. Als ich mich umschaue, liegt Christian gerade auf dem Boden und rappelt sich auf. Den Sturz haben wir nicht mitbekommen. Wutentbrannt taucht er unter uns weg, setzt sich an die Spitze und läuft ein Tempo, welches viel zu schnell für dieses Unterfangen ist. Der Tiger hält mich zurück. Wir sollen ihn ziehen lassen, er müsse das jetzt mit sich ausmachen. Nach 5 Minuten ist der Spuk wieder vorbei. Wir bewegen uns wieder ruhig durch die Landschaft. Mittlerweile brennt die Sonne erbarmungslos auf uns nieder.  Auf einmal gibt es Unstimmigkeiten zwischen den beiden. Der nächste angekündigte Erholungspunkt ist nicht dort, wo er laut Briefing sein soll. Beide schauen auf ihre Handys, vergleichen und beratschlagen sich. Eine Lösung haben sie nicht, er wird schon kommen.

Er kommt auch. Dort erleben wir, wie zwei der Teilnehmer das Handtuch werfen. Sie sind raus, ein sog. DNF (did not finish) ereilt die beiden. Diese Momente sind die traurigen und dunklen Seiten der Ultraläufe. Häufig liegt es nicht an körperlicher Erschöpfung sondern das das Kopfkino den Sportler mürbe macht. Das könne jeden treffen, so Christian. Und solche Vorlagen brächten einen gerne selbst in Grübeln.

Was jetzt kommt wird in der Kölnpfad Comunity später liebevoll als Todeszone bezeichnet. 17km bis zum nächsten Verpflegungspunkt zur besten Nachmittagszeit ohne einen Schattenpunkt lassen uns erschaudern. Abwechselnd gehen und laufen wieder an. Die Sonne brennt, die Grillen zirpen, Wind, wenn überhaupt, weht warm über unsere Körper und fordert uns alles ab. Wir bleiben an einer Böschung stehen, die uns kurz Schatten bietet. Die Luft flimmert, weit vor uns ein Sportler, weit hinter uns ein anderer. Wir gehen alle an unsere Grenzen. Doch was dann passiert sind diese wunderbaren Momente, von denen die Ultras immer wieder berichten. Wir kommen an eine Biegung am Ende einer Wohnsiedlung. Dort hat der Besitzer einen Gartenschlauch mit einer Regendusche in seine Birke gehängt und unablässig rieselt das Wasser auf die Strecke. Einfach so. Wir kühlen uns ab, freuen uns für den Moment und traben weiter. Danke!!

Am Ende dieser Felder tauchen wir wieder in den Großstadtdjungle ein. Auf der linken Seite taucht auch ein Supermarkt auf. Christian schert aus und läuft Richtung Supermarkt. Kurze Zeit später kommt er mit Calippo Eis für alle wieder. Wir freuen uns über diesen tollen Zug.

Wir merken, das die Sonne nicht mehr so intensiv brennt, auch die Schatten werden länger. Das Schlimmste ist also überstanden. Am nächsten VP erwarten uns viele Teilnehmer die auf Isomatten im Schatten sitzen, ihre Blicke teils weit weg, teils auch im jetzt. Christian kommt mit einer Kartoffelsuppe wieder und freut sich. Wir stehen zusammen und leben die letzten Stunden noch einmal durch. Das war brutal sind wir uns einig. Nach 15 Minuten geht es langsam wieder weiter. Erst gehend, dann langsam anlaufend.

Plötzlich sind die beiden Christians nicht mehr allein. Sven hat sich zu ihnen gesellt. Sie kennen sich noch vom letzten Jahr und sind gleich auf selber Wellenlänge. Das Tal scheint durchschritten zu sein, es wird gelacht und gespaßt und allen tut die Abwechslung merklich gut.

Weiter geht es Richtung Bensberg. Die ursprüngliche Strecke sollte durch den Königsforst gehen, doch es gab Unstimmigkeiten zwischen Ämtern und Veranstalter. So laufen wir nicht durch  sondern quasi um den Königsforst. Der Schatten und die Kühle des Waldes gibt den dreien Energie zurück. Die Temperatur ist gerade hier im Wald deutlich angenehmer. Immer wieder gibt es kurze Gehpausen, aber es gibt insgesamt neue Zuversicht.

In Bensberg angekommen ist der nächste Verpflegungspunkt kurz vor dem Schloss fast an höchster Stelle auf einer Terrasse. Als wir ihn erblicken, werden auch wir gesehen. Athleten und Helfer klatschen und jubeln. Jeder feiert jeden. Ich muss mittlerweile meine Meinung über die wahnsinnigen Laufspinner endgültig über Bord werfen, erlebe ich doch immer wieder tolle Momente wie diese. Niemand ist allein, jeder fragt nach, sollte man den Eindruck haben das der oder die Überholte gerade durch ein Tief geht. Eine große wunderbare Gemeinschaft. Das gibt es nur bei den Ultraläufen, so Christian. Ab 42km werde alles viel entspannter, das Konkurrenz Denken sei vorbei.

Wir machen in Bensberg eine längere Pause, sitzen das erste Mal, tanken Körper und Seele auf. Auf meine Nachfrage wie weit wir sind, denke ich an die Rechenaufgabe vom Anfang. Ich bekomme unterschiedliche Aussagen. So ca. 80km lachen mich die drei an. Ist also nicht mehr weit.

Die Sonne geht langsam unter und wir laufen durch kleine Dörfer und überqueren Felder und Wiesen. Mal als Trampelpfad, mal als breiter Radweg. Dann kommen wir an einem Bauernhof vorbei und der Tiger schreit: “Christian, hier ist dein Kakaoautomat!” Was jetzt passiert wundert mich selbst nicht mehr: Christian schwenkt aus zu einem Automaten, an dem man Milch selbst zapfen kann. “Hier hat er letztes Jahr um 02:00 Uhr nachts einen Kakao gekauft und war selig. Verrückter Kerl…” erklärt Tiger.

Die Sonne ist mittlerweile verschwunden und wir laufen mit Stirnlampen. Immer wieder tauchen jetzt Wanderer auf, die sich an den 100km versuchen, die der Veranstalter auch organisiert hat. Reflektierende Marker an ihren Körpern und deren Equipment lassen sie von weitem schon ausmachen. Beim Vorbeilaufen jubeln wir ihnen zu und bekommen Szenenapplaus. Eine wunderbare heile Welt.

Ich war der Meinung alles heute schon erlebt zu haben, aber was die sog. Laufbrigade Oberberg auf einem Parkplatz aufzieht sucht seines gleichen. Ich fühle mich eher wie auf einem Rockertreffen. Laute Heavy Metal Musik und Grillwürstchen erwarten uns. Wer keine Wurst will bekommt warme Worte und Tomatensuppe. Eine ausgelassene Stimmung wie auf einem Gartenfest nimmt uns ein. Immer wieder helfende Hände betüddeln uns auf Herzlichste. Als wir wieder losziehen, beklatschen sie uns in die Nacht.  Noch 20km rechnet Tiger uns vor. Also weiter gehts.

Wir laufen durch Wälder und über Schotterwege. Kalt ist uns allen nicht. So langsam kommen selbst bei mir Gedanken auf, das Ziel des Kölnpfads zu finishen. Sven sagt, ich könne jetzt auch spazieren gehen, so viel Zeit sei noch bis zum Cut Off, dem Zielschluss. Weiter geht´s. Wir wechseln immer wieder waldige Passagen gespickt mit Weihern und kleinen feinen Wohngebieten. In einem Waldstück sind sich Tiger und Sven sicher: gleich kommt der letzte VP. Und wahrlich. Was uns dort erwartet lässt unsere Herzen höher schlagen: wie eine Einflugschneise einer Landebahn sind auf dem Waldweg rote Kerzen aufgestellt. Wir landen. Und sind glücklich. Es gibt für jeden noch einmal Getränke, Riegel, liebe Worte. Eine der Helferinnen fragt uns ob wir hinter uns jemanden gesehen hätten. Tiger antwortet, das wir jemanden von den 171igern überholt hätten, der gar nicht gut ausgesehen hätte. Schnell schnappt sie sich hier Kopflampe und sagt, das sie ihm mal ein Stück entgegenlaufen wolle, dann würde es ihm nicht so schwer fallen. Ich sinniere: was geht ihnen diesen Mensch bloß vor, stehen zusammen und helfen sich wo es nur geht. Alle für einen, einen für alle.

Wir machen uns auf zur finalen Etappe, sind es doch noch 10km von insgesamt 110km. Ein letztes Mal durch Wälder, an quakenden Fröschen vorbei, ein langes tristes Stück an einer Eisenbahn vorbei überqueren wir alsbald eine Wiese und tauchen ein letztes Mal ein in die Zivilisation. Der Tiger lacht. “Gleich kommt noch ein Waldstück, es ist noch nicht vorbei.” Wir traben durch die Nacht. Mittlerweile ist es 02:30 Uhr, wir sind seit 05:00 Uhr auf den Beinen. 

Der Wald spukt uns aus. Wir überqueren ein letztes Mal eine Straße und laufen in den Zielbereich. Es wird gejubelt, es wird geklatscht, die drei umarmen sich herzlich. Sie nehmen auch mich in den Arm, war es doch auch für mich ein unvergessliches Erlebnis. Geredet wird nicht mehr viel, zu müde sind wir alle.

Gegen 04:00 Uhr fahre ich die beiden Christians nach Hause, Sven mussten wir vorher Lebe Wohl sagen. Sie sind mir dankbar, Kupplung treten wäre jetzt uncool, grinsen sie. Etwa 05:00 Uhr ist auch meine Reise vorbei, mache es mir in meinem Auto gemütlich und schlafe ein paar Stunden. Ich denke noch so das ….und dann bin ich auch schon weg.

Was bleibt ist eines der tollsten Abenteuer die ich erleben durfte. Dieser Einblick in eine Gemeinschaft, die auch Fremde mit offenen Armen aufnimmt. Keiner ist allein, alle ziehen an einem Strang. Ich erinnere mich, das ich die beiden auf der Hinfahrt gefragt habe, ob laufen süchtig machen könne. Sie verneinten es, aber das drum herum wäre schon toll. Jetzt weiß ich warum sie es machen, dieses Ultra laufen, jenseits der 42,195km.

Vielen Dank Sven, Tiger und Christian.

 

Der (Lauf-) Weg zum Glück

Eigentlich wäre die Story zum Kölnpfad schnell erzählt: Christian @_trailtiger und ich  laufen beim Kölnpfad Ultra nicht die volle Strecke von 171km sondern die nächste Kleinere von 110km, kommen ins Ziel, sahnen die Gürtelschnalle ab und Tschüss.

Wenn da nicht noch ein paar Kleinigkeiten zu erwähnen wären:

Nachdem der Tiger und ich 2017 im Rahmen des Kölnpfads die sog. Kölsche Nachtschicht mit 75km gelaufen sind, war mir relativ schnell klar, das ich mich ein Jahr später an den 110km versuchen wollte. Allerdings sollte es mein Projekt werden, wollte ich doch keinen Druck von außen, sondern in Einzelkämpfer Manier triumphieren. Geht natürlich nicht! Irgendwann, irgendwo verplappert man sich und letztlich waren Sarah @bySarahSi, der Tiger und meine werten Freunde der Kuchencrew KCHNCRW André @AndreNO und Daniel von endurange.com im Boot. Fachliche Kompetenz und Wahnsinn gleichermaßen.

Die Tage gingen ins Land und ich stellte meinen Laufplan für 2018 auf: 50km Lauf in Rodgau mit hoffentlich neuer persönlicher Bestleistung (PB), Treppenwitz METM und dann der Kölnpfad sollten tolle Momente ergeben.

Nachdem ich wirklich Rodgau mit neuer PB gemeistert und den METM bravourös gemeistert hatte, war mein Selbstvertrauen so hoch, das ich ohne wirkliche Sorgen an die Vorbereitungen zum längsten Lauf meines Lebens gehen konnte.

Wären da nicht einige dunkle Wolken aufgezogen. Wolken in Form von Gedanken, die vermochten mich nicht vollends hinter das Projekt zu stellen, Gedanken die mich zögern ließen. Durch den METM hatte ich erstmalig das Gefühl in dieser Ultra Welt angekommen zu sein. Der außenstehende Betrachter wird sich zu Recht wundern: Rodgau, der doppelte Hermann, die Nachtschicht sind doch alles tolle Ultra Läufe. Du bist also ein Ultra. Nur ich hatte nie diese Gefühl. Erst der METM macht mich, so meine Meinung, ein Stück weit zu dem der ich immer sein wollte. 

Ich veränderte also meine Gedanken bezüglich Ultralaufen wie folgt: Der Kölnpfad sollte nicht nur Saisonhighlight sondern auch so etwas wie ein Schnitt und Abschluss in meinem weiteren Ultra Laufweg sein. Ich wollte nicht mehr nach einem riesigen Trainingsplan laufen, wollte nicht mehr Sonntag morgen um 04:00 Uhr aufstehen, wollte nicht mehr ein schlechtes Gewissen haben wenn aus den geplanten 35km nur 27km würden. Es reichte mir. War ich satt? War ich müde? Ich wusste es nicht. 

Ungefähr 2 Monate vor dem Kölnpfad bin ich dann eher durch Zufall mit dem sog. Streak Running angefangen. Streaken bedeutet täglich mindestens eine Meile (1600m) zu laufen. Das kam mir entgegen: lange laufen = Streak, kurz laufen = Streak, gar nicht laufen = 1600m laufen = Streak. Ich konnte so geschickt zwei “Welten” miteinander verbinden. Dieses Streak Running sollte mein Auffangnetz für die Zeit nach Köln werden, ohne in ein Loch fallen zu müssen, ohne sich wieder aufzurappeln und Glückseligkeit in der nächsten Wettkampf Anmeldung finden zu wollen…

 

Der Tag war endlich da: Samstag 05:09 Uhr klingelte der Wecker, aufstehen, frühstücken, Tiger abholen, nach Köln fahren, Startnummer abholen, Shuttlebus zum Start am Rhein Energie Stadion, Tom Eller, der Veranstalter, schickt uns mit einer kleinen Rede auf die Reise und somit auf den längsten Lauf meines Lebens. Unterwegs gesellte sich der liebe Sven noch zu uns und am Sonntag um 02:30 Uhr liefen wir als 5ter, 6ter und 7ter gemeinsam ins Ziel. Müde. Leer. Fertig. – Schnell die Gürtelschnalle als Medaille abholt, geduscht, Tiger weg gebracht, heim gefahren und 24h später machte ich den Motor des Autos um 05:09 Uhr wieder aus. Der Kölnpfad war Geschichte.

Wie jetzt? mag sich sich der geneigte Leser denken. Das ist die Kölnpfad Story? Klares JA.

Mein Gedanken und Erlebnisse sind so wie ein Tisch voller Urlaubsfotos. Zu jedem Bild gibt es eine Anekdote, eine kleine Geschichte. Aber welches Bild nun in das Album darf und welches nicht, werde ich in einem anderen Blog Post klären. Es ist alles zu frisch für mich.

Aber eine kleine Geschichte soll hier erwähnt werden: kurz vor dem Verpflegungsposten in Bensberg komme ich an einem Irish Pub direkt an der Strecke vorbei. Die Tür steht offen, man hört einen Fussball Kommentator reden. Ich gehe rein, der Wirt schaut mich an, als ob ich ein Alien wäre und ich bestelle die vermutlich allerbeste große Spezi meines Lebens. Totales Glück für 2,70 EUR. Die Kohlensäure kribbelt an der Nase, die feuchte Kälte des Glases in meiner Hand, der bezaubende Geschmack kreiert von der Lebensmittelindustrie und das Klackern der Eiswürfel zunächst am Glasrand, später dann unter meiner Mütze sind eines der ganz großen Momente die ich auf diesem Lauf erlebt habe. Häärlisch!!!

 

Am Sonntag Abend schnappe ich mir meine Laufsachen und laufe 1600m. Nicht schnell, nicht rund, aber so will es nun mal das “Streak Gesetz”.

Ich freue mich jetzt sehr auf die Zeit, in der der Trainingsplan nicht mehr das Maß der Dinge ist, wo ich (hoffentlich) wieder mehr gemeinsame Zeit für meine Frau haben werden kann. Und ich werde mich sicher weiter Sonntags morgens davon schleichen um 35km zu laufen. Und wenn es dann nur 27km werden ist das auch Recht. Viele würden sich danach sehnen, einmal in ihrem Leben einen Halbmarathon zu laufen. Ich sollte also entspannt sein.

Was bleibt?

Der Blog vom Kölnpfad kommt. Wenn alles gedacht, sortiert und abgeheftet ist. Oder wie ein deutscher HippHopper mal sang: “In einem schwarzen Fotoalbum mit ´nem silbernen Knopf, bewahr´ ich all diese Bilder im Kopf…” Und ich werde berichten, wie es für mich war, diese 110km zu laufen. Doch jetzt werde ich mich erst einmal mehr auf die nächsten tollen und wichtigen Laufmomente konzentrieren. Ich weiß auch nicht, ob das Streak Running mein Endziel ist oder wie lange ich es durchhalte. Ich habe geliefert und ich bin aus dem Tiefsten mit mir zufrieden. Ich habe mir gezeigt, das ich was kann. 

Und während ich die Zeilen so schreibe, kommt so langsam die Glückseligkeit dieses “längsten Laufs meines Lebens” in meinem Kopf an. Ich werde sicher noch einige Male von diesen Gefühlen übermannt werden und die ein oder andere Träne vor Freude über die Wange kullern lassen.

(so wie jetzt gerade…)

Alles neu macht der Juni

Diese Überschrift ist so ziemlich alles, was von meinem eigentlich Blog Post zum Köln Pfad 2018 und zum Streak Running übrig geblieben ist. Als ich das letzte Mal schaute, war ich bei 1100 Wörtern. Hatte mir die Seele frei geschrieben und am Ende kullerten sogar ein paar Tränen. 

Es ist müßig zu fragen, warum die automatische Sicherung nicht funktioniert hat. Ich könnte auch das Laptop aus dem Fenster werfen. Es würde sich nichts ändern…

Ich habe 3h Zeit versenkt. Und trotzdem fühle ich mich befreit, als ob ich dem Wirt an der Theke morgens um Drei mein Leben erzählt hätte.

…fange ich halt von vorne an.

Anders, vielleicht besser. 

Was mich wundert, ist diese Gelassenheit und Ruhe in mir. Ich kenne mich eigentlich ganz anders. Hat vielleicht mit dem zu tun was ich eben dem Wirt erzählt habe.

Gelassenheit ist schon was cooles, das wünsche ich Dir für heute!!!!

Ich geh jetzt erst mal einen Milchshake trinken…

Glück auf

 

Trepp trepp hurra

In dieser hoffentlich kurzweiligen Folge soll es um den Mt. Everest Treppenmarathon #METM im beschaulichen Radebeul bei Dresden gehen, wo seit 14 Jahren die Höhe des Mt. Everests bestiegen wird- und das nicht aus einem 4500m hohen Basislager sondern aus Meeresspiegelhöhe. Gut, die Luft ist deutlich dicker als auf dem realen Gipfel und auch Yetis und tibetanische Gottheiten stellen sich einem bei dem Aufstieg nicht in den Weg. Um diese Höhe in unseren Gefilden zu realisieren benötigt nur einen Bauunternehmer der die Möglichkeit hat, eine Treppe mit 39700 Stufen zu bauen. Jeder Statiker wird jetzt abwinken und jeder Mathematiker wird sagen: dann lauft doch eine Treppe mit 397 Stufen 100x rauf und runter, dann habt ihr es doch schon.

Das dachte sich wohl auch ein gewisser Ulf Kühne der in seiner ursprünglichen Heimat aus dem Küchenfenster sah, die Spitzhaustreppe zwischen idyllischen Weinbergen betrachtete und genau dieses Abenteuer erfand. Und da der Ulf so ein Zahlenjongleur war verlängerte er die Strecke auf ein Maß von gut 84km. Also 84km in der Horizontalen und dabei 8848m in der Vertikalen. Fertig ist der #METM.

2017 hatte ich schon einmal das Vergnügen in einer Dreier Gruppe mit Daniel @endurange und André @andre_No von Twitter diese Besteigung zu wagen. Es war ein tolles Erlebnis, was uns drei mächtig zusammen geschweißt hat.

Wir spielten alle schon mit dem Gedanken der Alleinbesteigung in diesem Jahr, doch hatten wir alle nicht Recht den Mumm es auch durchzuziehen. Wie es aber dann doch passierte ist eine kleine eingeschobene Geschichte wert: Ich weiß es noch genau, das ich auf dem Bett saß und mit dem Laptop spielte und sich das Anmeldefenster zum #METM 2018 erst abends um 22:00 Uhr öffnen würde. Doch um 21:40 Uhr konnte ich warum auch immer schon meinen Namen eintragen. Hm. Ein Klick weiter meine Adresse und weitere Daten. Hmmmmm. “…kann ja nichts schiefgehen” dachte ich mir, ist ja noch nicht 22:00 Uhr. Der nächste Klick dann “VIELEN DANK DAS DU DICH BEIM MT. EVEREST TREPPENMARATHON AM 21.04.2018 ANGEMELDET HAST…” Ach! Du! Sch….e!!! Mir zog es mein Bett unter den Füßen weg und ich meldete mich bei meinen Freunden. Und echte Freunde reagieren selbst in brenzligen Situationen wohl gesonnen und machen genau das Richtige. Keine 10min später waren André und Daniel auch angemeldet….

Die Vorbereitungen gingen ins Land, wir treppten und trainierten hier und dort. André musste auf Grund zu großer beruflicher Belastung leider zurück ziehen, bot sich aber als Supporter an um uns beide den Berg hoch zubringen. Jeder Alleingänger darf und sollte einen Edelhelfer mitbringen, der auf einen Acht gibt, aufpasst das man trinkt und isst, vllt ein bisschen ruht und der Seelenmülleimer sein muss. Meiner war und ist Christian @_Trailtiger, mit dem ich schon häufiger “Blödsinn machen konnte” und den ich bei seinem Versuch des 160km Laufs als Nachtbegleiter unterstützen werde.

Der Tag war gekommen: Christian und ich fuhren am Samstag morgen auf einer mal wieder sehr kurzweiligen Fahrt Richtung Radebeul um unser Camp Bereich herzurichten uns mit vielen alten und ein paar neuen Gesichtern zu treffen und das Briefing um 14:30 Uhr mitzumachen. Nacheinander wurden wir aufgerufen und mussten unsere Teilnahme (oder besser die Vollbeklopptheitsklausel) unterzeichnen und dann ging es um 16:00 Uhr bei traumhaftem Wetter für die Zuschauer los. Die Sonne knallte auf unsere Köpfe, Teile der Strecke waren windstill und der Sandstein der Spitzhaustreppe reflektierte die Wärme wieder nach oben. Meine Überlebenstaktik die ich mir zur Recht gelegt vor Folgende: Ich laufe nicht 100 Runden, sondern ich laufe immer 10 und mache dann eine Pause im Zelt, ich esse und trinke bei jeder Runde etwas um nicht in ein Loch zu fallen und vom unteren Wendepunkt zurück zur ersten Treppenstufe gehe ich anstatt zu laufen so uncool gehen ist. 

Die Sonne bemühte sich leidenschaftlich uns Teilnehmern den Akku so schnell wie möglich zu entleeren. Zum Glück wehte ein angenehmes Lüftchen und mit der Sonnencreme Lichtschutzfaktor 30 sollte auch nicht viel passieren. 

Nach 40 Minuten der erste (unfreiwillige) Boxenstop: durch die Wärme hatte ich in meinen FiveFingers Zehenschuhen so ein feuchtes Klima, das ich Sorge hatte mir schnell Blasen zu laufen.

Mein Edelhelfer Christian zeigte sich beeindruckt von meiner Konstanz. Ich lief immer ähnliche Zeiten. Manchmal hängt man einfach wie 6 LKWs auf der Autobahn hinten dran und kann nicht überholen, weil von oben zu viel Gegenverkehr ist. So schaut man seinem Vordermann oder Frau auf den Allerwertesten oder eben auf die Schuhe. Da ist wirklich alles vertreten: der geneigte Ultraläufer zeigt sich gern mit Hoka OneOne, sehr leichten Schuhen mit übermäßig dicker Sohle. Andere laufen in Salomon Speedcross, die auf harten Boden toll dämpfen, deren Profil nach einem Treppenwettstreit aber wohl glatt sein mögen. Einer lief in weißen Turnschuhen, wohlmöglich aus später DDR Fertigung. Und Kurt Hess, mit 65 Jahren ältester Teilnehmer und Zweitplatzierter über alles (124 Runden in 24h) lief mit zwei unterschiedlichen Schuhen. Er muss es ja wissen…

So verging Runde um Runde, die Sonne ging langsam unter und es kühlte sich auf angenehme Temperaturen ab. Die Nacht sollte trocken und klar werden, war es doch letztes Jahr das Vergnügen teilweise bei Schnee- und Graupelschauern zu laufen. Jetzt sollten also meine Sternstunden kommen. Ralf @ribscher sagte zu mir, wer die Nacht übersteht, hat gute Chancen die 100 Runden voll zu machen. Ich sagte ihm, das ich die Nacht ja lieben würde und er antwortete nur mit einem “wir werden sehen…”. Ich bin schon mehrmals mit dem Trailtiger durch die Nacht gelaufen, habe den #SCHLEM allein in der Nacht bewältigt und freute mich auf dieses Monotone auf und ab in der Nacht. Ich habe mich sogar mehrmals dabei erwischt irgendwelche Lieder zu summen, wenn das passiert ruhe ich in mir.

Über dem Wendepunkt lief eine große Stoppuhr mit dem Countdown zu Sonntag 16:00 Uhr herunter. Das war das einzige, was ich an Zeit wusste. Mir war es schlicht egal, ob es nun 01:45 Uhr, 02:27 Uhr oder wann auch immer war. 10 Runden, dann Pause. Das war der Deal. Die Pausen sahen dann so aus, das Christian genau passend wartete und mich aus dem laufenden Verkehr abholte, mich fragte wie es mir ging und was ich denn gern hätte. Auch da immer das gleiche Prozedere: ich holte mir einen Kaffee, smalltalkte kurz mit den durchweg unglaublich lieben und hilfsbereiten Versorgungshelfern, setzte mich dann ins wohl beheizte Teilnehmerzelt, nahm jeweils 3 Salz- und Magnesiumtabletten, eine herzhafte Brühe mit Nudeln, einen halben Becher Malzbier. Zurück ging es am Versorgungszelt vorbei um noch ein paar Krümel Sandkuchen zu vertilgen. Leider hat meine Pulsuhr mich zweimal im Stich gelassen, aber Ralf sagte mal das dieser Lauf ungefähr 9000-10000 kcal verbraucht (meine Uhr meinte sogar für die gemessene Teilstrecke von 65km sogar 11000 kcal zu bemessen).  Theoretisch könnte man also immer essen. Nur muss es leicht verdaulich sein, Energie bringen und dann auch noch schmecken. Ich habe mich während der 10 Runden immer mal wieder von einer Handvoll salziger Erdnüsse und ein paar Gummibärchen ernährt – man kann das irgendwann nicht mehr sehen. Aber was sein muss, muss sein…

Um die Nacht herum zu bekommen, habe ich mich die ganze Zeit auf das erste Vogelgezwitscher gefreut. Die Piepmätze können gerade im Frühling ja auch laut und nervig sein, aber das ist eine so wunderbare Melodie wenn man irgendwann den Ersten hört. Das ist dann DAS Zeichen, das es bald wieder Tag wird. Und dann war es wirklich soweit: erst Einer, dann viele. Das ist Musik in meinen Ohren gewesen. “Junge noch ´ne halbe Stunde, dann dämmert es (mir).” Und dann ging wirklich am oberen Ende der Spitzhaustreppe wieder das Licht an. Ein so toller Moment…

Viele der TeilnehmerInnen haben nachts auf den super bequemen vom Veranstalter zur Verfügung gestellten Feldbetten mal kurz geschlafen um sich zu erholen. Warum ich das nicht gemacht habe, weiß ich nicht. Irgendwie ging es. Was dieses Mal auch ging war mein Kopf. Der Trailtiger weiß es zu Genüge: wenn ich jammere und hadere bin ich in meinem Element. Diesen Wunsch konnte ich ihm dieses mal nicht erfüllen. Einer der Teilnehmer hüstelte und räusperte sich nachts immer wieder auf Treppe. Normalerweise konzentriere ich mich darauf und finde das irgendwann so nervig das mich alles “ankotzt”. Jetzt aber dachte ich mir nur er macht es ja nicht um mich zu ärgern, sondern weil er ein Problem hat. Ich habe es an einfach als sein persönliches Geräusch wahrgenommen und so wusste ich ob er gerade vor oder hinter mir war.

Als der Tag dann endlich angebrochen war gibt es diesen “lichten” Moment, wo die Straßenbeleuchtung abgeschaltet wird. So etwas kann man dann feiern, wie einen tollen großen Moment und den vollbrachten Beweis, die Nacht überstanden zu haben. 

Man sagt, das man bei Ultraläufen irgendwann nicht mehr denkt, weil es einfach nichts mehr zu denken gibt. Probleme hast du angegangen und entweder eine Lösung gefunden oder halt nicht. Das Gehirn schaltet auf Schongang und so kann ich mich einfach nicht an jede Runde erinnern. Aber es waren immer wieder die tollen Momente die einen gepusht haben: ein Lächeln von den Helfern oder die das Schmunzeln über die eigene Blödheit weil man die in der Hose gebunkerten Erdnüsse bei dem Versuch der Entnahme im Treppe abgehen neben seinen Mund führt und sie kullern zu Boden oder sich mit der Faust so verheddert das man den Taschenbeutel einfach auf links zieht und gar nichts mehr hat. Aber eine Runde später hat man neue Möglichkeiten…

Zum Vormittag gab die Sonne wieder Gas, nur der Wind bleib aus – es wurde merklich wärmer und es sollten laut Wetteraufzeichnung bis zu 24 Grad gewesen sein. Ich war sehr froh über das mitgebrachte weiße Laufshirt und die weiße Mütze, die regelmäßig in das Becken mit den Schwämmen tauchte und mir Kühlung brachte. Irgendein Engel verteilte zwischenzeitlich Eiswürfel. Eiswürfel im Mund und unter der Mütze können ein tolles Gefühl sein…

Als die achtzigste Runde anbrach, kam mir erstmalig das Gefühl auf, dieses Ding wirklich zu rocken, was aber gleichzeitig die Ungeduld heranzieht und mit der Wärme eine gewisse Zähigkeit in den Runden aufkommen lässt, die einen verzweifeln lassen. Es gibt bei Youtube den Filmemacher Billy Yang der mit seiner eindrucksvollen Art Ultraläufe in den USA filmt und selbst läuft. In  seinem Film “The Why” läuft er selbst einen 100 Milen Lauf und sagt bei einer Verpflegungsspause zum Team: “Give me 60 seconds to feel sorry for myself” (16´29″). Dieses Gefühl musste auch bei raus. Ich saß nach 90 Runden in meinem Gartenstuhl, setzte die Brille ab, zog meinen Buff über die Augen und die Tränen kullerten. Eine Runde Selbstmitleid. Der Trailtiger ganz nah, wahrte die Distanz und wartete einfach ab. Nach 90  Sekunden war der Spuk vorbei, ich zog den Buff ab, setzte meine Sonnenbrille wieder auf. Kaffee, Brühe, 3 Salz- und Magnesiumtabletten, ein halber Becher Malzbier und am Versorgungszelt ein paar Kuchenkrümel. Weiter geht es.

Die ersten Läufer kamen mir mit ihren Medaillen und traditionell mit einem Kirschblüten Sträußchen, die sie am unteren Ende von #METM Maskottchen Clara bekommen. Das pusht, das will man auch. Und so wie man diesen Läufern gratuliert und sie abklatscht will man das GENAU SO!! Nur leider ist das Gehirn auf Schongang. Und so habe ich mich mit der letzten Runde vertan und es war meine Vorletzte. Also nochmal alles mobilisieren und die wirklich aller aller allerletzte Runde, die sog. Lächelrunde angehen. Bedanken bei den THWlern die die ganze Nacht aufgepasst haben, bedanken bei Clara, die mir das Sträußchen und die Medaille übergibt. Clara ist übrigens 15 und wohnt mit Ihren Eltern direkt an der Treppe. In den ersten Jahren war sie das Maskottchen in einer Wiege, später dann wohl an der Hand ihre Eltern bei der Medaillenvergabe dabei. Mittlerweile so groß, das sie die Übergabe selbst macht. Viele der Wiederholungstäter kennen sie von klein auf.

Du kommst also mit deiner Medaille die letzten 300 nochwas Stufen hoch, die anderen Teilnehmer gratulieren dir international und oben warten die Zuschauer und deine Freunde und feiern dich. Über die Lautsprecher hörst du Deinen Namen und alle freuen sich. Herz was willst du mehr. Mehr geht wahrscheinlich nicht. Ein unbeschreiblicher Moment. Gut 20h, 39700 Stufen runter, 39700 Stufen hoch, dazu 84km in der Horizontalen. Nicht in Worte zu fassen und wahrscheinlich der Grund für die Wiederholungstäter. Stand heute: ich nicht.

Ich muss mich jetzt erst einmal erholen, Kraft tanken, Emotionen einsortieren und werde wohl noch etwas an Zeit benötigen um dieses Abenteuer zu verarbeiten.

Das hab ich gut gemacht 🙂

 

 

Der SCHLEM 2018

In 5 Tagen ist der SCHLEM, mein Marathon in der Einfahrt. 

Ach je – wo fange ich an, wo höre ich auf. Ich könnte im Vorfeld einen Bericht schreiben und anfertigen, in dem alles super gelaufen ist, Wetter und Teilnehmer waren die wahre Wonne und überhaupt tätowiere ich mir SCHLEM auf die Stirn. Ich könnte auch wahrheitsgemäß schreiben, das die Teilnehmer nicht nur wegen schlechter Organisation und üblem Wetter, sondern mir auch auf den social media Kanälen entfolgt sind und mit mir keiner mehr spielen will.

Oder aber, ich warte es einfach mal ab und erzähle derweil was ein Veranstaltungsrookie so treibt:

Dabei nehme ich mir Beispiele an anderen Laufveranstaltungen und stelle fest: Es gibt bei mir kein einheitliches Logo. So tüfftel ich immer wieder wieder mit unterschiedlichen Schriften, stelle mir vor, wie schön es sein könnte. Caps, Pullis, Rucksäcke, Gürtelschnallen… alles über den Onlineshop erhältlich. Die Realität sieht etwas anders aus. – Ich möchte ein Logo, welches nicht zuletzt meine Art und Weise, meine Denke und Geschmack widerspiegelt. Während die Schriftbilder in jeglichen Gazetten weicher und runder werden, möchte ich eine harte gerade Line. Und endlich ist etwas gefunden! In meinem Hirn erwacht schon der nächste Schritt: Starterbeutel müssen her. Coole Starterbeutel mit tollem Inhalt. Somit entscheide ich mich für wieder verwert- und verwendbare Baumwolltragetaschen auf die ich mit einer Schablone das Logo sprühe. Als ich also die erste Schablone mit einem scharfen Cutter bearbeite, stelle ich fest, dass z.b. das kleingeschriebene “e” in Schlem nicht cut-bar ist. Ähnlich ist es mit “0” und “8” in 2018. Somit fliegen Schablone und Vorlage in den Müll und alles wieder auf Anfang. 

Später dann ist ein neues Logo gefunden, die Probleme minimiert und ich besprühe den ersten Beutel mit Logo.  “Sieht scheisse aus, stolz bin ich trotzdem” – das ist mein erster Gedanke. Ich verfeinere Technik, setze auf Dinge wie Geduld und Muße und komme voran…

Als nächstes müssen all diese Beutel befüllt werden. Da ich die Starterbeutel und den Inhalt auf meine Finanzkappe nehme und nicht über die Startgebühr finanzieren möchte, kann ich mir nur kleine Dinge erlauben. Doch kleine Weingummitütchen, diverse Kosmetika und Energieriegel von einem Drogisten machen sich hervorragend.

Hervorragend macht sich auch meine Frau, die einmal mehr mit Enthusiasmus meinem Projekt und noch mehr Geduld mir gegenüber agiert. DANKE, DANKE, DANKE.

Doch nicht nur die SCHLEM Bastelschmiede kommt langsam auf Touren. Ich habe mich lange gessträubt, eine private Veranstaltung bei Facebook zu posten. Was ist, wenn ich etwas falsch mache und plötzlich 173627192926 Millarden Menschen in der Einfahrt stehen und den SCHLEM laufen wollen…? Mir wird warm und kalt als ich auf den Button “Veranstaltung erstellen” klicke. Aber es scheint alles gut zu gehen.

Ich freue mich wie ein Kind, wenn sich wieder ein Laufverrückter dazu entschließt, teilzunehmen. Mittlerweile bin ich bei 17 “Willigen”. Egal, wieviele wirklich die 238 Runden laufen werden, es ist unfassbar für mich. Und während ich das schreibe, wird mir einfach nur wohlig warm. Wie kann es nur sein, das ein Verrückter schreit und 17 Verrückte schreien zurück. Die VerSCHLEMisierung des Abendlandes,  denke ich mir und grinse. 

Und ich muss auch noch ein kurzes Wort der Teilnehmerschaft loswerden: Ihr seit unglaublich! Unglaublich kreativ, hilfsbereit, ideenreich und geduldig mit mir. Ich kenne zum diesem Zeitpunkt nicht mal alle von Euch, was die Sache noch viel bekloppter macht. Meinen DANK an Euch!!!

Und ich hadere wegen der nicht zu machenden Wetterprognosen hin und her. Vorgestern 8 Grad Sonne, gestern 16 Grad und Regen. In zwei bis drei Tagen werde ich wohl endlich eine gewisse Richtung wissen. Auch wenn ich altklug immer wieder und in jeder Lebenslage Sätze wie: “gescheite Wetterprognosen kann man mit den heutigen Mitteln maximal 3 Tage vorher berechnen…” von mir gebe, kann ja so eine klitzekleine Aktualisierung der Wetter App schon sieben Tage vorher nicht schaden. Um mich noch lächerlicher zu machen, versuche ich mich an Handy und Tablet um doch unterschiedliche Prognosen zu orakeln. Schmarrn ist das!

Moment, ich klick nochmal. Hm…

Beeindruckend finde ich auch folgendes: Ich habe den Fotograf und Mitläufer Jan Garbe gefragt, ob er im Vorfeld noch weitere Bilder von der Location haben möchte. Seine professionelle Antwort, er habe die Adresse gecheckt, ob es Probleme mit  der Flugfreigabe der Drohne gäbe, es wäre aber alles ok. Ja dann…

Toll finde ich auch, das ich im Vorfeld einer noch niemals durchgeführten Veranstaltung mehrfach gefragt wurde ob es die Möglichkeit gäbe, vielleicht 2019 zu starten. Das ehrt mich zutiefst. Das Logo hätte ich… 😉

Ich warte einfach ab und schließe vorerst das Protokoll.

 

In 4 Tagen ist der SCHLEM

Ich habe eben für die Aktiven eine Mail geschrieben und auf die letzten Punkte aufmerksam gemacht.

Nach und nach plätschern Rückmeldungen ein und alle freuen sich. Wie verrückt ist das eigentlich alles: Menschen treffen sich an Ihrem freien Tag um stundenlang  in einer leider immer noch nicht grünen Einfahrt zu laufen. Herrlich!!! Hoffentlich kann ich die Ansprüche die jedeR hat zumindest halbwegs halten…

Wetter -1 bis 11 Grad, trocken, heiter bis wolkig.

Memo an mich: kauf endlich noch Starterbeutel, sonst gibt´s Ärger

 

In 2 Tagen ist der Schlem

Endlich kann ich mit meinen Wetterprognosen so konkret werden, das es vermutlich trocken bleiben wird bei 12 Grad und ein bisschen Sonne

Die letzten Einkäufe sein getätigt und eigentlich sitze ich jetzt nur noch die Zeit ab, bis ich endlich loslegen kann.

 

SCHLEMDAY 🙂

Der Wecker geht um 05:00 Uhr und ich schleiche mich davon. Meine Frau lass ich noch ein wenig Ruhe und Wärme. Mein Tag beginnt damit, das ich mich erst einmal ganz gemütlich neben meine Kaffeemaschine auf die Arbeitsplatte setze und und mir meinen Lieblingskaffee zaubere. Erst dann geht es los:

Anziehen, Mütze auf, Kopflampe auf, Schuppen auf, Partyzeltgestänge zusammen bauen, Plane rüber, ausrichten, verankern, anstrapsen, Bierzeltgarnituren schleppen, Tische aufbauen, Verlängerungskabel für 230V und LAN legen, Musik testen, WLAN testen, WLAN Repeater neu programmieren, Auto wegfahren, die ersten Getränkekisten wuppen, mit der Kaffeemaschine flirten, über den Winter eingesponnene Gartenstühle mit dem Gartenschlauch reinigen, dabei feststellen, dass die Pistole undicht ist, selbst nass werden, fluchen, nachdenken, …

Meine Frau ist mittlerweile aufgestanden und wir checken die Lage und machen weiter. Plötzlich wieder eine gute Idee: endlich weiß ich wo ich die großen Start/ Ziel Banner von geborgt von einem lieben Menschen im Runner´s Point aufhängen kann. Stark! Das macht schon wieder einen besseren Charakter. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, das nicht die großen Aufgaben Zeit fressen, sondern die kleinen Sachen, von denen man hinterher gar nicht mehr weiß, was man alle gemacht hat.

Wir ziehen uns erst einmal zurück und frühstücken gemeinsam. Danach geht es auch schon weiter…

Um 08:45 Uhr wird es endlich ernst: Läufer, Fotograf und Drohnist Jan @jandrea kommt als erster mit Equipment für ein gut sortiertes Foto Geschäft Jan als Profi Fotograf checkt die Lage und baut seine Drohne für erste Bilder auf. “Das Licht wäre gerade so toll…” Bitteschön!!!

Christian, dem Orga vom 6h Lauf in Münster ist auch dabei: in seinem Schlepptau eine riesige digitale 7 Segment Wettkampfuhr, die gleich aufbaue und mich wie ein Kind freue.

Nach und nach tauchen immer mehr StarterInnen auf und endlich sind “wir” komplett. Insgesamt 18 Menschen die verrückt genug sind, dem Ruf des Bekloppten zu folgen. Ich stelle mich auf einen Stuhl und halte eine Rede. Davor hatte ich keinen Bammel, aber es gab Punkte es die ich erwähnen wollte. So sind diverse Augenpaare und Objektive auf mich gerichtet. 

Um Punkt 09:30 Uhr stelle ich mich zu den Startern und wir zählen gemeinsam runter. Jan, der Fotograf hat sich sich passend positioniert. “10, 9, 8, 7, 6, 5” – “STOP” brüllt Jan, irgendwas scheint zu klemmen. Dann grünes Licht: “4, 3, 2, 1” Jubel. Zeitgleich drücke ich per Fernbedienung die Wettkampfuhr auf Start. Der SCHLEM startet. Mein SCHLEM irgendwie, obwohl ich heute das Geschehen von der anderen Seit des VPs sehe. Gemeinsam schicke ich alle auf die ersten Runden und weise während der ersten Runde auf die Tücken und Gefahren hin. Ein großes Hallo folgt mir auf dem Fuße. Nach zwei Runden gehe ich raus und sehe mir das Spektakel genüsslich an. 

Als Race Director (so schimpfe ich mich heute) ist es mein Wunsch allen Gerecht zu werden. Es sollen alle es gut wie möglich haben und die Veranstaltung genießen. Ich habe mir zum Ziel gesetzt mit allen Ausdauersportlern 1-2 Runden zu laufen und ihnen Gesellschaft zu leisten. Und der Knaller: durch die Bank alle sind froh und glücklich, haben Spaß und genießen die Gesellschaft der Gleichgesinnten. Das wird mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Menschen können (so) einfach glücklich sein.

Großes Gekicher und Gequatsche während des Lauf. Alle fühlen sich wohl. 

Die Zeit vergeht für mich wie im Fluge. Aus der Erinnerung heraus habe ich keine wirklich erwähnenswerten Details zu dem was ich so treibe. Abends höre ich von meiner Frau mehrmals, das ich so glücklich und zufrieden ausgehen habe. Ich habe mich auch die ganze Zeit pudelwohl gefühlt, war hier, da und dort. 

Es wird sicher noch einiges zu lesen und zu schreiben geben, diverse Filmemacher, Blogger und Podcaster waren heute dabei, die sich en detail zu diesem Lauf ausleben können. An die möchte ich gerne verweisen. Ich bin sehr gespannt….

Nach gute 4:50 h ist auch der letzte Läufer im Ziel. Ich nenne bewusst keine Statistiken. Hier ist jeder heute Sieger, egal welche Strecke er oder sie gemacht hat!!!! Und Sieger bekommen eine Urkunde, so will es das Gesetz.

Natürlich reden oder posten ihren vermutlich beklopptesten Lauf des Jahres ( Ever?).  

 

 

Liebe Teilnehmer:

Es ist nichts kaputt gegangen – DANKE EUCH DAFÜR

Es gab überhaupt keinen Müll auf der Strecke -DANKE EUCH DAFÜR

Es gab keinen der sich weh getan hat – GUT AUFGEPASST ALLE ZUSAMMEN

Es ist nichts weggekommen – DANKE EUCH DAFÜR

Und 1000x Dank, das Ihr das alles möglich gemacht habt. Ohne Euch wäre das alles nicht machbar gewesen.

So stelle ich mich nach 5.20h wieder auf den Stuhl und halte eine ganz kurze Dankesrede. Und mit dem Einverständniß aller Anwesenden schalte ich die Wettkampfuhr ab – Der SCHLEM ist Geschichte.

Ich bin selig. 

wierklich

Das war toll!!

 

 

Wir stehen noch gemeinsam zusammen und grillen ein paar Würstchen, bevor sich die letzten auf den Weg machen.

Dann heißt es kurz nachdenken, Gartenstühle stapeln, Getränkekisten wuppen, Bierzeltgarnituren wegstellen, Auto holen, Verlängerungskabel zusammen rollen, Partyzelt abbauen und so viele Kleinigkeiten, die man morgens gemacht hat und sich abends wundert, wie viel Zeit das in Anspruch nimmt.

Meine Laufuhr zeigt abends knapp 34000 Schritte und mein Handy etwa 300 Tweets oder Erwähnungen. Geht schon 😉

 

PS. vielleicht tätowiere ich mich doch SCHLEM auf die Stirn.

PPS. und evtl blogge ich irgendwann noch was zum SCHLEM, jetzt ist mein Kopf erst mal müde, leer und k.o. Aber auch, glücklich, zufrieden und ein kleines bisschen stolz. Und bitte nehmt mir nicht übel, das ich euch nicht alle einzeln erwähnt habe. Seht es als großes Ganzes. Ihr wart real dabei.

 

Und ohne dich liebe Barbara als so tolerante und offene Vermieterin, wäre dieses wunderbare Erlebnis nie existent gewesen. Auch Dir meinen Dank!